Mona Høvring - Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Mona Høvring - Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Mona Høvring - Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Von Holger Heimann

Die Geschichte einer Emanzipation: Zwei Schwestern leben in einer ungesunden Abhängigkeit voneinander. Doch dann tut sich ein Ausweg auf.

Mona Høvring
Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Aus dem Norwegischen von Ebba Drolshagen
Edition fünf
128 Seiten
19 Euro

Meine Bücher sind 100 bis 120 Seiten dick

Lange Romane, die den Leser in einen weit ausgedehnten Erzählkosmos hineinziehen, sind nicht ihre Sache. Mona Høvring, die als Lyrikerin begonnen hat, schreibt gern kurze Bücher mit überschaubarem Personal. Im Zentrum stehen zumeist Frauen, die nach ihrem Weg im Leben suchen. Um diese Suche präzise zu gestalten, versucht Høvring ihre Romane auf das Essentielle hin zu verdichten.

"Meine Bücher sind 100 bis 120 Seiten dick, aber geschrieben habe ich vielleicht 200 oder 300 Seiten. Nach der ersten Fassung bleibt noch eine Menge zu tun, ich streiche viele Passagen, nicht weil sie schlecht sind. Aber ich muss fühlen, dass sie ins Buch gehören. Ich schreibe über junge, rebellische Frauen. Ich selbst bin zwar nicht jung, aber vielleicht rebellisch. Sie haben Probleme, aber sie sind auch voller Energie, und sie sind stark. Sie stürzen und stehen wieder auf."

Ein norwegisches Berghotel

Schauplatz des neuen Romans ist der klar umgrenzte Raum eines norwegischen Berghotels. Dorthin brechen zwei Schwestern auf, die ein enges, aber schwieriges Verhältnis zueinander haben. Martha, auf den Tag genau ein Jahr älter als ihre Schwester Ella, versucht, eine gescheiterte Liebesbeziehung zu verdauen und allmählich wieder Fuß im Leben zu fassen. Die Abgeschiedenheit der Bergwelt soll dabei helfen. Auf Anraten einer Ärztin wird sie von ihrer jüngeren Schwester begleitet. Ella, aus deren Perspektive erzählt wird, lässt sich leicht zu der Reise überreden – trotz einiger Bedenken.

"Ich weiß nicht, ob es mir vor allem um Martha ging oder ob ich der Ärztin imponieren wollte, jedenfalls willigte ich sofort ein, mit meiner Schwester ins Gebirge zu fahren. Aber schon am nächsten Tag legte sich eine Last auf mich. Jetzt bereute ich mein Entgegenkommen zutiefst. Die Ärztin war so verführerisch gewesen, sie hatte einen so raffinierten und diskreten Charme. Ihre Stimme betörte mich sogar am Telefon. Doch konnte ich die Reise, die sie vorgeschlagen hatte, wirklich nicht absagen. Es mir anders zu überlegen, nicht zu fahren, wäre peinlich geworden. Ich wollte keinesfalls in einem schlechten Licht dastehen."

Unbelastete Ausdrucksweisen des Selbst

Mona Høvring

Mona Høvring

Ihre rasche entflammte Zuneigung zu der Ärztin ist typisch für Ella. Sie ist schnell von anderen Frauen eingenommen. Im Hotel lernt sie die jungenhafte, verführerische Dani kennen. Schon kurze Zeit später verbringen beide eine von Ella als lustvoll und hemmungslos erlebte Nacht zusammen. Die launische Martha hingegen, die ebenso unvermittelt für Männer schwärmt, ist zwischenzeitlich verschwunden, weil ihre Schwester ihr nicht genug Beachtung geschenkt hat. Erotik und Sexualität, so hat Mona Høvring einmal gesagt, sehe sie als unbelastete Ausdrucksweisen des Selbst. Im leidenschaftlichen Begehren, oft sind es in ihren Romanen Frauen die Frauen lieben, sollen ihre Protagonistinnen zu sich finden."

"Sie sollten so viel Raum wie möglich haben, um mehr über ihre Körper, ihre Seelen, ihre Sexualität, ihre Wünsche zu erfahren. Ich versuche, keine Regeln für sie aufzustellen, sondern angenehme Orte zu finden, an denen sie sich entfalten können. Vielleicht ist es eine Fiktion, dass Sexualität etwas einfaches sein könnte. Aber ich mag es, ihnen Gutes widerfahren zu lassen. Mir geht es darum, über Sexualität als etwas Positives zu schreiben. Meine Protagonistinnen haben keine Probleme mit ihrer Sexualität, ihr Problem ist das Leben selbst, sind die Väter, Mütter, Schwestern."

Der Aufenthalt in den Bergen

So ist es auch in diesem Roman. Der Aufenthalt in den Bergen wird nicht wie geplant zur Kur für Martha, sondern vermeintlich für ihre Begleiterin Ella. Die Jüngere sieht, dass ihr immer nur die Rolle der Bewunderin und Dienerin ihrer Schwester zugedacht war. "Als Kind hatte ich meine Kümmernisse unter Kontrolle. Als Kind gehörte ich Martha, Mutter und Vater. In genau dieser Reihenfolge gehörte ich ihnen", so notiert sie. Aus dieser Abhängigkeit versucht sie nun auszubrechen. Das Hotel wird scheinbar zum Ort ihrer beginnenden Emanzipation.

"Am Morgen, beim Frühstück, sah ich es ganz klar, das mit Martha und mir. Da, in diesem Augenblick, gab ich die Verantwortung für Martha ab. Meine selbst auferlegte Verantwortung. Ich kündigte sozusagen den Pakt auf. Die unklare Verpflichtung. Wem war damit gedient? Martha nicht. Mir nicht. Mit anderen Worten – ich ließ sie los. Es war eine Entscheidung, die einfach in mir aufschien, unangemeldet und ermutigend."

Wie ein goldener Kristallvogel

Die gehobene Stimmung und das Gefühl, befreit zu sein, verlassen Ella nicht mehr. Fraglich ist jedoch, ob man ihren spröden Selbstauskünften trauen sollte, inwieweit sich in ihnen nicht eher Wunschdenken als Wirklichkeit widerspiegelt. Die plötzliche Loslösung von der Schwester jedenfalls wird lediglich behauptet, nicht aber nachvollziehbar gemacht. Ella selbst ist eine Hilfsbedürftige, das verraten – sicher unbeabsichtigt – ihre erratischen Notizen. Warum ihr etwa das Hotel anfangs noch wie ein goldener Kristallvogel erscheint, später dann aber gänzlich unvermittelt einem ganz behaglichen Vogelkäfig ähnelt, bleibt wie so vieles in diesem Roman gänzlich unklar. Die Erzählerin mag sich am Ende eines Weges wähnen, tatsächlich aber steht sie erst ganz am Anfang.

M. Høvring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen ..."

WDR 3 Buchrezension 18.09.2019 05:46 Min. Verfügbar bis 17.09.2020 WDR 3

Download

Stand: 05.09.2019, 17:10