Uwe Timm - Der Verrückte in den Dünen

Uwe Timm - Der Verrückte in den Dünen

Uwe Timm - Der Verrückte in den Dünen

Von Martin Krumbholz

Der Schriftsteller Uwe Timm wird achtzig Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erscheint ein Band mit Essays über Utopie und Literatur.

Uwe Timm
Der Verrückte in den Dünen

Über Utopie und Literatur
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020
254 Seiten
20 Euro

Uwe Timm: "Der Verrückte in den Dünen"

WDR 3 Buchkritik 01.07.2020 05:47 Min. Verfügbar bis 01.07.2021 WDR 3

Download

Utopien haben keine Konjunktur.

Man ist damit beschäftigt, die größten Verheerungen eines globalen Kapitalismus einzudämmen, vom Corona-Virus ganz zu schweigen; die Situation ist eine gänzlich andere als in den Siebzigern des 20. Jahrhunderts. Es hat daher fast etwas Rührendes, wenn Uwe Timm sich in einem Essayband mit der Idee des Utopischen befasst, ob in der Literatur oder auch, als Laborversuche, in der Realität. Der interessanteste Beitrag des Bandes steht jedoch am Schluss und handelt weniger von Utopien als vom Schmerz. Er heißt „Das Aufwachzimmer“, es geht um eine Mandeloperation. Ein Erwachsener berichtet dem zwölfjährigen Kind, seinerzeit, in Ostpreußen, habe ihm der Arzt mit einer Stahlzange ruck, zuck die Mandeln aus dem Rachen geschnitten, in der Küche, selbstverständlich ohne Narkose. Inzwischen befinden wir uns Anfang der Fünfzigerjahre.

"Auch das wurde von dem Jungen erwartet, nicht zu weinen, als er auf einem Metallstuhl, dessen Räder erbärmlich quietschten, in den Operationssaal geschoben wurde. Eine Schwester band ihm eine Gummischürze um und schimpfte, weil er am vorherigen Abend den Rest der Schokolade gegessen und dabei das Krankenhausbett beschmutzt hatte. (…) Die Stuhllehne wurde etwas nach hinten gekippt, die Hände wurden an der Seite mit Schlaufen fixiert. Das Kind dachte daran, was ihm der Vater als Erinnerung aus dem Krieg gesagt hatte, man müsse dem Schmerz entgegen gehen, nicht vor ihm weglaufen, man müsse den Schmerz annehmen und gegen ihn ankämpfen, dann sei der Schmerz, auch wenn er groß sei, besser zu ertragen."

Schmerzfreiheit als eine selbstverständliche Erwartung

Der deutsche Schriftsteller Uwe Timm feiert am 30.03.2020 seinen 80. Geburtstag

Uwe Timm

Die Nähe von Krieg und Krankenhaus, auch die Nähe von Therapie und Zwang, rücken hier ins Bild. Erst seit drei Jahrzehnten, erläutert Timm, sei Schmerzfreiheit eine selbstverständliche Erwartung an die Medizin. Bei dem Kind handelt es sich natürlich um ihn selbst, auch wenn der Autor das "Ich" gern vermeidet. Dieser keusche Gestus könnte symptomatisch sein für die Haltung eines Autors, der sich nicht unbedingt ins Subjektive, geschweige ins Provokante vorwagt. Ein interessanter Essay lebt ja von der Zuspitzung, von der Emphase, von der gewagten Behauptung. Leider ist davon in Timms Essays wenig zu spüren. Sie sind allesamt unendlich redlich, korrekt, ausgewogen, kurz: sachlich.

Sachlichkeit ist wohl das Letzte, was einem Essay Farbe und Interesse verleiht. Wenn schon von Utopien die Rede ist, fragt man sich, sollte dann nicht entschieden eine Lanze für sie gebrochen werden, statt sie durch das Wechselverhältnis zu Dystopien gewissermaßen zu entwerten? Und wenn schon in einer Poetik Vorlesung, die so gut wie nichts über den Sprecher verrät, eine utopisch-dystopische Novelle des Heinrich von Kleist, nämlich "Das Erdbeben in Chili", analysiert wird, muss das im Stil eines Proseminars geschehen, fleißig und redlich, aber ohne jeden Ehrgeiz einer originellen Lesart? Die Handlung des Romans "Robinson Crusoe", bis heute in über 1000 Auflagen verbreitet, sei ja bekannt, erklärt der Autor – um sie dann zu referieren. Er berichtet vom Leben und Schaffen der Sprayer, der sogenannten "Writer", aber auch hier im Stil eines Soziologieprofessors, freundlich und distanziert zugleich. Die Writer sind grundsätzlich "Anti", erfahren wir, und zwar "Anti alles".

"Dieses Anti alles stellt alles infrage. Einige Writer kommen aus kleinbürgerlichen, andere aus bildungsbürgerlichen Familien. Ihre Lebensform gründet in der Gruppe, im Abhängen, in der Musik, in Alkohol und Drogen, in einer Verweigerung dessen, was als normal verstanden wird."

Ich habe den Propheten kennengelernt

In den Aufsätzen dieses Bandes ist alles überaus gut gemeint, nichts dagegen ist, anders als es der Titel suggeriert, auch nur ein bisschen verrückt. Gleich vier von sechs Texten spielen in Paraguay, einem Staat, dem einmal ein "utopisches" Konzept zugrunde lag und auf dessen Boden noch 1954 eine Stadt gegründet wurde, die ohne Geld und überhaupt ohne herkömmliche Machtkonzepte auskommen sollte. Villa Gesell hieß sie, ihr Gründer Carlos Gesell, genannt der Prophet: der titelgebende "Verrückte in den Dünen", denn seine Stadt war buchstäblich auf Sand gebaut. Uwe Timm hat ihn 1970 noch erlebt.

"Ich habe den Propheten kennengelernt, Carlos Gesell. Ein großer alter Mann mit einem weißen Bart, einem Haarkranz um den kahlen Kopf und einer starken Ähnlichkeit mit Hemingway. Er fuhr in einem alten Jeep über die Hauptstraße der Stadt, hinter sich eine lange Staubfahne. Er fuhr vorbei an den Spielhallen, an den Minigolfplätzen, an Bars und Restaurants und an all dem, was nicht hatte sein sollen, Alkohol, Drogen und Glücksspiele."

Man spürt, der Autor bemüht sich um einen neutralen, nicht vorverurteilenden Ton, und das über 50 längliche Seiten hin. Keine subjektive Note, kein subversiver Splitter. Weitere Reiseberichte von 1984 und 2010 schließen sich an, spannender wird es nicht.

Stand: 29.06.2020, 21:07