Philip Ursprung - Joseph Beuys. Kunst, Kapital, Revolution

Buchcover:  Philip Ursprung - Joseph Beuys. Kunst, Kapital, Revolution

Philip Ursprung - Joseph Beuys. Kunst, Kapital, Revolution

Von Eva Hepper

Kunst in Politik und Politik in Kunst verwandeln – Philip Ursprung nähert sich dem Jahrhundertkünstler Joseph Beuys über 24 ikonische Werke.

Philip Ursprung: Joseph Beuys. Kunst, Kapital, Revolution
C.H. Beck Verlag, München 2021.
326 Seiten, 30 Euro.

Philip Ursprung: Joseph Beuys. Kunst, Kapital, Revolution

WDR 3 Buchkritik 07.05.2021 05:21 Min. Verfügbar bis 07.05.2022 WDR 3


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Beuys Kunst in Zusammenhang mit der Geschichte

"Stuhl mit Fett", "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", "Zeige Deine Wunde" oder "7000 Eichen: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" – es sind die großen, ikonischen Beuys-Arbeiten, die dem Buch von Philip Ursprung seine Struktur geben: 24 Werke in 24 in sich geschlossenen Kapiteln, chronologisch sortiert, aber nicht zwingend hintereinander zu lesen. Tatsächlich will der Schweizer Autor die Kunst selbst zum Sprechen bringen, um herauszufinden, was Joseph Beuys umgetrieben hat, und ob seine Aktionen und Happenings, seine Skulpturen und Arrangements heute – fast 35 Jahre nach dessen Tod – noch relevant sind.

Weil es aber gar nicht einfach ist, einen unverstellten Blick auf die viel interpretierten Werke zu bekommen, und noch dazu einen Blick, in dem sich nicht automatisch auch der charismatische Künstler selbst, der Mann mit Hut und Anglerweste ins Bild schiebt, entscheidet sich der Autor für einen ungewöhnlichen Ansatz:

"Es ist Zeit, die Fixierung des Werks auf die Biografie zu lösen, sich von tradierten Erklärmustern zu befreien und die Kunst von Beuys stattdessen in den weiteren Zusammenhang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu rücken."

Biografische Details und Haltungsfragen

Das klingt vielversprechend. Allerdings: Ganz ohne biografische Details und ohne die aktuellen Diskurse zu Person und Werk kommt auch Philip Ursprung nicht aus. Doch er bemüht sich, die großen Brocken gleich im ersten Kapitel abzuräumen. Etwa den von Beuys selbst immer wieder bedienten – und mittlerweile längst widerlegten – Ursprungsmythos vom Abschuss seines Kampfbombers Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit anschließender Rettung und Pflege durch die Tartaren, die ihn mit Fett und Filz behandelt hätten.

Oder, vielleicht noch gravierender: Beuys’ angebliche Nähe zu völkischem Denken, das verschiedene Biografen in den letzten Jahren ausgemacht haben wollen. Philip Ursprung unterschlägt das nicht, kommt aber angesichts des Werks zu einem anderen Schluss:  

"Es gibt bei Beuys durchaus Aspekte einer wertkonservativen Haltung, von der Rolle der Familie über die Skepsis gegenüber neuen Technologien und der Konsumgesellschaft bis hin zur Ablehnung des Kommunismus. Aber ich finde in seinen Werken und Äußerungen nicht das geringste Anzeichen einer völkischen oder neurechten Haltung."

Reise zu Originalschauplätzen

Nachdem dieser Punkt gesetzt ist, begibt sich Philip Ursprung auf die angekündigte Reise zur Kunst selbst. Und Reise ist da ganz wörtlich zu verstehen, denn wo immer dies möglich war, besuchte der Autor Originale oder Originalschauplätze. Beeindruckend sind seine Werkbeschreibungen, die nicht selten die ursprüngliche Wucht der Arbeit spürbar werden lassen.

Herausragend schildert er beispielsweise den "Block Beuys" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, ein Konglomerat aus Installationen, Skulpturen und Zeichnungen. Für Ursprung haben sie nichts ihrer Aura verloren seit der Künstler sie 1970 eigenhändig im Museum eingerichtet hatte.

Der Hase und die Kunst

Oder das Happening "Wie man dem toten Hasen die Kunst erklärt", aufgeführt 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela. Übrigens Beuys’ erste Ausstellung in einer kommerziellen Galerie, mit 44 Jahren.

Legendär wurde der Eröffnungsabend, an dem der Künstler mit dem toten Hasen durch den Raum wanderte, während das Publikum draußen vor der Schaufensterscheibe blieb. Ursprung sieht in der Aktion Themen aufgeworfen, die damals virulent waren und es heute noch sind. Etwa, wem die Autorität zugesprochen wird, Kunst zu deuten.

Oder: Wer Einlass findet ins System und wer nicht. Oder: Wer eigentlich mitreden darf. In der Kunst ebenso wie in der Politik. Und auch: Welche Rechte Tieren zustehen.

"Viele dieser Fragen stehen im Rahmen der Diskussion um das Anthropozän heute im Zentrum der Aufmerksamkeit... Beuys hat mit „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ diese Diskussion nicht vorweggenommen. Er hat vielmehr demonstriert, wie die Kunst Themen, die in der Luft liegen, artikulieren, sich mit ihren Mitteln drängenden Fragen stellen, die Umgebung verändern und sich mit ihr ändern kann."

Was Beuys's Werk ausmacht

Wer die von Ursprung ausgewählten Arbeiten gemeinsam mit dem Kunsthistoriker abschreitet, erlebt eindrucksvoll, was Beuys’ Werk ausmacht, und wie er Kunst in Politik verwandeln und Politik in Kunst verwandeln wollte. Tatsächlich passieren alle wichtigen Stationen hier Revue – auch durch viele Abbildungen – und so bieten in der Gesamtschau das ganze Spektrum dieses Jahrhundertkünstlers; von der "sozialen Plastik" bis zum "erweiterten Kunstbegriff".

Anregend ist auch Ursprungs Idee, die Zeitgeschichte Deutschlands und Europas parallel zum Werk im Blick zu haben. Von den Auschwitz-Prozessen ab 1963, über die Ölkrise 1973, den NATO-Doppelbeschluss 1979 oder die Gründung der Grünen 1983, an der Beuys im Vorfeld unmittelbar beteiligt war.

Und auch wenn man nicht allen Interpretationen und Assoziationen Philip Ursprungs folgen mag – der Funke springt über. Vielleicht sollte man selbst mal wieder nach Darmstadt fahren, ins Hessische Landesmuseum, zum Beispiel!   

Stand: 06.05.2021, 22:10