Karl-Heinz Ott - Und jeden Morgen das Meer

Karl-Heinz Ott - Und jeden Morgen das Meer

Karl-Heinz Ott - Und jeden Morgen das Meer

Von Ulrich Rüdenauer

Karl-Heinz Ott gelingt mit seinem neuen Roman das bewegende Porträt einer Frau Anfang 60, die ihrer Erinnerungen eigentlich entfliehen will, sich dabei aber ganz nahe kommt.

Karl-Heinz Ott
Und jeden Morgen das Meer

Hanser Verlag, München 2018
144 Seiten
18 Euro

Erinnerungen lassen sich nicht abschütteln

Wie weit man seiner Heimat auch entfliehen und wo immer man sich vor der Vergangenheit verbergen mag – Erinnerungen lassen sich nicht abschütteln. Sie haben sich in den Körper eingeschrieben, einquartiert noch in den entlegensten Winkeln der Seele. Manchmal sind die Schürfungen und Schnitte noch nicht einmal richtig vernarbt. Sonja, so heißt die Hauptfigur in Karl-Heinz Otts neuem Roman, hat sich an den Rand der Welt zurückgezogen. Zumindest macht dieser Ort an der Küste von Wales den Anschein, als würde dahinter schon die Unendlichkeit beginnen, das Meer ins absolute Nichts übergehen.

"Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedes Mal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen."

Karl-Heinz Ott - Und jeden Morgen das Meer

WDR 3 Buchrezension 27.11.2018 04:50 Min. WDR 3

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Ein Ort der Besinnung.

Sie springt nicht, widersteht der Verlockung. Vielmehr scheint es so, als hätte nicht Sonja Bräuning sich dieses gottverlassene Nest, wo sie nun ein bescheidenes Strandhotel führt, ausgewählt; sondern als hätte die abgelegene Gegend nach ihr gegriffen, vielleicht um sie zu retten oder zu sich zu bringen, ihr Zeit zu geben und einen Ort der Besinnung. Noch vor kurzem hatte sie zusammen mit ihrem Mann Bruno ein exquisites Sterne-Restaurant am Bodensee geführt; man galt etwas, weit über die Region hinaus. Der zurückhaltende, schweigsame Bruno hatte die Dorfkneipe der Eltern zu einer ersten Adresse für Feinschmecker gemacht, und als er ganz oben im Köche-Olymp angekommen war, begann der ungleich schwerere Kampf, dort an der Spitze auch zu bleiben. Dann die große Kränkung, als seinem Lindenhof der Michelin-Stern aberkannt wird. Der Verlust schmerzt so sehr, dass Bruno das Restaurant am liebsten augenblicklich in die ursprüngliche Kneipe zurückverwandeln würde. Ein Abschied auf Raten: Man findet Bruno kaum noch in der Küche, stattdessen im noch immer gut bestückten Weinkeller, die edlen Vorräte selbst systematisch aufbrauchend.

"Als er auch nicht mehr zum Frisör ging und sich bloß noch gelegentlich rasierte, kam er ihr mit seinen graumelierten Stoppeln und fransigen Haaren wie ein seltsamer Heiliger vor, der in wenigen Monaten um Jahre gealtert war, Nichts Verquollenes im Gesicht, nichts Aufgedunsenes. Die Trinkerei ließ ihn immer dünner werden und aussehen wie einen Asketen, an dem die Kleider herabhingen."

Leben auf verschlungenen Pfaden

Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott

Schließlich macht Bruno sich ganz aus dem Staub, schleicht sich aus dem Leben, begeht Selbstmord, was niemand wissen soll und doch jeder ahnt. Er lässt Sonja zurück mit einem Hotelrestaurant, das die besten Zeiten lange hinter sich hat; mit einem Berg von Schulden und einem Gebirgsmassiv von Fragen – was das denn für ein gemeinsames Leben war und wie es nun alleine weitergehen soll. Sonja wird vom rabiaten Bruder ihres Mannes ausgebootet, um ihr Lebenswerk gebracht, vor die Tür gesetzt. Sie muss mit ihren 62 Jahren auf Stellensuche gehen, eine demütigende Erfahrung für eine Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat und nun als bemitleidenswerte Witwe gilt. Auf verschlungenen Pfaden gelangt sie schließlich in die Strandpension nach Wales. Für Sonja ist es eine Zuflucht.

"Geht man durch einen Ort mit alten Häusern und Gebäuden oder durch Museen, weht einen die Wucht der Vergangenheit an. Das Meer dagegen wirkt nie alt und ist Millionen mal älter."

Das Meer ist unendlich geduldig

Karl-Heinz Otts neuer Roman "Und jeden Morgen das Meer" ist eine wunderbare, behutsame, fast zärtliche Annäherung an ein Leben, das sich im Moment der Krise zu einer melancholischen Erzählung zu runden scheint. Das alterslose Meer spült natürlich – trotz allem – in sanften und mächtigen Wellen Bilder der Vergangenheit ans Ufer, an dem Sonja Tag für Tag geduldig ausharrt, noch einmal eine neue Existenz aufbauend, eine neue Existenzweise ausprobierend. Das Meer ist unendlich geduldig. Es ist, so ließe sich fast behaupten, ein Gesprächspartner, der für die Verlorene trotz seiner Rauheit eine besänftigende Kraft besitzt.

Ott hat die schöne Fähigkeit, aus der Stille heraus zu erzählen, aus kleinen Episoden etwas Bezeichnendes und Gewichtiges herauszuschälen. In vielen von Karl-Heinz Otts Büchern spielt das katholische, beengte, einengende Milieu im Alemannischen eine Rolle, auch in diesem. Nicht nur die Jahre mit Bruno drängen sich nämlich immer wieder in die Gegenwart Sonjas, auch die einschüchternde, prägende Zeit in einem katholischen Internat. Wales dagegen wird für sie zu einem Ort der Kontemplation und Rekapitulation; Leere und Bodenlosigkeit bedeuten zugleich ungekannte Freiheit. Sonjas Blick öffnet sich für neue Eindrücke und die kuriosen Küstenbewohner mit ihren Schrullen. Karl-Heinz Ott hat einen feinfühligen Roman geschrieben, dessen Heldin einem von Seite zu Seite näher rückt. Ihr bleibe viel Zeit zum Denken, heißt es einmal über Sonja, und Ott lässt dem Leser gleichfalls viel Raum für eigene Gedanken.

Stand: 26.11.2018, 13:55