Buchcover: "Die Erinnerung nicht vergessen" von Ljudmila Ulitzkaja

"Die Erinnerung nicht vergessen" von Ljudmila Ulitzkaja

Stand: 25.01.2023, 12:00 Uhr

Ljudmila Ulitzkaja ist die Grande Dame der russischen Literatur. In ihrem neuen Buch schreibt sie über Menschen, die sich einen Weg zwischen staatlichem Zwang und privatem Glücksstreben bahnen müssen. Christine Hamel hat es gelesen.

Ljudmila Ulitzkaja: Die Erinnerung nicht vergessen
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt und Christina Links.
Hanser Verlag, 2022.
192 Seiten, 23 Euro.

"Die Erinnerung nicht vergessen" von Ljudmila Ulitzkaja

Lesestoff – neue Bücher 25.01.2023 05:28 Min. Verfügbar bis 25.01.2024 WDR Online Von Christine Hamel


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Die Unvorhersehbarkeit des Lebens

Gleich zu Beginn ihres Memoirs, so eine Art Sammelband,  mit dem Titel "Erinnerung nicht vergessen" stellt Ljudmila Ulitzkaja klar, dass man zwar Pläne schmieden und Zukunft planen kann, dass einem das Leben aber vor allem zufällt und dabei unvorhersehbar ist. In Russland ist schon auf gleich gar nichts Verlass.  

"Ich wohne in Moskau in derselben Gegend, in die vor über hundert Jahren mein Großvater mit seiner jungen Ehefrau gezogen war. Damals lag der Bezirk am Stadtrand, heute gehört er fast zum Zentrum. Ich hatte vor, bis an mein Lebensende an diesem Ort zu bleiben, aber ein Sprichwort sagt: Gott lächelt, wenn er von unseren Plänen hört."

Ein warmer Erzählstrom

Schon immer bewies Ljudmila Ulitzkaja eine warmherzige  Komplizenschaft mit Krux, Krise und Chaos. Ihr facettenreiches Leben ist eng mit Moskau verbunden, das erste Zuhause, schreibt sie in der Geschichte "Mein Name", war die herrschaftliche, aber "verdichtete" Wohnung der Großmutter. Uplotnenije – "Verdichtung" nannten die Sowjets das Zusammenleben mit Fremden in einer Wohnung. Küche und Bad wurden geteilt.

Der Krieg war zu Ende, die Menschen froh, den Alltagsgeschäften nachgehen zu können, die Uhren gingen noch langsamer. Familientrubel, Feste zu Pessach und Neujahr. Kinder wurden geboren. Die Schriftstellerin erzählt davon in einem warmen, bergenden Erzählstrom. Ohne Satzzeichen, kommt er der Mündlichkeit sehr nah.

"Heute Nacht der Entschluss – ohne Punkt und Komma zu schreiben … aber das kann man nicht lernen dazu muss man etwas verlernen – und keine Chronologie … die ist endgültig vorbei – das Leben ist wie ein runder See dessen Ufer alle gleichzeitig zu sehen sind oder wie eine Kugel die ihre Flugbahn fast vollendet hat und nun abwärts fliegt immer weiter und dann – bumm! – explodiert"

Schreiben als Selbstvergewisserung

Feine Fäden der Melancholie durchziehen dieses Buch, in das neben den wohl dosierten, niemals seelenentblößenden Erinnerungen auch Vorträge, Zeitungsartikel und politische Essays eingegangen sind. Das Ergebnis ist eine kluge Symphonie eines reichen Schriftstellerinnen- Lebens.

Ihre Themen in "Die Erinnerung nicht vergessen" sind die Kindheit, Moskau, die Mutter, die Erinnerung, und immer wieder das Alter – Ljudmila Ulitzkaja wird im Februar 80 Jahre alt, ihr Mann, der Bildhauer Andrej Krassulin, ist neun Jahre älter. Schreiben versteht die Schriftstellerin denn auch inzwischen als Selbstvergewisserung.

"So oder so, ich helfe meinem schwindenden Gedächtnis, so gut ich kann, unter anderem durch Aufzeichnungen wie diese. Um mich zu erinnern, nicht nur an Ereignisse und an andere Menschen, sondern auch an meinen eigenen Körper. (…) Erst im Alter begreife ich, dass man seinen Körper achten und lieben muss. Und ich wünsche mir, dass er im Einvernehmen mit meiner Seele und meinen Gedanken bleibt."

Krieg und ein Hauch von Freiheit

Ein weiteres Thema des Buches ist der Krieg. Als Kind ist sie aufgewachsen mit Kriegsinvaliden und Kriegsheimkehrern. Sie sprachen nicht viel von ihren Erlebnissen, zu monströs die Grausamkeiten und der Tod. Anschaulich erzählt sie von den 1950er Jahren in der Sowjetunion, von Soldaten, die zurückkehrten und gleich wieder weiter mussten ins nächste Grauen, in den Gulag.

Von einem Hauch von Freiheit nach Stalins Tod 1953, auch wenn, wie sie anmerkt, niemand wusste, was Freiheit überhaupt ist. Und immer habe sie gedacht, dass sie weiterleben würde ohne Krieg….

"Aber nein, daraus scheint nichts zu werden."

notiert sie lakonisch am 24. Februar 2022.

"Der Wahnsinn eines Mannes und seiner ihm ergebenen Handlanger bestimmt das Schicksal des Landes. Wir können nur vermuten, was darüber in fünfzig Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird. Schmerz, Angst und Scham – das sind die Gefühle. Schmerz – weil der Krieg Lebendiges trifft – das Gras und die Bäume, die Tiere und ihre Nachkommen, die Menschen und ihre Kinder. Angst – weil unser aller biologischer Instinkt auf die Erhaltung unseres Lebens und des Lebens unserer Nachkommen
gerichtet ist. Scham – weil offensichtlich ist, dass die Regierung unseres Landes die Verantwortung trägt für diese Situation, die großes Unglück über die gesamte Menschheit bringen könnte."

Eine präzise Beobachterin

Ljudmila Ulitzkaja pflegt eine milde Verhaltenheit des Tons, ein diskretes Parlando. Das mag sich dem Umstand verdanken, dass sie Naturwissenschaftlerin ist, Genetikerin. Gerade bei der Vermessung des eigenen Lebens vermisst man manchmal die Emphase, den Überschwang der Wut oder auch der Freude.

Aber vielleicht ist genau dieses Wohltemperierte die Stärke von Ljudmila Ulitzkaja. Nur so kann sie sich auf dem Posten der präzisen Beobachterin mitten im Leben halten.