Szczepan Twardoch - Das schwarze Königreich

Buchcover: "Das schwarze Königreich" von Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch - Das schwarze Königreich

Von Stefan Berkholz

Auf fesselnde Weise versetzt uns der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch in finstere Zeiten. Sein neuer Roman "Das schwarze Königreich" spielt  in Warschau unter deutscher Besatzung.

Szczepan Twardoch: Das schwarze Königreich
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl.
Rowohlt Berlin, Berlin 2020.
416 Seiten, 24 Euro.

Zwei allwissende Erzählstimmen

Wer spricht hier? Es sind Ryfka und David, zwei Figuren im abwechselnden Monolog. Aber was bedeutet dieses Wort "hiermals", das eigentlich nicht existiert? Damals, heißt es, wenn die Figuren sich erinnern, aber hiermals vernehmen wir auch. Ein Wort aus dem Jenseits? Allwissend jedenfalls, resümierend, bilanzierend, übermenschlich. Eine raffinierte Konstruktion, die die Figuren nicht nur ihre Zeit erinnern lässt, sondern die Gleichzeitigkeit allen Seins berührt, denn "das was war, hört nicht auf", erfahren wir, "und das was sein wird, ist bereits".

"Bin ich hiermals, im Grau, immer noch eine Frau? Ich bin ganz Gedanke, hiermals berühre ich mit diesem Gedanken den Körper nicht, der ich damals war, und bin doch da, denn irgendetwas verbindet meine Gedanken hiermals mit jener von damals, der sechsunddreißigjährigen Ryfka Kij, die mit der Maschinenpistole in der Hand in der Wohnung in Solec steht, in einer gegürteten Herrenjacke, und einem Rucksack mit Vorräten auf dem Rücken. Also, irgendwie existiere ich."

(O-Ton – Twardoch:)
"I wanted to have a first person narrators because from the very beginning I knew that my narrators will be Ryfka and David. But I wanted them to know everything. (…) I decided to put them in the strange place outside of the border of time and space. And they call it the grey (…), in which these souls exist after it‘s earthly existence."

"Ich wollte zwei Ich-Erzähler nehmen, weil ich von Anfang an wusste, dass ich aus der Perspektive von Ryfka und David schreiben wollte. Aber sie sollten wie der Autor alles wissen. Also beschloss ich, sie an einem seltsamen Ort außerhalb von Zeit und Raum zu platzieren. Sie nennen es das Grau, in dem ihre Seelen nach der irdischen Existenz weiter leben."

David hasst seinen Vater Jakub

In abwechselnden Monologen erfahren wir die Geschichte von Ryfka und David. Wir befinden uns in Warschau unter der Okkupation. Die deutsche Wehrmacht hat Polen überfallen, das Warschauer Ghetto ist vernichtet, der Aufstand niedergeschlagen. Die wenigen Überlebenden versuchen, in Ruinen und Trümmern davonzukommen. Endlose Monate voller Hunger, Kälte, Todesangst, Not. Aber die Fronten sind nicht eindeutig, vermittelt der Schriftsteller. Wer hat Schuld? Wer ist der Böse? Und wer hat jetzt auch noch Kraft, Mensch zu bleiben? David ist der Sohn von Jakub Shapiro, er hasst, laut eigener Aussage, seinen Vater, weil er denkt, er habe seine Familie im Stich gelassen und damit ins Verderben gestürzt.

(O-Ton – Twardoch:)
"The main theme of this book is guilt. I wrote this book two years ago. (…) When I read this monologue of David, when he says, that his father is the worst man he has ever met, I think it is not said with hate. David has no hate for his father. He might had have long time ago during his life. But now he doesn’t have hate for his father. I think it’s said with pity not with hate."

"Das Hauptthema dieses Buchs ist Schuld. Ich habe dieses Buch vor zwei Jahren geschrieben. Wenn ich diesen Monolog Davids lese, in dem er sagt, dass sein Vater der schlimmste Mensch ist, den er jemals getroffen hat, dann denke ich, dass es nicht voller Hass gesagt ist. David hat keinen Hass mehr auf seinen Vater. Er ist traurig, er hat Mitleid, aber er hat keinen Hass."

Ryfkas grenzenlose Liebe zu Jakub

Szczepan Twardoch: "Das schwarze Königreich"

WDR 3 Buchkritik 27.10.2020 05:45 Min. Verfügbar bis 27.10.2021 WDR 3


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Ryfka ist eine ehemalige Prostituierte, die unglücklich verliebt ist in den Boxer und ehemaligen König der Unterwelt, Jakub Shapiro. Beide sitzen in der Falle, verborgen in geheimen Verstecken, auf sich allein gestellt, hungrig, ängstlich, panisch. Der einst starke Mann ist gebrochen und apathisch, lebensmüde. Er hat alles verloren, seinen Besitz, seine Familie, seine Heimat, seinen Selbstwert, weil er sich als Jüdischer Ordnungspolizist im Ghetto verdingt hat. Die Stärke der Frau lässt beide am Leben. Und die Liebe? Sie ist nicht tot, aber verzwickt.

"Niemand hat ihn so geliebt wie ich (…). Meine Hingabe war grenzenlos, meiner Liebe konnten weder Zorn, Abscheu noch Mitleid etwas anhaben, und das Mitleid ist das Schlimmste unter ihnen. Und obwohl ich all das empfand, Zorn, Abscheu und Mitleid, so hat es meine Liebe zu Jakub Shapiro doch kein Gran verringert."

Die jüdische Seite der Geschichte

Nach und nach führen die Monologe aus verschiedenen Perspektiven und verschiedenen Zeiten zusammen. David erzählt die Geschichte vom Niedergang, Ryfka jene vom Ende, vom puren Überlebenskampf in Ruinen und Trümmern. Am Beispiel einer ukrainischen Figur, Miron Maslanczuk, geht Twardoch der Frage nach, wer Schuld hat, ob einer "mehr Henker gewesen ist oder mehr Opfer". Denn auch böse Menschen seien bisweilen Opfer, fügt er hinzu.

(O-Ton – Twardoch:)
"I do not want to make an impression that what Ryfka says or David says that it’s the objective version of history. It’s not! I wanted to give the jewish version of history which I found in many diaries, memories from the ghetto, from occupied Warzaw and so on. I think in polish debate the polish version of history is very loud and it’s also not objective. And I wanted to show the other side."

"Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass das, was Ryfka oder David sagt, die objektive Version der Geschichte ist. Das ist sie nicht! Ich wollte die jüdische Version der Geschichte zeigen, die ich in vielen Tagebüchern gefunden habe, in Erinnerungen aus dem Ghetto, aus dem besetzten Warschau und so weiter. Ich denke, in der polnischen Debatte ist die polnische Version der Geschichte sehr laut und auch nicht objektiv. Und ich wollte die andere Seite zeigen."

Abgründe und Tabus der Geschichtsschreibung

Twardochs Romane loten die Möglichkeiten und Versäumnisse von Menschen genau aus, sind weit entfernt von Schwarz-Weiß-Malerei. Sein Augenmerk gilt den Abgründen im Menschen und Tabus in der Geschichtsschreibung. Und mit dem Schriftsteller Olaf Kühl hat Szczepan Twardoch einen Übersetzer an die Seite bekommen, der seine Literatur so feinfühlig überträgt wie sie gemeint ist. Das ist große Literatur!

Stand: 26.10.2020, 15:58