Hans Christoph Buch - Tunnel über der Spree, Traumpfade der Literatur

Hans Christoph Buch - Tunnel über der Spree, Traumpfade der Literatur

Hans Christoph Buch - Tunnel über der Spree, Traumpfade der Literatur

Von Kurt Darsow

Er ist der fliegende Holländer der deutschen Gegenwartsliteratur: Hans Christoph Buch hat beinah im Nebenberuf ein Riesenwerk von fünfzig Büchern zustande brachte. Zu seinem 75. Geburtstag erscheint ein weiteres.

Hans Christoph Buch
Tunnel über der Spree. Traumpfade der Literatur

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2019
255 Seiten
20 Euro

Hans Christoph Buch: "Tunnel über der Spree"

WDR 3 Mosaik 12.04.2019 05:33 Min. WDR 3

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Unerhörte Begebenheiten

"Walter Jens raufte sich die Haare vor Entsetzen, Reich-Ranicki legte seine Stirn in bedenkliche Falten und Ernst Bloch wollte mich mit eisernem Besen auskehren und in den Mülleimer der Geschichte werfen, während Höllerer, Grass und Enzensberger meinen Text lobten."

Schon im Alter von 19 Jahren nahm Hans Christoph Buch an einer Tagung der Gruppe 47 teil. Auf Empfehlung von Martin Walser durfte er sich im „Hotel zur Post“ in Saulgau als „vielversprechendes Talent“ präsentieren. Seine dort vorgetragene Kurzgeschichte „Die Ausgrabung“ fiel zwar bei den Starkritikern der Gruppe durch, aber namhafte Kollegen fanden Gefallen an ihr. Danach standen dem Jungautor alle Türen offen. In Walter Höllerers „Literarischem Colloquium“ wurde er 1964 in die Feinheiten des Prosaschreibens eingeweiht. Den letzten Schliff holte er sich im Jahr darauf als Redenschreiber Willy Brandts im „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“. Sein erstes Buch „Unerhörte Begebenheiten“, das 1966 bei Suhrkamp herauskam, erntete freundlichen Beifall. Mit grotesken Einfällen mache es „die groben und die feinen Züge menschlicher Entfremdung sichtbar“, hieß es im Klappentext. Doch dann kam alles ganz anders. Der „Wind des Wandels“ brauste durch den deutschen Blätterwald. „Dichter, Dichter“ höhnten Erlanger Studenten, als die Gruppe 47 sich im Oktober 1967 in der „Pulvermühle“ bei Waischenfeld zum letzten Mal traf: Vom Erfolgsmodell war die Literatur plötzlich zum Papiertiger geworden.

Der fliegende Holländer

Profilbild Hans Christoph Buch

Hans Christoph Buch

"Aber es kam noch dicker: Im Kursbuch, der Hauspostille der Neuen Linken, empfahl Enzensberger jungen Autoren wie mir Günter Wallraff als Vorbild und verkündete den Tod der Literatur mit den Worten: Für literarische Kunstwerke lässt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion nicht angeben."

Hatte da wirklich jemand expressis verbis den „Tod der Literatur“ verkündet? Der angebliche Totengräber Enzensberger hat die Behauptung nicht nur immer wieder bestritten; er hat auch stillvergnügt weitergedichtet, obwohl Dichter die Welt bekanntlich nicht ändern können. Seine Adepten dagegen, zu denen sich auch Hans Christoph Buch zählt, halten eisern an dem Gerücht fest, weil es ihnen nach einem Bonmot von Reinhard Lettau „das Schreiben über Vorgänge in direkter Nähe oder in der Entfernung von Schreibtischen“ erleichtert. Was wäre ohne diese Ausrede wohl aus dem Verfasser der „Unerhörten Begebenheiten“ von 1966 geworden, in denen es um alltägliche Dinge wie den Tod des Großvaters, die Notlandung eines Militärflugzeugs oder den Brand in einem Freudenhaus ging? Geschenkt: Im „Jahr des Wandels“ 1968 war Buch längst unterwegs zu neuen Ufern: Statt sich im stillen Kämmerlein neue Geschichten auszudenken, verdiente er seine Brötchen in der großen weiten Welt als Stipendiat, Lektor, Delegierter, Lehrbeauftragter und Gastprofessor und war als rasender Reporter auf den killing fields von Ruanda und Burundi, Bosnien und Tschetschenien, Korea und Kambodscha, Liberia und Haiti unterwegs. Wie der fliegende Holländer der deutschen Gegenwartsliteratur bei so vielen Nebentätigkeiten überhaupt die Zeit für sein Kerngeschäft fand und ein Riesenwerk von annähernd fünfzig Büchern zustande brachte, bleibt sein Geheimnis. Unter dem Titel „Tunnel über der Spree“ legt Hans Christoph Buch jetzt teilweise bereits anderen Orts publizierte Innenansichten der Literatur nach dem „Tod der Literatur“ vor, die sich nicht nur als Bilanz seines Schriftstellerlebens lesen lassen, sondern auch aus dokumentarischen Gründen von Interesse sind.

Gruppenbild mit Autor

"Uwe Johnson schwieg zumeist, aber er war gefürchtet für ins Schwarze treffende Bemerkungen, mit denen er nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch dessen Verfasser demontierte, etwa wenn er einen Text als Nachruf charakterisierte und sich darüber mokierte, dass der Autor noch am Leben sei."

Buch kannte sie alle: Günter Grass bewirtete ihn mit Räucherfisch; bei Martin Walser wurde Aprikosenkuchen serviert; Wolf Biermann griff zur Klampfe und trug ihm seine neueste Stasi-Ballade vor. Doch neben den üblichen Verdächtigen lässt Hans Christoph Buch auch längst verblichene Weggefährten wie Reinhard Lettau, Johannes Schenk und H. C. Artmann aufmarschieren. Seine prägnanten Kurzporträts verdichten sich unter der Hand zum Gruppenbild einer Epoche, die Mitläufer bevorzugte und für Einzelgänger nicht viel übrig hatte. Ein „Bewohner des Elfenbeinturms“ wie sein Generationsgenosse Peter Handke ist Buch jedenfalls nie geworden. Vielmehr blieb die Gruppe 47, die ihm einst zum Durchbruch verholfen hatte, sein ganzes Schriftstellerleben lang für ihn bestimmend. Selbst ihre protestantische Arbeitsethik hat er sich zu Eigen gemacht, obwohl seine Alterskohorte den Leistungsdruck ideologisch eher in Frage stellte. Wie die Veteranen Walser und Enzensberger kann er deshalb auch bis ins hohe Alter das Schreiben nicht lassen. Zwar ist der große deutsche Gesellschaftsroman, den das Feuilleton seit Jahr und Tag herbeiredet, von ihm wohl nicht mehr zu erwarten. Aber ein paar zusätzliche Reminiszenzen, Mosaiksteine und Gedenkblätter aus dem reichen Schatz seiner Welterfahrung wären ja auch nicht ohne.

Stand: 11.04.2019, 19:31