Buchcover: "Tür an Tür" von Dominik Barta

"Tür an Tür" von Dominik Barta

Stand: 15.08.2022, 07:00 Uhr

Die Welt ist ein Dorf – und manchmal ein Wiener Mietshaus. Dominik Bartas neuer Roman erzählt vom bunten, queeren Liebesleben in der Großstadt und davon, wie schnell man im Treppenhaus mit den Problemen der ganzen Welt konfrontiert wird.

Dominik Barta: Tür an Tür
Roman, Paul Zsolnay Verlag, 208 Seiten, 23 Euro

"Tür an Tür" von Dominik Barta

Lesestoff – neue Bücher 15.08.2022 04:58 Min. Verfügbar bis 15.08.2023 WDR Online Von Thilo Jahn


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Geräuschempfindlich - Österreichische Literatur

Wenn die österreichische Literatur eines ist, dann geräuschempfindlich. Franz Kafka zum Beispiel fühlte sich in seinem Zimmer wie im, Zitat, "Hauptquartier des Lärms". Umgeben von rücksichtslosen Angehörigen und trampelnden Dienstmädchen, lief Kafka nur noch mit Ohropax durch die elterliche Wohnung. Sensibel für akustische Reize war auch sein Wiener Kollege Robert Musil, allerdings im positiven Sinn. Schon die Geräusche seiner Ehefrau beim Auskleiden konnten ihm eine Art mystisches Erlebnis verschaffen.

Um "Hellhörigkeit" geht es auch im neuen Roman des Österreichers Dominik Barta. Der Ich-Erzähler von "Tür an Tür", so der Titel, ist ein junger Lehrer namens Kurt. Zu Romanbeginn ist der Alleinlebende froh, das turbulente WG-Leben hinter sich lassen zu können; er kann endlich die Mansarde seiner Tante übernehmen. Nur dass er dort überraschend mit der Geräuschflut aus der Nachbarwohnung konfrontiert wird.

"Den gesamten Abend über hatte ich die Hellhörigkeit der Wohnung mit Anspannung registriert. Trotz der Müdigkeit kam ich nicht zur Ruhe. Vielleicht schlief ich ein bisschen oder döste. Doch kurz nach Mitternacht fanden alle Träume ein Ende, denn von nebenan schlug bellender Husten durch die Wand. Der Husten wurde von Phasen des Räusperns und Röchelns durchbrochen."

Dünne Wände ein Kommunikationskanal

Beunruhigend sind jedoch nicht nur die menschlichen Regungen von der anderen Seite der Mauer. Vielleicht noch störender als das Rauschen einer fremden Klospülung ist für Kurt die Erkenntnis, dass dünne Wände ein Kommunikationskanal in zwei Richtungen sind. Und dass er daher selbst unweigerlich ebenfalls vernehmbare Geräusche produziert. Man muss hinzufügen, dass Scham den jungen Mann ebenso kennzeichnet wie Empathie; der Roman legt einen Zusammenhang mit Kurts unausgelebter Homosexualität nahe.

Gutmensch

Wie sich im Lauf des Romans herausstellt, können hellhörige Wände aber auch Beziehungen stiften, ja sogar Begehren hervorrufen. Kurts Nachbar zum Beispiel, der an Lungenkrebs erkrankte Rentner Paul, entpuppt sich als Seele von Mensch: Vor Jahren verliebte er sich in eine Nachbarin, nur weil er beständig deren Schluchzen mitanhören musste. Pauls Liebesunglück droht sich zu wiederholen, als jetzt im vierten Stock die fesche Biologin Regina einzieht, die gern über das Sexleben von Wüstenmäusen doziert. Selbst der stets hilfsbereite Kurt wird diesem männerverschlingenden Vamp beinah zum Opfer fallen, obwohl er doch in Ferhat verliebt ist, ohne zu wissen, ob der junge Kurde überhaupt auf Männer steht. Für Kurt ein Anlass zu deprimierender Selbsterkenntnis:

"Was war aus mir geworden, seit ich in der Mansarde lebte? Ein Häufchen Freundlichkeit, ein verständnisvoller Masturbator, ein verklemmtes Helferlein! Im öffentlichen Gerede existierte seit einiger Zeit ein Schimpfwort, dessen Sinn ich instinktiv auf mich bezog: Gutmensch."

Buntes Liebesleben in der Großstadt

Für Witz und Ironie ist also durchaus gesorgt in Dominik Bartas Roman, zumal bald schon Kurts Hetero-Freund Frederick nach einem Ehestreit in seiner Mansarde Unterschlupf suchen muss. Dem 40-jährigen Autor geht es jedoch in seinem neuen Roman, der im Jahr 2014 spielt, um mehr als das bunte Liebesleben in der Großstadt. Barta will zeigen, wie sehr das Zwischenmenschliche heutzutage politisch geworden und wie nah uns die große Welt mit all ihren Problemen gerückt ist. Deshalb kämpft Fredericks Frau angesichts des Arabischen Frühlings mit ihrer libanesischen Identität; deshalb entpuppt sich die nette Frau Kordt aus dem vierten Stock als kurdische Widerständlerin, und deshalb scheint auch der nette Ferhat plötzlich ein Terrorist zu sein. Als der türkische Präsident in Wien vor jubelnden Anhängern eine Wahlkampfrede hält, kommt es zum Showdown. Die Welt ist ein Dorf, heißt es. Im Fall von Dominik Bartas Roman "Tür an Tür" müsste man sagen: Manchmal ist sie auch ein Wiener Genossenschaftshaus. Doch leider wirkt die Widerspiegelung globaler Probleme in der Nachbarschaft in Bartas Roman mitunter allzu gewollt. Und warum lässt der Autor seine Figuren sich immer wieder in seitenlangen ermüdenden Monologen erklären? Umso schöner dagegen die Erkenntnis des Ich-Erzählers, gerade in Lockdown-Zeiten, wieviel Trost einem allein schon das Geräusch der Toilettenspülung von nebenan bereiten kann.