Hans von Trotha - Pollaks Arm

Buchcover: Hans von Trotha - Pollaks Arm

Hans von Trotha - Pollaks Arm

Von Peter Meisenberg

Der Historiker Hans von Trotha hat in einem auf einen einzigen dramatischen Abend verdichteten Roman das Leben des großen Archäologen Ludwig Pollak (1868-1943) nacherzählt.

Hans von Trotha: Pollaks Arm
Wagenbach Verlag, Berlin 2021.
144 Seiten, 18 Euro.

Hans von Trotha: "Pollaks Arm"

WDR 3 Buchkritik 06.04.2021 04:36 Min. Verfügbar bis 06.04.2022 WDR 3


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Ein Arm im Sinne der heroischen Interpretation

Als am 14. Januar 1506 auf dem römischen Esquilin die hellenistische Marmorstatue des Laokoon gefunden wurde, war das eine Sensation. Für Jahrhunderte prägte sie das europäische Verständnis der Antike: Der Kampf des trojanischen Priesters gegen die Giftschlangen schien den heroischen Kampf des Menschen mit den Naturgewalten zu symbolisieren.

So interpretierte man jedenfalls das Kunstwerk. Genau wissen konnte es aber niemand, denn dem Laokoon fehlte der rechte Arm. Also rekonstruierte man ihn im Sinne der heroischen Interpretation und fügte ihn der Statue an, hoch nach oben gereckt: Noch im Tod triumphiert der Mensch über sein Schicksal.

"Der erhobene Arm ist monumental, erhaben – und falsch. Der Arm, der nie mehr gereckt wird, mein Arm, der Arm eines Verlorenen, das ist der Richtige."

Die eigentliche Geschichte des Laokoon

Wer da so selbstbewusst "mein Arm" sagt, ist in Hans von Trothas Roman Ludwig Pollak, der Archäologe und Kunsthändler, der im Jahr 1905 im Marmorvorrat einer Steinmetzwerkstatt den fehlenden echten rechten Arm des Laokoon identifizierte.

Dieser echte Arm aber ist nicht nach oben gereckt, sondern verkrampft nach hinten gezogen - von der zweiten Schlange, die ihn fest im Griff hat: Laokoon ist besiegt, leidend muss er sich seinem Schicksal fügen.

Nicht der Moment für die Lebensgeschichte des Archäologen Pollak

In Hans von Trothas Roman besucht der Erzähler K., ein Bote des Vatikan, den 75jährigen Archäologen in seiner Wohnung im Palazzo Odescalchi, um ihn zu warnen. Es ist der Vorabend des 16. Oktober 1943, des Tages, an dem die SS in Rom über 1.000 Juden zusammentrieb und in einen Zug nach Auschwitz pferchte. K. drängt Pollak zum Aufbruch: Der Vatikan bietet ihm und seiner Familie eine sichere Unterkunft.

Es dämmert bereits, die Sperrstunde naht, noch ist die Flucht möglich. Doch der alte Mann scheint keine Eile zu haben, er erzählt K. von seiner Herkunft aus dem jüdischen Prag, von Rom, das seine zweite Heimat geworden ist, von seiner wissenschaftlichen Arbeit, von seiner Goethe-Verehrung...

"Anfangs habe ich noch versucht, ihm durch Räuspern, auffälliges Atmen oder mit Handbewegungen zu verstehen zu geben, dass das jetzt nicht der Moment war, seine Geschichte zu erzählen. Aber er hat es ignoriert, wenn er es überhaupt bemerkt hat. Ich blieb, fast schon trotzig, an der Tür stehen."

Vor der Realität in die Vergangenheit flüchten

Etliche Stunden drängt K. zum Aufbruch, doch vergebens, der alte Mann kramt immer mehr von seinen Erinnerungen hervor, entfaltet vor dem anderen sein reiches Wissenschaftlerleben und treibt, so heißt es im Buch, mit seiner Erinnerung die Gegenwart vor sich her.

Ganz allmählich wird dem Erzähler klar, dass Pollak sein geliebtes Rom überhaupt nicht verlassen will. Selbst als er ihm sagt, dass sein Name und der seiner Familie auf der Liste der zur Deportation Bestimmten steht, tut er so, als glaube er ihm nicht, sträubt sich sogar, seine Kinder zu wecken.

"Wie kann ich sie wecken, wenn die Welt, in der sie dann aufwachen, die Welt ist, in der sie dann aufwachen?"

Hans von Trotha hat aus dem Leben des großen Archäologen Ludwig Pollak ein spannendes und überaus bewegendes Zwei-Personen-Stück gemacht: Der Jüngere, der Erzähler K., kämpft um das Leben des Alten und seiner Familie.

Die Bedeutung des eigenen Schicksals

Doch der Alte scheint sich statt in die Sicherheit im Vatikan in seine Vergangenheit flüchten zu wollen. Warum, das erahnt K. erst, als Pollak ihm seine Interpretation des echten rechten Arms des Laokoon erklärt: Dass gegen die Schlangen, die die Götter schicken, der Mensch nicht gewinnt. Nicht in dieser Welt.

"'Muss man das Schicksal, das einem aufgegeben ist, nicht annehmen?' fragte er. - Ich schwieg weiter, da ich nicht wusste, was ich sagen sollte. 'Und wenn es das Schicksal eines Volkes ist, seines Volkes?' – Da war mir klar, dass ich ihn verloren hatte."

Es erscheint wie ein dramaturgischer Trick, wenn am Ende des Romans der Finder des Laokoon-Arms dessen Deutung mit der Deutung seines eigenen Schicksals verknüpft. Doch zumindest aus der Perspektive des jüdischen Gelehrten Ludwig Pollak besitzt diese Verknüpfung eine innere Folgerichtigkeit. Den Leser lässt sie ratlos und ergriffen zurück. 

Stand: 04.04.2021, 17:25