Tommy Wieringa - Santa Rita

Tommy Wieringa - Santa Rita

Tommy Wieringa - Santa Rita

Von Martin Becker

Voller Mitgefühl, als würde er sie alle beim besoffenen Billard jede Nacht umarmen: Tommy Wieringa schreibt einen großen Roman über die deutsch-niederländische Provinz.

Tommy Wieringa
Santa Rita

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Carl Hanser Verlag, München 2019
304 Seiten, 22 Euro

In diesem niederländischen Kaff

"Irgendwann haben sie den Russen rausgezogen aus seinem zerdepperten Flugzeug, der wollte ja unbedingt in den Westen. Irgendwann waren mal Bauern am Dachbalken am Hängen. Irgendwann war das Bein vom Vater am Verfaulen. Eigentlich wie alles. Schön ist überall, nur nicht hier. In diesem niederländischen Kaff. Grenze zu Deutschland, Felder, Wälder, fertig. Kein Geldautomat mehr, aber Wölfe, na vielen Dank. Nur Mama Shu in ihrem Asiaschuppen macht noch Bier auf, da hängen sie alle rum, die Kaputten und Übriggebliebenen, und palavern vom Sterben. Die Hölle heißt Mariënveen, und lebend kommt da bestimmt keiner raus."

Schon wieder verkommene Provinz, denkt man auf Seite eins, schon wieder gruselige mittelalte Männer mit Triebstau, denkt man auf Seite zwei, schon wieder so ein Böse-Jungs-Buch mit Rotzerei und Kotzerei, denkt man auf Seite drei. Bloß, weil etwas grob ist, muss es nicht echt sein. Und bloß, weil es echt ist, muss es nicht gut sein. Echt mal. Doch diese verdammte Hölle, denkt man auf Seite vier und fünf und sechs, ist verdammt nochmal anders. Weil der Typ, mit dem wir rumhängen, so ist, wie er ist. Paul heißt er, von der Mutter als Kind verlassen, vom überforderten Vater großgezogen, ein bisschen schlecht und stumpf in der Schule vielleicht, aber in den Panzerkampfwagen als Bausatz mit Soldaten des afrikanischen Korps, in den hat er sich verknallt. Heute lebt er in diesem alten Bauernhaus, wo sich die Vorfahren aufgehängt haben, und hat sein Militariazeug in der Scheune. Eine SS-Uniform ist Pauls ganzer Stolz, die hat er noch nicht vertickt, ansonsten verscheuert er alles, was Krieg ist. Alte Gasmasken, alte Bajonette, alte Knarren.

Tommy Wieringa - Santa Rita

WDR 3 Mosaik 24.09.2019 05:10 Min. Verfügbar bis 23.09.2020 WDR 3

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Gerade die krummen Hunde muss man lieben

"Ein Nazi ist er trotzdem keiner, der Paul, im Gegenteil. Und ein Trottel sowieso nicht. Der fragt sich nämlich Sachen wie: Ob eine Seele auf einen Schlag vor Schreck aschgrau werden kann? Der denkt nämlich Sätze wie: Schlimmer, als die Barbaren, die kommen, sind die Barbaren, die gehen. Der hat nämlich Heimweh, der leidet nämlich an der Welt, der guckt nämlich seinem Vater beim Essen und Vergehen zu, obwohl der so langsam isst, dass es ihn ganze Lebensjahre kostet, der ist ein guter Kerl, der hat ein reines Herz, der kann nicht aus seiner Haut, der weiß, was Freundschaft heißt, wie gesagt, der ist eben, wie er ist."

Der Autor Tommy Wieringa

Tommy Wieringa

So ein Buch über ein Dorf, das kann man eigentlich gar nicht schreiben. Aber der Wiringa kann das. Weil er über den ganzen Scheiß beschreibt und nichts auslässt – und dabei trotzdem so viel Mitgefühl für seine Typen hat, als würde er sie beim besoffenen Billard jede Nacht umarmen. Er muss beim ollen Beckett in der Schule gewesen sein, er weiß ganz genau, dass man gerade die krummen Hunde lieben muss, die durch ihre hinfällige Welt nur so kriechen und siechen.

"Eine Geschichte gibt es auch, aber die ist eigentlich gar nicht so wichtig, also ganz kurz:

Paul pflegt seinen Alten, Paul erinnert sich, Paul lädt seine Knarre durch, um seinen Kumpel zu rächen, dem ein widerlicher Typ den Schädel zerdeppert hat, aber Paul kann nicht brutal sein, ums Verrecken nicht."

Wie mit der Axt haarfein gehackte Poesie

Merkt man es schon? "Santa Rita" ist so ein wunderschönes Buch. Hat er das gerade wirklich gesagt über dieses düstere Ding? Ja, hat er, also nochmals klar und deutlich: "Santa Rita" ist so ein wunderschönes Buch. Was passiert, ist grausam. Was geschieht, ist der Tod. Ist knochenbleich wie die Landebahn, auf der unser Russe ins Verderben startet. Aber was wir lesen, das funkelt, das macht Hoffnung, das ist wie mit der Axt haarfein gehackte Poesie.

"Er kriegt uns, der Wieringa, mit diesen Details, mit dieser Zärtlichkeit, mit diesem Sensorium für den fauligen Schmerz der Welt. Wo du hinfällst, da bist du zu Hause, steht im Buch. Ist auch so. Tut gut, tut weh, was auch sonst. Da wird für einen Ronnie vom Dorf die Leinwand bei Mama Shu ausgerollt, der hat es nämlich als Schnulzensänger in die Endrunde einer Castingshow geschafft. Da wird über den ewigen Sturm auf dem Jupiter philosophiert und über die Wimpern von Kamelen. Da wird Holundersirup mit dem hilflosen Vater gekocht und man will heulen. Da denkt Paul, dass man gar nicht für alle Toten eine Kerze anzünden kann, dann würde ja der Planet wie eine brennende Fackel durchs Universum sausen. Und keine Bange, wenn es mal ganz eng wird, dann gibt es ja noch Santa Rita, die Schutzheilige der Hoffnungslosen."

Eine Seele wie ein Spatz

Das alles übrigens im Hier und Jetzt, was man nicht nur daran merkt, dass eine der Zugezogenen nicht weiß, wer Angela Merkel ist: Rassismus?: ja, Migration?: ja, Verödung des Ländlichen?: ja, digitale Einsamkeit? restlos alles ist da, aber nie direkt, nie zu oft, nie zu gewollt.

"Ja, ist gut, einigen wir uns darauf, Schönheit hin oder her, die Hölle heißt Mariënveen, aber das verdammte Mariënveen, das kriecht einem in den Nacken von Satz zu Satz, das lässt einen nicht mehr los, das verdammte Mariënveen ist nämlich überall, gehört zu uns allen, wie es auch schlimmes Heimweh tut und schlimme Wut und schlimme Trauer, wenn einer einfach, einfach, einfach nicht mehr da ist. Wie fühlt sich unser Typ irgendwo mitten im Buch, obwohl das Übelste erst noch kommt? Paul sah sich um, seine Seele flog wie ein Spatz gegen die Scheibe."

Ein Spatz ist klein, aber das Geräusch, das in diesem Augenblick entsteht, ist groß...

Stand: 24.09.2019, 10:00