Michael Tomasello - Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese

Buchcover: Michael Tomasello - Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese.

Michael Tomasello - Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese

Von Martin Hubert

Der amerikanische Psychologe und Anthropologe Michael Tomasello hat über Jahrzehnte experimentell Menschenaffen und Menschenkinder miteinander verglichen, um herauszufinden, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. In seinem neuen Buch präsentiert er seine Theorie der Ontogenese.

Michael Tomasello: Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese.
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
542 Seiten, 34 Euro.

Michael Tomasello: "Mensch werden"

WDR 3 Buchkritik 14.08.2020 05:00 Min. Verfügbar bis 14.08.2021 WDR 3

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Die Evolution des Menschen

Wer heute wie Michael Tomasello bestimmen will, was den Menschen auszeichnet, muss mit Skepsis rechnen. Vor allem Geistes- und Kulturwissenschaftler lehnen die Vorstellung ab, dass es so etwas wie ein "Wesen" des Menschen gibt. Denn menschliche Eigenschaften wandeln sich historisch und unterscheiden sich von Kultur zu Kultur.

Tomasello begegnet solchen Argumenten mit dem Einwand, dass sich der Mensch evolutionär von den Tieren abgesondert hat und ein eigenes Reich aus Technik, Wissenschaft, Moral, Recht und Kultur erschuf. Wissenschaftler müssten daher erkennen können, welche spezifischen Eigenschaften ihn dazu befähigen. Fast dreißig Jahre lang hat Tomasello Menschenaffen und Menschenkinder in Experimenten miteinander verglichen: was passiert, wenn Affen und Kinder nur an Nahrung herankommen, wenn sie  gemeinsam ein Werkzeug benutzen müssen? Wie reagieren sie, wenn andere sie ignorieren oder sich nicht an Regeln halten? Die Ergebnisse haben Tomasello zu einer These gebracht, die auch seinem jüngsten Buch zugrunde liegt.

Kooperation als menschliche Eigenschaft

"Mein Vorschlag lautet, dass die entscheidenden Neuheiten in der Evolution des Menschen alle auf die eine oder andere Weise Anpassungen an eine besonders kooperative, geradezu hyperkooperative Lebensform waren. Ich habe diese Anpassungen als Fertigkeiten und Motivationen geteilter Intentionalität charakterisiert."

Zwar kooperieren auch Menschenaffen, aber fast ausschließlich, um eigene Interessen durchzusetzen. Menschenkinder dagegen kooperieren nach Tomasello auch, um Wissen, und Absichten uneigennützig zu teilen. Genau das sei  die Voraussetzung dafür, dass Menschen eine komplexe Technik entwickeln können und sie immer weiter verbessern. Und die Grundlage einer gemeinsamen Kultur und Moral. In seinem neuen Buch zeichnet Tomasello detailliert nach, wie diese geteilte Intentionalität schon bei Babys entsteht. Es beginnt, wenn Babys auf etwas zeigen, ohne es haben zu wollen:

"Wenn Kleinkinder beginnen, sich an kooperativer Kommunikation mit anderen zu beteiligen, und zwar hauptsächlich durch die Verwendung der Zeigegeste, erfordert eine effektive Koordination von ihnen, dass sie Perspektiven mit anderen abgleichen, indem sie ihre eigenen intentionalen Zustände und die ihrer Partner ineinander einbetten."

Moralische Identitäten werden gebildet

Zwei Perspektiven – die des Babys und eines Erwachsenen – werden zu einem gemeinsamen "Wir" zusammengeführt. Im weiteren Verlauf der Entwicklung lernen Kinder, die Perspektive des anderen einzunehmen oder unterschiedliche Perspektiven so aufeinander zu beziehen, dass arbeitsteilig gemeinsame Ziele erreicht werden können.

Ab dem dritten Lebensjahr respektieren Kinder die Konventionen und Normen ihrer sozialen Gruppe. Tomasello nennt diese Entwicklungsstufe "kollektive Intentionalität". Sie führt im 6. und 7.Lebensjahr zur "Stufe der Vernunft", auf der Kinder nicht nur denken, sondern wissen, was sie denken. Sie wollen dann Gründe für ihre Ideen angeben, die sich an sozialen Denkfiguren, Normen und Konventionen orientieren. Da diese aber nicht widerspruchsfrei sind, entwickeln die Kinder innerhalb des großen Wir ihrer sozialen Gruppe eigene Standpunkte.

"Sechs- und siebenjährige Kinder haben begonnen zu verstehen, dass sie ihre eigenen moralischen Entscheidungen treffen müssen – wobei sie sich zwischen egoistischen Motiven, Mitgefühlsmotiven, Fairnessmotiven und der Konformität mit verschiedenen Normen entscheiden müssen –, und dabei beginnen sie ihre eigenen sozialen und moralischen Identitäten zu bilden. Sie treffen diese moralischen Entscheidungen so, dass sie sie gegenüber anderen in der Gemeinschaft und gegenüber sich selbst rechtfertigen können, indem sie Gründe angeben."

Ein zu optimistisches Bild?

Tomasello schreibt in einer wissenschaftlichen Sprache, die vielen Experimente, die er schildert, machen seine Thesen aber auch für Laien anschaulich. Neben seinem stofflichen Reichtum besticht das Buch vor allem durch seine gedankliche Konsistenz. Es wird daher wohl langfristig die Debatten zur menschlichen Ontogenese beeinflussen. Diese werden sich wohl auch um die Frage drehen, ob Tomasello nicht ein allzu optimistisches Bild des Menschen zeichnet. Denn unübersehbar existieren Unvernunft, Egoismus und Unmoral.

Tomasello begegnet diesem Befund mit dem Hinweis, dass er die evolutionär entstandene Grundausstattung freigelegt hat, mit der Menschen überhaupt als soziale und kulturelle Wesen agieren können. Das Ausmaß der Wir-Orientierung sei aber immer auch von den Interaktionen und Institutionen abhängig, in die der Einzelne hineinwächst. Man kann Tomasello vorwerfen, dass er diesen Aspekt unterbelichtet. Man kann das aber auch als Herausforderung begreifen: Tomasello führt der sozialen Gattung Mensch vor Augen, welche Möglichkeiten sie hat und inwieweit sie diese in ihrem Handeln tatsächlich realisiert.

Stand: 11.08.2020, 16:37