Tomas Espedal - Das Jahr

Tomas Espedal - Das Jahr

Tomas Espedal - Das Jahr

Von Andreas Wirthensohn

Eines der bemerkenswertesten autofiktionalen Schreibprojekte der Gegenwart nähert sich seinem Abschluss – und findet wieder eine neue Form.

Tomas Espedal
Das Jahr

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz, Berlin 2019
196 Seiten
22 Euro

Es geht viel

Die Bücher von Tomas Espedal zu lesen ist ehrlich gesagt manchmal nicht so leicht. Denn man schaut dabei einem Ich beim Leben zu, das kaum verhüllt das Ich des Autors ist. Und dieses autobiografische oder vielleicht besser autofiktionale Ich dürfen wir uns nicht unbedingt als glücklichen Menschen vorstellen. Es geht viel um Verlust, Tod und Verzweiflung in Espedals Büchern, um die eine große Liebe im Leben, die, einmal verloren, nie mehr wiederkehrt. Vor allem aber sind seine literarischen Werke schonungslose Selbstbefragungen, existenzialistische Suchbewegungen, die stets an die Mauer der eigenen Endlichkeit stoßen.

"ich bin dreiundfünfzig Jahre alt und habe
mein Soll erfüllt
was bleibt mir noch zu tun
vielleicht
ein Buch zu schreiben
ein letztes Buch
über den Tod.
Das letzte Buch
so lautet der Titel.
Ich bin immer freudig erregt
wenn ich an ein neues Buch denke
vor allem an dieses
das das letzte werden soll.
Ich möchte ein Buch über den Tod schreiben
den guten Tod
der kommt wenn er soll."

Über das Wesen der Liebe

Das Jahr, das Espedal in seinem neuen Buch beschreibt, beginnt in Südfrankreich auf den Spuren von Francesco Petrarca. Und es beginnt am 6. April, dem Tag, an dem Petrarca im Jahr 1327 Laura begegnete, der Frau, die er sein Leben lang lieben sollte. Petrarca war 23, Laura 13, als sie sich ineinander verliebten, doch schon 21 Jahre später, wieder an einem 6. April, starb Laura, die Petrarca in seinem berühmten Canzoniere besungen hatte und die er auch all die Jahre nach ihrem Tod weiter besang:

"ein langes unvergleichliches Gespräch
über das Wesen der Liebe.
Der Canzoniere enthält 366 Gedichte
eines für jeden Tag des Jahres
vom sechsten April bis zum sechsten April."

Was wir lieben ist ein fliehender Traum

Schriftsteller Tomas Espedal, 2018

Tomas Espedal

Espedal fragt danach, ob es das wirklich gibt, die eine große Liebe im Leben, die auch nach dem Tod dieses geliebten Menschen weiter besteht. Er stellt sich diese Frage allerdings nicht im Zustand der Verliebtheit, sondern als einsamer Mann, der in seinem Leben schon zwei Frauen verloren hat:

Seine Ex-Frau Agnete, die Mutter der gemeinsamen Tochter, stirbt; und die deutlich jüngere Janne, in die er sich rasend verliebt, wird ihm von einem Freund ausgespannt. Die eine Liebe für ein ganzes Leben, sie scheint für ihn unerreichbar:

"Was wir lieben ist ein fliehender Traum
schreibt Petrarca
im ersten Sonett des Canzoniere
und die Zeile ist eine Wahrheit
in derselben Weise wie der Satz: Die Bedeutung
eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.
Petrarcas Zeile ist so präzise und wahr
wie eine wissenschaftliche Feststellung
oder eine mathematische Formel: Wen man liebt
den kann man nicht festhalten.
Was wir lieben ist ein fliehender Traum
das ist eine politische Wahrheit
wir können sie mit all unseren Erfahrungen nachprüfen.
Die Liebe wird nicht dauern
sie kann nicht dauern unglücklicherweise
sie wird nicht dauern glücklicherweise
am Grunde jeder Trauer findet sich eine Freude
am Grunde jeder Freude findet sich eine Trauer."

Herbst

"Frühling" heißt der erste Teil dieser poetischen Jahresbilanz, und nach den Wanderungen auf Petrarcas Spuren geht es mit dem gebrechlichen Vater auf eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer. Mit dem Vater, der wie selbstverständlich davon spricht, er habe in seinem Leben nur eine einzige Frau geliebt, und der trotz aller Hinfälligkeit stärker, gefestigter wirkt als sein Sohn, der nachts schlaflos neben ihm liegt, besessen von dem Gedanken, sein Vater werde ihn überleben. Damit sind Ton und Thema gesetzt für den zweiten Teil, den "Herbst", den Espedal im heimatlichen Bergen zubringt:

"Das Laub fällt bald
stehen die Bäume vor dem Küchenfenster nackt
der Rasen ist mit Laub bedeckt
als ob der Herbst ein Tuch wäre
das die Natur über die Toten gebreitet hat."

Ich habe die Birke übersehen

Im Mittelmeer, wo er eben noch war, ertrinken die Menschen, in der Welt herrschen Terror und Gewalt, draußen tobt der Klimawandel, und der gebrechliche Vater führt fortwährend die näher kommende Sterblichkeit vor Augen. Die verzweifelte Traurigkeit dieses zweiten Teils ist kaum auszuhalten, und doch besteht das Wunder dieses Buches darin, dass die Poesie tatsächlich zur Retterin wird – nicht nur für den Autor, der seine Melancholie in wunderbar schwerelose Prosaverse fasst, sondern auch für uns Leser, denn Espedals Schreibkunst taucht selbst diese herbstliche Verzweiflung in ein sanftes, helleres Licht. Und lässt Dinge sichtbar werden, die das Ich bisher nicht wahrgenommen hat:

"Freitag der zehnte Oktober und die Birke im Garten
steht dort ganz allein
direkt vor dem Küchenfenster.
Lange Zeit habe ich diesen Baum
nicht gesehen
vielleicht weil er so nah am Haus steht
so dicht bei der Eingangstür
durch die ich ein- und ausgehe
allein
jeden einzelnen Tag. Ich habe die Birke übersehen
so wie man irgendwann den Nachbarn nicht mehr grüßt
der zum Witwer geworden ist
aus Angst er könnte seine Frau
erwähnen.
Jetzt sehe ich die Birke.
Jeden Morgen beim Frühstück
und jeden Abend
bevor ich ins Bett gehe
steht dieser Baum in deutlichem Abstand
vom Pflaumenbaum den Johannisbeersträuchern
und dem Rosenbusch mit den weißen Blüten."

Die Vergänglichkeit auf Abstand gehalten

Tomas Espedal schreibt schmale Bücher, die sich formal keiner Gattung so recht zuschlagen lassen. Sie sind Tagebuch, Essay, Autobiografie, und in "Das Jahr" das alles zusammen in Gestalt eines Prosagedichts (von Hinrich Schmidt-Henkel gewohnt souverän übersetzt). Immer aber zeugen sie von der rettenden Kraft der Literatur, von der existentiellen Dringlichkeit des Schreibvorgangs. Nur im Gesang des Dichters kann die eine große Liebe ewig währen, und nur die Poesie, das literarische Sprechen hält die Vergänglichkeit auf Abstand. Genau das macht wirklich große Literatur aus.

Stand: 19.12.2019, 19:36