Tim Ingold - Anthropologie – Was sie bedeutet und warum sie wichtig ist

Tim Ingold, Anthropologie – Was sie bedeutet und warum sie wichtig ist

Tim Ingold - Anthropologie – Was sie bedeutet und warum sie wichtig ist

Von Martin Hubert

Die Vielfalt menschlicher Daseinsmöglichkeiten vor Augen führen: der britische. Anthropologe Tim Ingold will für sein Fach eine soziale Relevanz zurückgewinnen.

Tim Ingold: "Anthropologie - Was sie bedeutet und warum sie wich

WDR 3 Mosaik 16.08.2019 05:34 Min. Verfügbar bis 15.08.2020 WDR 3

Tim Ingold
Anthropologie – Was sie bedeutet und warum sie wichtig ist

Aus dem Englischen von Werner Petersmann
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2019
160 Seiten
22 Euro

Eine kompakte Programmschrift mit Sprengstoff

"Anthropologie - was sie bedeutet und warum sie so wichtig ist". Der Titel von Tim Ingolds Buch kommt recht nüchtern und sachlich daher. Aber seine kompakte Programmschrift birgt Sprengstoff. Denn der arrivierte britische Anthropologe von der Universität Aberdeen gibt nicht nur einen komprimierten Überblick über die anthropologischen Schulen seit der Aufklärung. Er setzt sich auch sehr persönlich mit seinem eigenen Entwicklungsweg auseinander. Ingold fordert in Konsequenz davon, die Anthropologie völlig neu zu denken. Denn ihre Leitfrage „Was ist der Mensch?“ werde aktuell massiv herausgefordert: die Welt, die er geschaffen hat, befinde sich an einem entscheidenden Wendepunkt.

"Kreuz und quer überziehen Versorgungsketten den Globus. Waldgebiete fallen dem Kahlschlag anheim und veröden, ganze Landstriche wurden für den Anbau von Sojabohnen und die Palmölproduktion zweckentfremdet. Wie sehr wir auch vom Leben auf anderen Planeten träumen mögen, es gibt keinen, auf den wir flüchten könnten. Auch gibt es kein Zurück in die Vergangenheit, von wo aus wir eine alternative Route in die Gegenwart einschlagen konnten."

Tim Ingold: "Anthropologie - Was sie bedeutet und warum sie wich

WDR 3 Mosaik 16.08.2019 05:34 Min. Verfügbar bis 15.08.2020 WDR 3

Eine kreative und erfahrungsoffene Disziplin

Tim Ingold

Tim Ingold

Die Herrschaft des Menschen über die Natur hat in eine Sackgasse geführt, deswegen müssen unbedingt neue Ideen kreiert werden, konstatiert Ingold. Die Anthropologie könne dazu beitragen, wenn sie nicht mehr nur Wissen über die bisherige Evolution des Menschen zusammenträgt, sondern Weisheit ermöglicht. Dieser Begriff bleibt undeutlich. Ingold meint damit so etwas wie die Offenheit für das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen. Es gehe darum, sich wirklich zu öffnen und vom Anderen zu lernen. Ingold definiert Anthropologie dementsprechend als kreative und erfahrungsoffene Disziplin, die die Vielfalt menschlichen Daseins offenlegt und so neue Perspektiven eröffnet.

Dazu müsse sie sich endgültig davon verabschieden, die westliche Zivilisation als Maßstab zu nehmen. Diese sei sowieso nur ein Abstraktum.

"Eines der Paradoxa der Anthropologie besteht darin, dass sie zwar viel über Leben und Zeitläufte nichtwestlicher Volker, über die westlichen Völker jedoch so gut wie nichts zu sagen weiß. Der Mensch des Westens, stellt sich heraus, fällt stets durch Abwesenheit auf. Denn in Wahrheit hat er nie existiert."

Die Forderung nach integraler Anthropologie

Zur Fiktion einer homogenen westlichen Zivilisation gehören für Ingold die wohlbekannten Dualismen von Natur- und Geisteswissenschaft, Natur und Kultur oder Geist und Körper. Auch von ihnen müsse sich die Anthropologie endgültig verabschieden. Denn Menschen bewältigen ihr Leben zwar immer unter bestimmten Bedingungen, diese seien aber stets sowohl kulturell als auch natürlich geprägt. Kulturelle Einflüsse bestimmen, wie sich genetische Anlagen entwickeln. Umweltbedingungen beeinflussen das soziale Leben und werden durch es gestaltet. Nur wenn wir Kultur und Natur als gleichberechtigt ansehen und ihre innere Verbindung ernst nehmen, können wir nach Ingold dem Menschen die Freiheit zubilligen, auf neue Art und Weise auf seine bisherigen Existenzbedingungen zu antworten. Daher müsse sich die neue Anthropologie auch von der klassischen Evolutionstheorie lösen, die den Menschen allein entlang von biologischen Abstammungslinien, Genen und Fortpflanzungsmechanismen definiert.

Ingold fordert letztlich eine integrale Anthropologie, die die zersplitterten Fragestellungen der biologischen, kulturellen und sozialen Anthropologie wieder gleichberechtigt zusammenführt. Dazu seien Imaginationskraft und geistige Produktivität nötig. Eine Anthropologie, die sich an solchen Prinzipen orientiert, nähert sich letztlich dem Reich des Ästhetischen an. Den Anthropologen vergleicht Ingold

"Mit einem Träumer, mit einem, der den Wegen des Lebens folgt, von der Beobachtung lernt und den Dingen unter die Haut geht, um sie von innen kennenzulernen. Es ist wohl die Rolle der Kunst, das Gleiche zu tun: unsere Sinne wiederzuerwecken, zuzulassen, dass die Erkenntnis aus dem Innern des Seins erwächst, während das Leben sich entfaltet."

Die Vielfalt menschlichen Lebens

Ingolds Entwurf einer neuen, zeitgemäßen Anthropologie klingt manchmal etwas zu empathisch und immer wieder nutzt der Autor metaphernhafte Umschreibungen statt klarer Begriffe. Er orientiert sich an der Idee eines geistigen und kulturellen Lebens, das sich nicht in "westlich oder nicht-westlich", "zivilisiert oder nicht zivilisiert" unterteilen lässt. So etwas hatte bereits der Begründer der Strukturalen Anthropologie, Claude Levi-Strauss im Blick. Der aber hatte vielfältige kulturelle Systeme seziert, Ingold dagen will die Vielfalt menschlichen Lebens sinnlich zur Geltung bringen.

Sein Buch präsentiert dazu jedoch nur eine Skizze und kein ausgearbeitetes Programm, das detailliert demonstriert, wie diese neue kreative Anthropologie auszusehen hat. Aber Ingold verweist zum Beispiel auf Völker, die nicht zwischen Natur und Kultur unterscheiden. Sie suchen jenseits dieser Dualismen nach einer adäquaten Lebensweise, die die natürlichen Bedingungen ihrer Existenz nicht zerstört. Solche Beispiele geben eine Vorstellung davon, wie Anthropologie existierende Muster in Frage stellen und den Raum des Denkens erweitern könnte. Insofern ist Ingolds Entwurf ein vorläufiger, aber wichtiger Denkanstoß für eine Anthropologie, die jenseits ihrer akademischen Spezialisierung wieder gesellschaftliche Relevanz zurückgewinnen will.

Stand: 14.08.2019, 17:33