"Pflaumenregen" von Stephan Thome

Buchcover: "Pflaumenregen" von Stephan Thome

"Pflaumenregen" von Stephan Thome

Stephan Thome hat seine Wahlheimat Taiwan zum Gegenstand eines packenden Romans gemacht. In der abenteuerlichen Geschichte einer Familie spiegelt er mit traumwandlerischer Sicherheit die schwierige Geschichte des Landes von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart. Eine Rezension von Holger Heimann.

Stephan Thome: Pflaumenregen
Suhrkamp Verlag, 2021.
526 Seiten, 25 Euro.

"Pflaumenregen" von Stephan Thome

Lesestoff – neue Bücher 06.12.2021 04:59 Min. Verfügbar bis 06.12.2022 WDR Online Von Holger Heimann


Download

Die kulturelle Identität Taiwans

"Taiwaner sind chinesisch sprechende Japaner", sagt man auf der Insel Taiwan. Hierzulande versteht wahrscheinlich kaum jemand, was in dem Satz mitschwingt. Manch einer mag zumindest ahnen, dass Chinesen und Japaner die Insel beherrscht haben und für deren kulturelle Identität prägend waren. Aber wie genau? Was wissen wir von Taiwan? Stephan Thome weiß sehr viel über das Land, das zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Und er hat einen Roman geschrieben, der unterhaltsam und kenntnisreich das Land und seine Menschen näherbringt.

Das Eintreffen der chinesische Armee

Im Mittelpunkt steht Umeko, ein aufgewecktes taiwanisches Mädchen, das behütet in den 1940er Jahren in einer Kleinstadt im Norden der Insel heranwächst. Taiwan ist seit Jahrzehnten japanische Kolonie. Viele Einheimische haben sich überdies mit den Umständen arrangiert und sich den fremden Herrschern kulturell und mental angenähert.

Doch die Niederlage Japans im Pazifischen Krieg verändert alles. Am Tag als die chinesische Armee auf der Insel eintrifft, strömt die ganz Stadt zum Hafen, um die siegreichen Soldaten zu begrüßen. Aber die Taiwaner erleben eine Überraschung.

"'Wieso gehen zuerst die Kulis von Bord?', fragte Umeko. Zwei Männer, die weder Uniform noch Stiefel trugen, betraten die Gangway und schauten sich um, als wären sie gerade aufgewacht. Statt eines Gewehrs hatte sich jeder ein Stück Bambus über die Schulter gelegt, an dem Töpfe und anderes Geschirr baumelten. Unsicher, so als trauten sie der Festigkeit des Bodens nicht, setzten sie einen Fuß vor den anderen. Aus der Nähe sahen sie aus wie Bettler. (...) Für einen Moment rührte sich niemand. 'Das sind keine Kulis', flüsterte Vater ungläubig. 'Das ... ist die 70. Armee.'"

Gewaltsamer Umbruch

Die von Chiang Kai-shek angeführten Chinesen, die das Festland an Mao Zedongs Kommunisten verloren haben und nun auf die Insel kommen, sind keine Befreier. Mit drakonischen Mitteln etablieren die neuen Machthaber ein diktatorisches Regime. Überall wittern sie Verschwörungen und Feinde. Die japanische Sprache wird verboten, Umeko heißt jetzt Hsiao Mei. Ihr Bruder wird auf eine Gefängnisinsel gebracht, ihr Onkel verschwindet spurlos.

Aus dem lebenslustigen, unbeschwerten Mädchen wird eine vorsichtige, traurige und bald unglücklich verheiratete Frau, die gelernt hat, ihre Gedanken und Gefühle zu verbergen. Stephan Thome spiegelt den gewaltsamen Umbruch und den Zwang zur Anpassung in den Biografien einer ganzen Reihe von Menschen, die mit Umeko verbunden sind. Leichthändig und wie nebenbei gelingt es ihm zugleich, die komplexen historischen Verhältnisse zu vermitteln.

Der eigenen Identität sicher sein

Auf einer zweiten Zeitebene, die bis nah an die Gegenwart heranführt, erzählt Thome von einem Familientreffen anlässlich von Umekos 80. Geburtstag. Ihr Sohn Harry, ein in die USA ausgewanderter Literaturwissenschaftler, will einen Roman über die Familie schreiben, nicht zuletzt, um sich der eigenen Identität zu versichern. Er plant, auch seine Mutter zu interviewen. Aber das ist ein schwieriges Unterfangen:

"Obwohl es über die Lees aus Keelung genug zu berichten gäbe, spricht seine Mutter fast nie von früher. Als Kind wurde ihm erzählt, ihr ältester Onkel sei in seinem Ort der erste Besitzer eines elektrischen Kühlschranks gewesen. Die Kohlenmine in Ruifang hatte in der Kolonialzeit viel Geld abgeworfen, aber als die Festländer die Insel übernahmen, änderten sich die Zeiten. Harrys Großvater kam noch relativ glimpflich davon, er verlor nur seinen Job in der Goldmine. 'Das muss schwer gewesen sein', sagt er vorsichtig. Mit seiner Mutter über die Vergangenheit sprechen ist wie ein scheues Tier zu füttern. Eine falsche Bewegung und..."

Den Schmerz beherrschbar machen

Auch davon erzählt der Roman: von der Flucht ins Schweigen. Man konnte am "eigenen Schweigen fast (...) ersticken", heißt es einmal, aber "daran festzuhalten (...) war das kleinere Übel". Denn Schmerz, Schuldgefühle und Traurigkeit bleiben so eingekapselt und beherrschbar.

Stephan Thome fängt traumwandlerisch sicher in der Geschichte Umekos und ihrer Familie die Geschichte eines Landes ein. Einiges deutet darauf hin, dass sein Roman das Buch ist, das Harry schreiben wollte.

Stand: 28.11.2021, 16:46