Theo Thijssen - Ein Junge wie Kees

Theo Thijssen - Ein Junge wie Kees

Theo Thijssen - Ein Junge wie Kees

Von Bettina Baltschev

Aus einfachen Verhältnissen stammend, träumt sich ein kleiner Junge aus Amsterdam in eine bessere Welt. Erstmals ist ein anrührender Klassiker der niederländischen Literatur vollständig ins Deutsche übersetzt.

Theo Thijssen
Ein Junge wie Kees

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Wallstein, Göttingen 2019
432 Seiten
24 Euro

Viele Leute scheinen Kees Bakels überhaupt nicht gekannt zu haben

Es ist ein kluger Schachzug, mit dem der niederländische Schriftsteller Theo Thijssen die Leser zu seinen Komplizen macht. Verleiht er doch gleich zu Beginn von "Ein Junge wie Kees" seinem Erstaunen Ausdruck, dass noch niemand von dem Kind gehört hat, von dem er auf den nächsten Seiten ausführlich erzählen wird.

"Viele Leute scheinen Kees Bakels überhaupt nicht gekannt zu haben, was eigentlich kaum zu verstehen ist. Ist er denn nicht praktisch der bedeutendste Junge gewesen, den es je gegeben hat? Nur durch einige unglückliche Zufälle ist aus ihm kein berühmter Mann geworden, aber dafür konnte er doch nichts! Jedenfalls ist es kein Grund, gleich so zu tun, als hätte es ihn gar nicht gegeben."

Theo Thijssen: "Ein Junge wie Kees"

WDR 3 Buchkritik 24.12.2019 05:02 Min. Verfügbar bis 23.12.2020 WDR 3

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Diese Welt, in die er hineingeboren wurde

Dieser Kees Bakels also wächst - wie Theo Thijssen übrigens auch - im Amsterdamer Jordaan auf, Ende des 19. Jahrhunderts ein enges und dichtbevölkertes Arbeiterviertel unweit der Westerkerk. Als Sohn eines Schumachers wird er von seinen Eltern liebevoll umsorgt. Dennoch ist Kees diese Welt, in die er nun mal hineingeboren wurde, immer eine Nummer zu klein, glaubt er fest daran, dass Großes und Bedeutendes auf ihn wartet. So schlendert er oft ziellos durch die bessergestellten Grachten von Amsterdam und wächst bei jeder passenden Gelegenheit über sich hinaus, zumindest in seiner Phantasie. Mal parliert er gegenüber Passanten im perfekten Französisch, mal ist er der einzige, der den Fall des Kirchturms der Westerkerk bemerkt.

"Kees blieb einen Moment stehen. Ja, er sah es deutlich, der Turm bewegte sich wahrhaftig etwas hin und her. Außerdem stand er schon nicht mehr genau gerade. Vielleicht war er, Kees, der Einzige, der es sah, denn niemand achtete darauf […] Gleich würde es schlimmer - würde die Bewegung noch deutlicher - das hielt er nicht aus, Leute, das hielt er nicht aus, da gab es einen deutlichen Bruch, direkt unter dem Ziffernblatt. Er fiel, er stürzte!"

Der sogenannte "Schwimmbadschritt"

Immer wieder wird Kees Bakels In seiner Phantasie zum Retter in der Not.

Theo Thijssen

Theo Thijssen

Bei seinen Schulkameraden dagegen macht er sich mit der Erfindung eines besonderen Laufstils einen Namen, dem sogenannten "Schwimmbadschritt".

"Wenn man mal schnell vorankommen wollte, musste man sich beim Gehen vornüber neigen, ganz als ob man ständig hinfiele, und dann immer die Arme schwenken, hin und her. Er führte diese Art des Schaukunstlaufens auch in der Schule ein und hatte viel Erfolg damit. Wochenlang sah man die Jungen seiner Schule mit ernsten Gesichtern die neue Gangart betreiben. Wenn sie so zwischen zwölf und zwei ins Schwimmbad gingen, waren sie immer in Eile, und dann kam ihnen das Kunstlaufen gut zustatten."

In schlichten Worten doch sehr berührend

Längst ist dieser „Schwimmbadschritt“ in den Niederlanden zum geflügelten Wort geworden und hat der Roman seit seinem Erscheinen viele soziologische und psychologische Ausdeutungen erlebt. Das erläutert der Übersetzer Rolf Erdorf in seinem aufschlussreichen Nachwort. So ließe sich "Ein Junge wie Kees" auch als poetische Metapher für das ganze Land begreifen, das nach dem legendären goldenen Zeitalter im 17. Jahrhundert von der eigenen Bedeutung als Weltmacht nur noch träumen kann. Und so ist "Kees de jongen", wie das Buch im Original heißt, eben nicht nur die Geschichte eines verträumten Kindes, sondern auch ein Sittengemälde der niederländischen Gesellschaft, die sich Ende des 19. Jahrhunderts abseits der brodelnden Zentren Europas neu erfinden muss. Der Junge Kees ahnt davon natürlich noch nichts. Er verliebt sich stattdessen in Rosa Overbeek, ein Mädchen, das neu in seine Klasse kommt und - wohl der tragischste Moment - muss erleben, wie sein Vater langsam stirbt. Das alles beschreibt Theo Thijssen ohne Pathos, in schlichten Worten und doch sehr berührend.

"Hallo, Pa, sagte Kees ganz leise, und doch erschrak er noch von dem merkwürdigen Klang seiner eigenen Stimme. Pas eine Hand winkte ihm, und begierig kam Kees näher, beugte sich nah über die Bettdecke und nahm die Hand seines Vaters. Er wollte das Gleiche sagen, was er schon öfters gesagt hatte, früher, als sein Vater genauso dagelegen hatte: etwas wie “natürlich bald gesund werden“; aber die Augen seines Vaters verwirrten ihn, und wieder brachte er nichts heraus als: Hallo, Pa."

Mit viel Empathie und Menschenkenntnis

Sehr sensibel und ohne sich einem Zeitgeist anzubiedern, hat der Übersetzer Rolf Erdorf die Sprache dieses Klassikers in die Gegenwart geholt. Und da gehört er auch unbedingt hin. Schließlich sind es zeitlose Themen, die Theo Thijssen mit viel Empathie und Menschenkenntnis verhandelt: Besonders eindrücklich tut er das, wenn Kees Bakels nach dem Tod seines Vaters sehr schnell, sozusagen im Schwimmbadschritt, erwachsen werden muss. Ist man diesem kleinen Jungen aus dem Amsterdamer Arbeiterviertel einmal durch alle Gefühlswelten gefolgt, wundert man sich tatsächlich, dass man nicht schon viel eher von ihm gehört hat.

Stand: 19.12.2019, 14:18