Theodor Fontane - Die große Hörspieledition

Theodor Fontane - Die große Hörspieledition

Theodor Fontane - Die große Hörspieledition

Von Oliver Cech

Zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes veröffentlicht DAV acht Romane und Novellen in Hörspielfassungen, oft hochkarätig besetzt. Bemerkenswerte Funde aus den Archiven der Rundfunkanstalten der jungen Bundesrepublik.

Theodor Fontane
Die große Hörspieledition

Der Audio Verlag, Berlin 2018
12 CDs
Laufzeit ca. 13 Std. 53 Min
ISBN: 978-3-7424-0729-0.

"Fontane macht süchtig"

So hat es vor kurzem eine große deutsche Tageszeitung behauptet (die FAZ). Und für den meinungsfreudigen Marcel Reich-Ranicki war Fontane schlicht "der größte deutsche Romancier der Epoche zwischen Goethe und Thomas Mann". Dennoch ist Theodor Fontane einem großen Kreis von Lesern heute eher fremd geworden. Fremd durch seinen ironisch distanzierten Erzählstil, aber auch durch die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, aus der er seine Stoffe schöpft.

Theodor Fontane

Theodor Fontane

Das war noch ganz anders in der Nachkriegszeit, in den 1950er und 60er Jahren vor allem; da haben die Rundfunkanstalten der jungen Bundesrepublik gern und in großer Zahl Fontanes Romane und Novellen als Hörspiele produziert: Irrungen, Wirrungen; Effi Briest; Unwiederbringlich und viele andere mehr. Zum 200sten Geburtstag des Schriftstellers legt "Der Audio Verlag" nun acht dieser oft hochkarätig besetzten Hörspiele in einer CD-Box vor. Ob die Sammlung sich eher an Fontane-Liebhaber wendet – oder ob sie gerade für Neulinge interessant ist, die dieses Werk gern kennenlernen möchten – erklärt unser Autor Oliver Cech. Zu Beginn seines Beitrags geraten wir gleich in einen Streit zwischen den Herren von Bülow und von Wuthenow: zwei Preußen, mit denen nicht zu spaßen ist!

Eine Frage der Ehre

"Schach von Wuthenow: Für mich ist das keine Frage des Rechtbehaltenwollens, sondern eine Frage der Ehre. Von Bülow: Ich habe lange genug in dieser Armee gedient. Ich weiß, jedes dritte Wort ist EHRE. Ha! Eine Tänzerin ist charmant »auf Ehre«…. Mir sind schon Wucherer empfohlen worden, die superb waren – auf Ehre!! Victoire: Bravo! Weil Herr von Bülow endlich eine Pointe erreicht hat, an der ich es wagen darf, ihn zu unterbrechen. Um Sie alle, meine Herren, vor einer Unhöflichkeit zu bewahren."

Das war knapp. Wenn das Wort "Ehre" fällt unter preußischen Adeligen des 19. Jahrhunderts, und einer fühlt sich vom anderen öffentlich in seiner Ehre gekränkt – dann liegt immer gleich die Gefahr eines Duells in der Luft. Im Wortwechsel mit dem Rittmeister Schach von Wuthenow hat sich der kritische Militär-Schriftsteller von Bülow zu dem Bonmot hinreißen lassen, Preußen sei "kein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Land, das nur Standquartier dieser Armee ist. Ist die Armee, ist alles hin…"

Da liegen die Nerven blank beim Rittmeister von Wuthenow, nach dem die Erzählung benannt ist. Doch wie so oft in der Prosa Theodor Fontanes stellt sich eine kluge Frau zwischen die beiden Männer; hier ist es die junge Victoire, die im letzten Moment ein Ablenkungsmanöver startet. Allerdings – die klugen Frauen haben es alles andere als leicht, im Preußen Fontanes.

"St. Arnaud: Meinem persönlichen Geschmack nach brauchen Damen überhaupt nichts zu wissen. Und jedenfalls: Lieber zu wenig als zu viel! Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist und verlangt, man möge dies und jenes zumindest dem Namen nach kennen.
Cecile: Du weißt… St. Arnaud: Ich weiß – alles."

Ein Schwerpunkt liegt auf den Frauen-Figuren

Die Frauen sind hier ganz wesentlich "Damen". Das heißt, sie gehen auf in ihrer sozialen Rolle – und wenn sie die Grenzen dieser Rolle überschreiten, verlieren sie ihre "Ehre"; anders als die Männer haben sie aber keine Möglichkeit, durch ein Duell ihre Ehre wieder herzustellen. Einen großen Teil seines Erzählwerks hat Theodor Fontane Frauenfiguren gewidmet, fast immer tragischen Frauen; ihnen gehört seine besondere Sympathie. Über die Gründe war sich Fontane durchaus im Klaren; er schreibt: "Der natürliche Mensch will leben, will weder fromm noch keusch noch sittlich sein. Dies Natürliche hat es mir seit lange angetan, ich lege nur darauf Gewicht, fühle mich nur dadurch angezogen; und dies ist wohl auch der Grund, warum meine Frauengestalten alle einen Knacks weghaben." Auch in der neuen Hörspieledition liegt ein Schwerpunkt auf den Frauen-Figuren, von Jenny Treibel bis Mathilde Möhring, von Effi Briest – bis zur geheimnisvollen Cecile…

"Gordon: Sie hat offenbar viel erfahren; Leid und Freud – und ist nicht glücklich in ihrer Ehe. Trotzdem sie dem Obersten in einzelnen Momenten etwas wie Dank zeigt. Also, wenn Du willst, eine Neigung mehr aus Schutzbedürfnis als aus Liebe. Mitunter auch aus bloßer Caprice. Ja, sie hat Capricen – was an einer schönen Frau nicht sonderlich überraschen darf."

Was ist ihr geschehen?

Klaus Maria Brandauer 1985

Klaus Maria Brandauer 1985

In "Cecile" leiht der junge Klaus Maria Brandauer seine Stimme einem Ingenieur, einem Mann der Wissenschaft, der viel in der Welt herumgereist ist.

Auf einer Harzreise begegnet dieser Robert von Gordon der schönen Cecile und ihrem deutlich älteren Ehemann Pierre von St. Arnaud.

Der Grund für Ceciles Traurigkeit, so ahnt von Gordon, liegt tief in ihrer Vergangenheit. Was ist ihr geschehen? Wie nah muss er Cecile kommen, um ihr Geheimnis zu ergründen?

"Cecile: Lockt Sie es nicht auch, Herr von Gordon? St. Arnaud sieht mich frösteln und weiß, dass ich die Minuten zähle. Doch was bedeutet es ihm…
Gordon: Und ist doch sonst voll Aufmerksamkeit – und Rücksichtnahme.
Cecile: Jaaa… ja, das ist er.
Erzähler: Eine Welt von Verneinung lag in diesem "Ja". Gordon aber nahm ihre lässig herabhängende Hand und hielt – und küsste sie. Was sie geschehen ließ. Dann ritten beide schweigend neben einander her."

Acht Hörspiele aus den Jahren 1948 bis 1988

Das ist nun schon beinahe der Höhepunkt an erotischer Entgleisung, die einem im Erzählwerk Fontanes begegnet. Hier schreibt ein Altmeister des psychologischen Realismus, in einem kunstvoll gezirkelten Stil, der viel mehr andeutet als ausspricht. Das Auftauchen einer Schwarzdrossel am Wegesrand – oder ein besonderes Licht im Abendrot – künden in dieser literarischen Welt von nahendem Unheil.

In mancher Hinsicht sind die acht Hörspiele der neuen Fontane-Sammlung ein Glücksfall. Sie stammen aus Archiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aus den Jahren 1948 bis 1988 – und sie sind, trotz dieser langen Zeitspanne ihrer Entstehung, erstaunlicherweise allesamt geprägt von der gleichen künstlerischen Haltung.

Der Regisseur Harald Braun (l) mit den Filmschauspielern Ruth Leuwerik (M) und O.W. Fischer (r) nach der Bambi - Preisverleihung am 27. Dezember 1953 im Passage-Theater in Hamburg.

Ruth Leuwerik

Fontanes allwissender Erzähler bleibt erhalten, die Spielszenen kommen mit wenigen, zurückhaltenden Hintergrundgeräuschen aus; auch Musik spielt kaum eine Rolle als Stimmungsträger.

Die Regie vertraut – zu Recht! – der Kraft und dem Eigenleben von Fontanes Sprache – und einer Auswahl guter, teilweise exzellenter Sprecher-Schauspieler wie Gerd Westphal und Gertrud Kückelmann, Ruth Leuwerik und Hans Paetsch. Durch diese Stimmen gelingt Fontanes fernen Figuren der Sprung in die Gegenwart, ins Jahr 2019.

"Dörffel: Herr von Gordon ist ein Mann, der die Welt gesehen und die kleinen Vorurteile hinter sich geworfen hat. So recht eine Bekanntschaft, wie Sie sie brauchen! Denn – es bleibt bei meinem alten Satz: Sie verbringen ihr Leben einsamer, als sie sollten.
Cecile: Im Gegenteil, nicht einsam genug. Was man Gesellschaft nennt, ist mir alles Erdenkliche, nur kein Trost und keine Freude.
Dörffel: Was Sie brauchen, sind unbefangene Menschen. Menschen, die die Sprache zum Ausplaudern, nicht zum Kaschieren der Dinge haben."

Theodor Fontane: "Die große Hörspieledition"

WDR 3 Buchrezension 17.01.2019 06:13 Min. Verfügbar bis 17.01.2020 WDR 3

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Stand: 15.01.2019, 18:50