Theodor Fontane - Effi Briest

Theodor Fontane - Effi Briest

Theodor Fontane - Effi Briest

Von Christoph Vratz

Theodor Fontanes "Effi Briest" ist ein Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte. Im Jahr von Fontanes 200. Geburtstag hat nun Oliver Rohrbeck den Roman neu als Hörbuch veröffentlicht.

Theodor Fontane
Effi Briest

Oliver Rohrbeck, Sprecher
Audiobuch
2 MP3-CDs
978-3-95862-512-9

Seit inzwischen 40 Jahren erreicht Oliver Rohrbeck mit seiner Stimme ein Millionenpublikum – als erster Detektiv Justus Jonas in der Jugend-Krimi-Reihe "Die drei ???" Auch als Synchronsprecher (ob in Kinderfilmen wie "Karlsson vom Dach" oder US-Produktionen wie "Der Teufel trägt Prada") ist er seit vielen Jahren eine feste Größe. Auch abseits dieser Erfolgs-Magneten ist Rohrbeck inzwischen ein gefragter Sprecher für Hörbücher. Jetzt verleiht er einem der großen Romane der Weltliteratur seine Stimme: "Effi Briest" von Theodor Fontane.

Detailgenau und wirklichkeitsnah

"In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten […] warf."

Theodor Fontane

Theodor Fontane

Wie mit einer Kamera wird der Leser bzw. Hörer an einen der zentralen Schauplätze von "Effi Briest" geführt, detailgenau und wirklichkeitsnah. Fontanes Roman spielt meist in Berlin. Elf seiner siebzehn großen Romane sind ganz oder überwiegend in Preußens Metropole angesiedelt. So auch der bedeutendste deutsche Eheroman des 19. Jahrhunderts. Doch musste Fontane sehr lange warten, bis er 1894/95 mit diesem vorletzten Roman einen großen Publikumserfolg verbuchen konnte. Die Erfolgszeitschrift "Gartenlaube" beispielsweise hatte eine Veröffentlichung abgelehnt – und die Bedeutung dieses Werkes damit gründlich unterschätzt.

"Effi trug ein blau und weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und Grazie."

Eine Geschichte mit verhängnisvollem Verlauf.

Effi wird 17-jährig den lebensklugen, über 20 Jahre älteren Baron von Innstetten heiraten. Doch das Alltagsleben wird ihr (ähnlich wie ihrer französischen Wahlverwandten Emma Bovary) mehr und mehr zu eng, sie beginnt eine Affäre mit dem leichtlebigen Major von Crampas. Die Geschichte nimmt ihren verhängnisvollen Verlauf. Jahre später entdeckt Innstetten, dass er betrogen worden ist und bittet seinen Widersacher zum Duell. Crampas stirbt, Effi wird zum gesellschaftlichen Außenseiter, verstoßen von Ehemann und Eltern. Sie erkrankt und stirbt als noch junge Frau mit nicht einmal 30 Jahren.

"Das Wetter war schön, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und Gelb, und seit den Äquinoktien, die die drei Sturmtage gebracht hatten, lagen die Blätter überallhin ausgestreut. Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag seit gestern eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als „Effi Briest“ und darunter ein Kreuz."

In ganzer Länge

"Effi Briest" ist, gemäß der Popularität dieses Buches, auch auf dem Hörbuchmarkt entsprechend breit vertreten: mit mehreren Hörspielen und einer Reihe von Lesungen, mal gekürzt (wie mit Julia Jentzsch), mal vollständig (etwa mit Udo Samel und Gert Westphal). Nun hat der Schauspieler Oliver Rohrbeck Fontanes Erfolgsroman aufgenommen, ebenfalls in ganzer Länge.

"Innstetten […] war am anderen Morgen früh auf und suchte seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu werden.
„Du hast gut geschlafen?“ sagte er, als Effi zum Frühstück kam.
„Ja.“ „Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen.“ […]
„Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.“
„Sehr merkwürdig.“"

Viele Dialoge, mit unzähligen Schattierungen.

WDR 2 Möglichmacher und die drei ???

Oliver Rohrbeck

Für jeden Schauspieler bzw. Sprecher sind Fontanes Romane eine besondere Herausforderung – vor allem wegen der vielen Dialoge, die unzählige Schattierungen erfordern. Mal ist es die melancholische, ermattete Haltung enttäuschter Frauen, mal ist es die leicht unterwürfige, oft lebenskluge Attitüde des Dienst-Personals; da ist die schnittige Art der Militärs und, dem entgegen, das Unschuldhaft-Naiv-Lebenshungrige wie bei einer Effi Briest. Wer bei all diesen Rollen untertreibt, produziert beim Hörer schnell Langeweile. Wer jedoch im Gegenzug übertreibt, macht den Vortrag ebenso schnell unglaubwürdig.

Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie betete: "Gott sei Dank!"

"Innstetten verfärbte sich. Was war das? „Steh auf, Effi. Was hast du?“ […]
Effi erhob sich rasch.
„Ich dachte, du hättest hier glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?“
„Daß du noch fragen kannst, Geert“, sagte sie, während sie mit einer äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte."

Eine Spur zu emphatisch.

Wer Oliver Rohrbecks Hörbuch-Produktionen kennt, ist mit seiner Hingabe, seiner Leidenschaft vertraut. Rohrbeck lässt seine Figuren plastisch erscheinen, lebendig, neugierig, tatendurstig. All das zeigt sich in unterschiedlichen Ansätzen auch hier: die backfischkecke Effi, der noble, reife, aber auch konsequente Innstetten, der umgarnende Crampas. Die Reihe ließe sich noch fortsetzen. Und trotzdem fällt es schwer, von dieser Lesung ergriffen zu sein. Bei Rohrbeck schwingt immer eine Spur Gewolltheit mit, etwas unterschwellig Vorwärts-Drängendes, Stilisierendes, Unruhiges. Der scheinbar beiläufige Plauderton, der Fontanes literarische Werke so unverkennbar macht, mag sich hier nicht recht einstellen. Die Doppelbödigkeit, dass hinter einer gelassen wirkenden Rede sich meist auch eine Welt- und Lebensweisheit verbirgt, erscheint in dieser Lesung immer eine Spur zu emphatisch, zu angestrengt. Hinter jedem noch so unauffälligen Detail lauert eine Botschaft, ein Verweis, eine Anspielung – doch die Kunst eines Sprechers besteht darin, dies nicht immer sofort hörbar machen zu wollen. Insofern hinterlässt Rohrbecks Lesung einen zwiespältigen Eindruck.