Tereza Semotamová - Im Schrank

Tereza Semotamová - Im Schrank

Tereza Semotamová - Im Schrank

Von Holger Heimann

Wie soll man leben? Die junge Pragerin Hana weiß es auch nicht. Sie trifft eine radikale Entscheidung und zieht in einen Schrank.

Das Leiden am Leben ist ein uralter Topos der Literatur.

Tereza Semotamová
Im Schrank

Aus dem Tschechischen von Martina Lisa
Voland & Quist, Dresden 2019
288 Seiten
22 Euro

Ein uralter Topos der Literatur

Das Leiden am Leben ist ein uralter Topos der Literatur. Früher waren es vor allem starre gesellschaftliche Schranken, die dem individuellen Glück im Weg standen. Wer dagegen anrannte, scheiterte mit schrecklicher Konsequenz und Regelmäßigkeit. Der Vorzug der alten Zeiten lag indes in einer gewissen Einfachheit und Klarheit. Jeder wusste schließlich, wo sein Platz war. Heute liegen die Dinge ziemlich anders. Das Leiden ist eher eines an der Unübersichtlichkeit der Welt und der eigenen Verlorenheit darin. Und niemand ist da, der den richtigen Weg zeigt. So ist es auch im Roman der jungen tschechischen Autorin Tereza Semotamová. Ihre Ich-Erzählerin Hana sehnt sich schon als Kind nach Regeln und Rat. Wie man denn bloß leben soll, hat das Mädchen die Mutter einmal gefragt. Deren Tipp:

"Wie machen es denn die anderen? Mach es doch genauso, da kannst du nichts falsch machen!"

Beziehungsprojekte

Hana hat es versucht, aber schon bald ist ihr aufgegangen, dass so auch nichts besser wurde. Vielleicht wussten es die anderen auch nicht, mutmaßt sie. Die Frau, die hier von ihrer Ratlosigkeit erzählt, ist längst erwachsen. Sie könnte –wie die Autorin selbst – Mitte 30 sein. Während ihre Schwester und eine Freundin emsig am Familienglück bauen, ist Hanas Beziehungsprojekt gründlich fehlgeschlagen. Jahrelang hatte sie sich einer angestrengten Zweisamkeit hingegeben und dabei bloß den Lebensekel ihres lieblosen Partners übernommen:

"Du kommst von der Arbeit nach Hause, und ich wollte dich schon fragen, was du da, um Gottes willen, den ganzen Sonntag lang gemacht hast. Dann sage ich aber nur das, was du sonst immer sagst: „Es ist Sonntag, ich bin depressiv; und alles fühlt sich eckig an.“ Nach all den Jahren unseres Zusammenlebens habe ich mich in dieser Hinsicht bei dir angesteckt und diese unwillkommene Tradition übernommen. Und du fragst, warum. Und ich sage, keine Ahnung."

Ein praktikabler Lebensplan

Eine Psychotherapie hilft da auf die Schnelle ebenso wenig, wie eine Reise nach London. Der arbeitslosen Bildhauerin fehlt schlichtweg ein praktikabler Lebensplan – und ganz unmittelbar und akut auch eine Bleibe. Zurückgekehrt aus Deutschland und ernüchtert vom Paar-Dasein sucht sie in Prag nichts sehnlicher als einen Rückzugsort:

"Der Raum. Eine parzellierte Welt. Alles gehört jemand anderem. Jeder Mensch hat seine paar Quadratmeter, aber einige wandeln nur zwischen fremden Parzellen umher. Wie viel Raum liegt brach auf dieser Welt, ungenutzt? Vermutlich einiger. Aber wie findet man so eine Fläche? Ein verstecktes Eckchen, wo es nicht zieht, wo man die Beine ausstrecken, sich einen Tee kochen und reglos ruhen kann wie der Sonntagsbraten im Ofen."

Tereza Semotamová - Im Schrank

WDR 3 Buchrezension 03.04.2019 05:30 Min. Verfügbar bis 02.04.2020 WDR 3

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Der Schrank

Die Antwort, die der Roman gibt, ist so herrlich überdreht, dass man sogleich die Hoffnung damit verbindet, Hanas bis hierhin recht vorhersehbare Erzählung würde nun schwungvoll abbiegen – hin zum Abenteuerlichen und Skurrilen. Und mithin weit weg führen von den recht braven und sich gleichenden Geschichten von Beziehungselend und depressiver Einsamkeit junger Großstädter in nervösen Zeiten. Tereza Semotamová hatte jedenfalls eine umwerfend absurde Idee: Sie lässt Hana in einen Schrank ziehen, der in einem Prager Hinterhof steht. Auf dem engen Raum richtet sich die junge Frau rasch ein:

"Ich ziehe mich im Schrank um, Leggins, T-Shirt, Fleecejacke, breite die aufblasbare Isomatte aus, entrolle den Schlafsack und kuschle mich hinein. Die Utensilien zum Teekochen hole ich erst morgen raus, für heute muss Schnaps reichen. „Lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir ein Engelein, das an meinem Bettchen kniet und nach meinem Herzchen sieht, zack, zack!“ Im Schlafsack eingemummelt schließe ich mein Häuschen von innen ab und atme den Geruch von Holz ein."

In Rückblenden, aber dennoch im Präsens

Doch Tereza Semotamová macht leider zu wenig aus ihrem großartigen Einfall. Allzu zaghaft beschreibt sie die Etappen eines radikalen Rückzugs abseits aller Konventionen. Hanas Leben im Schrank spielt sich nur auf wenigen Buchseiten ab. "Im Schrank" ist mithin nicht der Roman einer strikten Abkehr vom Gewöhnlichen, der er hätte sein können. Vielmehr lässt Semotamová ihre Protagonistin lieber durch Prag streifen und weiterhin über das Rätsel ihres Lebensunglücks nachdenken. Häufig in Rückblenden, aber dennoch durchweg im Präsens, werden dabei mit lakonischer Nüchternheit die immer wieder scheiternden Versuche ins Bild gerückt, es so zu machen wie die anderen. Inmitten ihrer Verlassenheit ergeht sie sich in immer grundsätzlicheren Grübeleien:

"Wie kann es sein, dass es manchmal gelingt, zwei Einsamkeiten zu etwas Lebendigem zusammenzuführen, und manchmal nur Selbstzerfleischung à la Kafka daraus wird?"

Eine fragile Geborgenheit

Hanas Rekapitulation ihrer Vergangenheit wirkt angestrengt, das Brüten bleibt unergiebig. Dabei ist die Gegenwart vor der Schranktür gar nicht so trüb. Da gibt es den hilfsbereiten Vietnamesen, der einen kleinen Laden betreibt, und der die ausgehungerte junge Frau mit Hörnchen und lustigem Kauderwelsch versorgt. Und da ist der sympathische Herr Novak, ein verträumter Taubenzüchter, der sich rührend zurückhaltend um Hana bemüht. Aber die lässt sich aus ihrer Starre nicht wecken. Stattdessen flüchtet sie sich weiterhin in ihr enges Hinterhofdomizil. Doch der Sommer geht vorüber, und es regnet hinein in ihre fragile Geborgenheit. Der massive Schrank, so steht deshalb zu befürchten, wird bald nur noch modriges Holz sein.

Stand: 03.04.2019, 11:50