János Térey - Budapester Überschreitungen

János Térey - Budapester Überschreitungen

János Térey - Budapester Überschreitungen

Von Dirk Hohnsträter

Kein Bilderbuch-Budapest, sondern ein Ort gelebter Leben. Der Dichter János Térey durchstreift die ungarische Hauptstadt.

János Térey
Budapester Überschreitungen

Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Wilhelm Droste
Arco Verlag, Wuppertal 2019
150 Seiten
20 Euro

János Térey: "Budapester Überschreitungen"

WDR 3 Buchrezension 06.11.2019 05:43 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 WDR 3

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Das unbekannte Gesicht von Budapest

"Manch einer hat schon versprochen, das unbekannte Gesicht von Budapest zu zeigen und all seine Geheimnisse auszuplaudern. Soweit würde ich nicht gehen. Doch ich beobachte diese Stadt seit fünfundzwanzig Jahren, auch einige Winkel, die der Blick von Reiseführern kaum erreicht. Diese Straßen durchstreift und benutzt niemand, nur das Wetter und die menschliche Erosion. In den folgenden Geschichten öffnet sich die heiter gespenstische Stadt, wie sie unter und neben uns lebt."

Ein Ort gelebter Leben

Man könnte ihnen folgen, den 14 Geschichten, die der Dichter János Térey der ungarischen Hauptstadt abgelauscht hat. Zu jedem einzelnen Kapitel seiner "Budapester Überschreitungen" gibt er nicht nur den Bezirk, sondern sogar die Straßen an, in denen sich die Episoden abspielen. Ein Bilderbuch-Budapest entstünde dabei freilich nicht, wohl aber eines, das diese so unverschämt schöne Stadt als einen Ort gelebter Leben präsentiert. Der in Debrecen, am östlichen Rande Ungarns, geborene Autor nahm die Gerüche, Geräusche und Geschichten der Hauptstadt mit der Aufmerksamkeit eines Zugezogenen wahr. Am liebsten, ist dem kundigen Nachwort seines Übersetzers Wilhelm Droste zu entnehmen, war er mit der Straßenbahn unterwegs:

"Die Klingel schrillte. In der Kurve tauchte die
Pfiffig beleuchtete Straßenbahn auf.
Zugmaschine. Fahrgastabteil. Fahrgastabteil.
Rote Lampe. Märchenhaft strahlen alle Positionslichter, Weil Schnee gefallen ist!
Er wußte, der äußere Bogen
Der Schiene wurde extra höher montiert als der innere,
So legt sich die Bahn in die Kurve wie die Erde
Auf ihrem elliptischen Lauf am Wendepunkt."

Ein detailgenauer Autor von sinnlicher Präzision

János Térey

János Térey

Wer Téreys 2014 im ungarischen Original erschienenes und erst jetzt in deutscher Erstübertragung zugängliches Buch liest, lernt einen detailgenauen Autor von sinnlicher Präzision kennen. Was sind das für Texte? Handelt es sich um Langgedichte oder um kleine lyrische Dramen? Um Prosa, die wie Poesie gesetzt ist oder um Gedichte mit einem Zug ins Novellistische? Wie dem auch sei, fest steht, dass die Literatur von János Térey an die traditionell große Bedeutung der Lyrik in der ungarischen Literatur anschließt, die durch die imposanten Erzählwerke eines Imre Kertész oder Péter Esterházy leicht aus dem Blick gerät.

Dabei verzeichnet Ungarns so reichhaltige literarische Landschaft mit Dichtern wie Szilárd Borbély, István Kemény oder eben János Térey auch in jüngerer Zeit überaus lesenswerte Lyriker.

"Als sich der Sturm legte, wurde ihm langsam klar:
Wenn die mächtige alte Pappel vor dem Haus gegenüber
Sich mit reizvollem Schwingen im Sturm wiegt,
Wird das Bild ihrer Zweige auf die hinter ihr liegende Balkontür projiziert, die Schatten der Äste aber wanken
Auf dem Laminatboden dort drinnen;
Und die zwei sich im Gewitter biegenden Zweige ähneln einem Paar, das gerade liebe macht – haargenau,
Bis zum Verwechseln ähnlich. Doch nur,
Wenn starker Wind die Zweige wiegt."

Aus der Sammlung Fortepan

Téreys Budapest kommt ohne Postkartenmotive aus. Dass der Arco Verlag das Buch gleichwohl mit einer Vielzahl an Fotos versehen hat, ist dennoch konsequent. Denn es handelt sich um Schwarzweißaufnahmen aus der Sammlung Fortepan, einem seit 2010 stetig wachsenden Archiv von Amateurbildern des ungarischen Alltags. Hier kommt ein Budapest zur Anschauung, das auch in Térey Texten Vorrang vor touristischer Inszenierung und politischer Idealisierung hat:

"Diese Stadtlandschaft blieb noch eine Weile bestehen, Sozialismus im Zustand der Überreife. Zähflüssig wie Honig. Mit heruntergekommenen Parks, schwankenden Umzäunungen,
Mit abgewrackten Plattenbauten, die einmal bunt sein wollten, Wo man im Sommer nur vor sich hin schmort. „Allein schon dieses Wort: Maifeier!“, meint Auróra.
Franci stimmt ihr melancholisch zu"

Eine ganz eigene literarische Stimme

Térey zeigt uns eine Stadt, in der ständig etwas zu reparieren ist: Fahrstühle, Boote, Biografien. Er erzählt von einem ehemaligen Pfarrer, aus dem ein hetzender Blogger wird, von gescheiterten Lieben und von Hoffnungen, die nur noch als architektonisches Detail überleben.

"Die Hotels und Pensionen
Im Wechsel von goldenen zu blechernen Zeiten
– Sind jetzt in Kleinstwohnungen zerrissen,
Nischen zum Kochen und Schlafen, tückische Alkoven.
Schöne Aussicht! der Wind schaukelt die Fensterladenflügel Und läßt die Nationalflaggen erzittern."

Vollkommen unerwartet verstarb János Térey Anfang Juni dieses Jahres. Der hochproduktive Autor wurde nur 48 Jahre alt. Zu Lebzeiten hatten seine Texte das deutschsprachige Publikum kaum erreicht. Wie gut, dass der Arco Verlag es uns nun ermöglicht, diese ganz eigene literarische Stimme zu entdecken.

Stand: 05.11.2019, 14:53