Juan Moreno - Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Juan Moreno - Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Juan Moreno - Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Von Walter van Rossum

Journalistische "Wahrheit" ist ein hochkomplexes Ideal – ungewollt dokumentiert Juan Moreno in seiner Reportage zum Fall "Fall Relotius" die eigentliche Tragweite des Problems.

Es sollte ein Breitwandspektakel sondergleichen werden.

Die große Tragödie unserer Tage. Irgendwas in dieser Art. Detailliert diktierte Ressortleiter Matthias Geyer seinen beiden Reportern, wie die Reportage auszusehen habe. Der eine sollte den Treck tausender Flüchtlinge aus Mittelamerika Richtung USA begleiten. Der andere an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Bürgermilizen beobachten, die wehrhaft ihr Land gegen den An-sturm der Ärmsten verteidigen. Der Reporter von Süden war der 48jährige Juan Moreno, ein freier Journalist, der gelegentlich für den Spiegel arbeiten durfte. Der andere hieß Claas Relotius und war der vermutlich höchstdekorierte Reporter Deutschlands. Erst 32 Jahre alt, stand er vor seiner Ernennung zum Ressortleiter. Aber irgendwann beschlichen Moreno leise Zweifel, ob Kollege Relotius genau recherchiere, bald wurden die Zweifel lauter, und Juan Moreno immer unsicherer.

"Ich glaubte zu dem Zeitpunkt nicht, dass Relotius alles erfunden hatte, ich glaubte, dass er einfach maßlos übertrieben hatte.
Das war mein Verdacht und mein Problem, denn mein Name stand über dem Text. Ich ahnte, dass Relotius als netter Kerl galt. Aber mir war völlig unklar, wie beliebt und wie wichtig er für das Ressort war. Ich hatte mir den denkbar schlechtesten Verdächtigen ausgesucht. Ein ehemaliger Spiegel-Chefredakteur erzählte später, dass Relotius im Gesellschaftsressort vergöttert wurde."

Frei erfunden

Juan Moreno, Journalist "Der Spiegel", aufgenommen am 31.03.2015

Juan Moreno

Claas Relotius hatte nicht bloß schlecht recherchiert oder übertrieben, er hatte diese Story glatt erfunden, so wie die meisten seiner Geschichten, für die er die bedeutendsten Journalistenpreise in Serie kassiert hatte, komplett erfunden waren.

Juan Moreno kommt der Verdienst zu, gegen erhebliche Widerstände seiner Vorgesetzten Relotius enttarnt zu haben. Davon handelt sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Das ist Morenos große Reportage, er erzählt sie gut, sie ist spannend und glaubhaft. Moreno versteht sein Geschäft, deshalb übertreibt er auch maßlos:

"Der Journalismus ist ein anderer geworden nach Relotius. Der Fall Relotius ist einzigartig. Relotius hat einen enormen Schaden angerichtet. Im Journalismus, im Blatt, menschlich."

Wahrheit, Objektivität etc.

Nichts hat sich geändert. Man hatte sich rasch erholt. Relotius war einfach ein Betrüger, mit dem man nicht gerechnet hatte. Das Aufsichtspersonal hatte sich gründlich blamiert, doch wer wäre dem schlauen Fälscher gewachsen? Relotius hatte das System gehackt, aber er verkörpert kein System – wie Moreno im Untertitel seines Buches behauptet, allerdings ohne diesem System auf die Spur zu kommen. Der erfinderische Reporter mag eine Beule im Image hinterlassen haben, aber die medialen Zustände hat er nicht verändert. Die Leitung des Hamburger Magazins hat sich rasch von dem Schlag erholt und umgehend an die Spitze des Skandals gesetzt, natürlich um sie abzubrechen. Ein paar Köpfe rollten im Zeichen glühender Bekenntnisse zu den klassischen journalistischen Tugenden: Wahrheit, Objektivität etc. Man erinnerte an den gnadenlosen Faktencheck der weltberühmten Dokumentationsabteilung des Spiegel. So gesehen offenbarte die Größe des Skandals im Grunde die Tiefe der Tugenden. Juan Moreno macht sich diese Strategie weitgehend zu eigen.

Erstaunlich. Lange vor Relotius hatte man dem Spiegel dutzendfach erhebliche Mängel in seiner Berichterstattung nachgewiesen, haarsträubende Einseitigkeiten und „Irrtümer“, die sich mit ein bisschen bösem Willen auch als Lügen interpretieren ließen. Und hatten nicht etliche Kollegen ihren hervorragend bezahlten Arbeitsplatz aufgegeben und danach angedeutet, wie es um die journalistische Praxis des Wochenblatts tatsächlich bestellt sei? Darüber hatte die Branche meist zuverlässig geschwiegen.

Edle Medien-Ritter und die Drachen der Lüge

Nicht Claas Relotius hat den klassischen Journalismus in Schwierigkeiten gebracht, daran hat die Zunft seit Längerem selbst gebastelt. Große Teile der Bevölkerung vertrauten längst vor Relotius den vertrauten Medien nicht mehr. Doch der aufgeflogene Betrug bot die Gelegenheit für ein fulminantes Scheingefecht vor laufenden Kameras: Edle Medien-Ritter führten das Spektakel heiliger Wahrheitssuche auf, ließen ihre Waffen in der hell ausgeleuchteten Arena funkeln, bevor sie die Drachen der Lüge erschlugen.

Doch journalistische Wahrheit ist keine aus irgendwie gecheckten Fakten errichtete Trutzburg, sondern ein hochkomplexes Ideal. Wenn Juan Moreno sich in medialen Betrachtungen verliert, wenn er konsequent Daten, Fakten, Information, Abbildung, Darstellung, Reportage, Kommentar und Nachricht durcheinanderwirft, so vermischt, wie es in fast jeder Spiegel-Geschichte Usus ist, dann ahnt man, dass Journalisten sich in der Regel eher selten mit den Grundlagen ihres Gewerbes beschäftigen. Allerdings wäre eine Beschäftigung mit der Frage, wie man mit journalistischen Mitteln Zeugnis von der Welt ablegen kann, meist auch kaum mit den geläufigen redaktionellen Routinen vereinbar.

Stand: 13.11.2019, 15:17