Malachy Tallack: "Das Tal in der Mitte der Welt"

Buchcover: Malachy Tallack: "Das Tal in der Mitte der Welt"

Malachy Tallack: "Das Tal in der Mitte der Welt"

Von Lückert, Katja

Shetland. Das bedeutet wildes Wetter, Schafzucht, archaische Landschaften und vor allem wenige Menschen. Und die Wenigen haben ganz besonders intensive Beziehungen untereinander, weil es hier auf jeden einzelnen ankommt.

Literaturangaben:
Malachy Tallack: "Das Tal in der Mitte der Welt"
Aus dem Englischen von Klaus Berr
Luchterhand, 384 Seiten, 20.60 Euro

Malachy Tallack: "Das Tal in der Mitte der Welt"

WDR 3 Buchkritik 20.07.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 21.07.2022 WDR 3


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Das Leben und Sterben auf den Shetland Inseln

Auf den Shetland Inseln ist das Leben wie überall sonst: Menschen lieben einander, sie bleiben zusammen oder trennen sich, sie werden alt und schließlich sterben sie. Und doch ist auf dieser rund 160 Kilometer vom britischen Festland gelegenen Inselgruppe, vieles anders. Zunächst das Wetter: Ständige Stürme, über ein Drittel Regentage pro Jahr und so hoch im Norden - wenige wirklich sonnige Stunden im Sommer. Viele Menschen arbeiten hier, zumindest nebenher, mit den Händen. Bei der Schafszucht, aber auch bei Reparaturarbeiten an Zäunen und Abwasserrohren. David und seine Frau Mary leben in diesem Tal -fünfundzwanzig Kilometer von Lerwick -schon seit sehr langer Zeit. Als die Dorfälteste Maggie, eine hochbetagte Frau stirbt, übernimmt David ihre Rolle.

"Dieses Tal formte seine Gedanken Sein Gefälle, der sanfte Schwung der Landschaft. Irgendwie spiegelte es sich in ihm. Es war ein Teil von ihm, und er konnte diesen Ort genauso wenig verlassen, wie er ein anderer Mensch sein konnte. Diese Erkenntnis hatte ihn nie bekümmert. Ganz im Gegenteil. Es gab ihm eine klare Zielgerichtetheit, deren Fehlen ihm bei anderen auffiel. Das Leben wäre so viel einfacher, dachte er, wenn die Leute nur von einem Ort träumten."

Die globaliserte Welt trifft auf die traditionelle

Die moderne, globalisierte und die traditionelle Welt treffen auf den Shetlands auf besonders heftige Weise auf einander. Als Davids Tochter Emma das Tal verlässt, sorgt er dafür, dass wenigstens sein Schwiegersohn Sandy in der Nähe bleibt und die Schafzucht erlernt. Er soll in Maggies Haus ziehen und seinen Job als Taxifahrer in der Stadt aufgeben. David weiß, dass nur Menschen, die buchstäblich etwas in die Hand nehmen, hier Anschluss finden.

"Wenn der Anblick dich nicht glücklich macht, dann lass es sofort sein", sagte David eines Morgens, als sie miteinander in seinem Schuppen standen und zusahen, wie eine neue Mutter die Nachgeburt von ihren Zwillingen leckte, damit die raue Zärtlichkeit ihrer Zunge das Leben in den beiden weckte. Die Lämmer rappelten sich zitternd und schwankend auf die Beine hoch, die Knie noch steif und unsicher, die Glieder schräg ausgestellt. Langsam, wie angezogen von einem schwachen Magneten, einer Kraft, die sie weder verstehen, noch missachten konnten, tapsten sie zu den Zitzen ihrer Mutter, suchten sie zum ersten Mal in ihrem Leben. Und sie hob, sich noch die Lippen leckend, den Kopf, nicht weniger gerührt als ihre Zwillinge von etwas Mysteriösem, etwas, das größer war als sie alle, größer als alles."

Sind Tiere wichtiger als Menschen?

Malachy Tallak schreibt in einem unaufgeregten, ruhigen Ton. Weder von Maggies Tod, noch von Emmas Weggang erzählt er mit solchen emotionsgeladenen Sätzen, wie er sie hier über die neugeborenen Lämmer schreibt. Sind Tiere letztlich wichtiger als Menschen? Immerhin geben sie Milch, Fleisch und Wolle und bilden die Grundlage dieser oft noch sehr archaischen Lebensform.

Eintöniges Leben im Tal

In der kleinen Gemeinschaft des Tals kennt jeder jeden, die Haustüren stehen immer offen und man hört meist schon an den Fahrgeräuschen desjeweiligen Autos, wer gerade das Tal durchquert. Es gibt kaum Geheimnisse und Nachrichten verbreiten sich schnell. David und Mary überlassen einem jungen Paar ein Haus, doch als sie herausfinden, dass die Städter versucht haben, sie übers Ohr zu hauen, indem sie viel mehr Miete für ihre eigene Wohnung in der Stadt einnehmen, als sie auf der Insel bereit sind zu bezahlen, kündigt ihnen David wieder. Dann ist da noch Alice, die nach dem Tod ihres Mannes, auf die Insel gezogen ist, um das ultimative, letztgültige Buch über das Lebens auf den Shetlandinseln zu schreiben. Arbeitstitel: Das Tal in der Mitte der Welt.

"Mehr als einmal kam Alice der Gedanke, dass ihre gegenwärtige Arbeit, dieses Buch voller Stille, ein Teil dieses Prozesses war, ein Teil des Bemühens, sich neu zu erschaffen. Schließlich war es eine Art Rechenschaftsbericht: Eine Aufzeichnung von allem, versichert gegen den Verlust. Es ging darum, die Insel, das Tal so klar zu sehen, wie sie konnte, und aus diesem Bild heraus zu verstehen, wer sie sein musste. Denn jetzt konnte sie jede beliebige sein."

Davids Haus gerät in Brand

Während das Tal offenbar für manche zu eng ist, so dass sie wegziehen, bietet es für andere die Bedingungen für einen Neuanfang. Über weite Strecken des Romans, dessen erzählte Zeit sich über neun Monate erstreckt, passiert eigentlich nicht sehr viel. Nach dem Tod von Maggie und dem Wegzug von Emma lebt man so vor sich hin, ohne große Dramen, bis eines Abends Davids Haus in Brand gerät. Er hatte sich mit einem Freund zu einem oder mehreren Drinks verabredet, durch ein Missgeschick beim Anzünden einer Zigarette, war das Feuer entbrannt.

Der Verlust von Menschen, Erinnerungen, Traoditionen und der Sprache

Das Themas Verlust in seinen verschiedenen Spielarten ist ein bestimmendes Motiv dieses atmosphärisch sehr dichten Romans. Der Verlust von Menschen, Erinnerungen, von Traditionen und schließlich auch von Sprache - im Nachwort erklärt Malachy Tallack, dass er Unterstützung bei Formulierungen im shetland-schottischen Dialekt brauchte. Was bleibt, ist das Tal, das nicht nur für David die ganze Welt bedeutet, und in dem der Leser ein paar durchaus kontemplative Stunden verbringen kann. Möglicherweise findet er hier eine Antwort auf die Frage nach seinem eigenen inneren Sehnsuchtsort.

Stand: 19.07.2021, 19:40