Szczepan Twardoch - Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen.

Szczepan Twardoch - Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen.

Szczepan Twardoch - Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen.

Von Stefan Berkholz

In den sehr aufrichtig und wahrhaftig wirkenden Tagebuchaufzeichnungen des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch kann jeder etwas finden, in dem er sich wiedererkennt.

Szczepan Twardoch
Wale und Nachtfalter
Tagebuch vom Leben und Reisen

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin, Berlin 2019
256 Seiten
24 Euro

Aller Anfang ist...?

Ausdrücklich Bilanz zieht Szczepan Twardoch in diesen Tagebuchaufzeichnungen nur einmal. Anfang 2011 blickt er auf das vergangene Jahr zurück und beschreibt seine Anfänge als freier Schriftsteller.

"Es gab also ein paar Niederlagen, ein paar Siege, im Grunde ging es voran, das war genauso ein Jahr wie jedes andere nach 2006, dem Jahr also, seit dem ich vom Schreiben lebe, oder genauer seit 2007, als mir endlich klarwurde, dass ich vom Schreiben leben kann und eine feste Stelle ausschließlich dafür bräuchte, ein „normales Leben“ zu führen und ungefähr zu kapieren, was es mit dem „Arbeitengehen“ und dem damit verbundenen Ozean unserer Kultur, mit dem ganzen Bürofrust, Freud und Leid dabei auf sich hat. Schreiben werde ich darüber nicht, diese Welt ist mir fremd, aber wissen muss ich es."

Szczepan Twardoch: "Wale und Nachtfalter"

WDR 3 Buchrezension 25.06.2019 05:45 Min. Verfügbar bis 24.06.2020 WDR 3

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Existentielle, hoch spannende Literatur

Denn dieses Wissen hilft ihm, zu erkennen, was mit seiner Entscheidung gewonnen ist. Wir lernen in diesen Aufzeichnungen also die Anfänge eines mittlerweile sehr arrivierten Schriftstellers kennen. Sein Werk steht für existentielle, hoch spannende Literatur, ob nun in seinem letzten Roman "Der Boxer", in dem er einen tiefen Blick in die Unterwelt Warschaus vor dem Überfall der Deutschen wagt; oder in "Morphin", einem zeithistorischen Roman über das besetzte Warschau. In seinen Tagebuchaufzeichnungen schreibt Twardoch kleine Essays über Fundstücke wie eine Postkarte in einem ausgeliehenen Buch; er fantasiert Lebensgeschichten von Mitreisenden und Straßenbegegnungen; er zeichnet Bilder vom Wesen des Menschen. Als 33-Jähriger notiert er 2012:

Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch

"Ich bin der Meinung, dass nichts sich ändert. […]
Ich glaube, die äußeren Unterschiede sind zufällig, das Wesen dessen aber, was zwischenmenschlich ist, ändert sich nie. Beherrschtsein und Herrschen bedeuten immer das Gleiche. Gewalt, Leidenschaft, Zorn und Gier bleiben immer das Gleiche, die Menschen sind gleich geblieben und alles andere auch. […]
Ich glaube, anders als die Soziologen, dass die Anomie, die Abwesenheit von Sitten und Regeln, kein Erbe der Neuzeit ist, ich glaube, die Anomie ist ein ewiger Bestandteil des menschlichen Daseins…"

Twardochs Welt

Wir sind mit Twardoch auch viel unterwegs, auf Reisen. In Berlin lässt er sich durch Bars und Kneipen treiben; in Spitzbergen sucht er die Herausforderung durch Naturgewalten; in Casablanca fühlt er sich fremd und träumt dort von seiner Heimat Polen; Paris versteht er nicht, es interessiert ihn nicht groß, sei einfach nicht seine Welt; in Budapest geht er in die Thermen des Hotel Gellért und fühlt sich am Ende missachtet und gedemütigt, weil er von einem dickwanstigen Masseur wie ein tumber, idiotischer Tourist behandelt wird.

"Ich verstehe das Reisen nicht. […] Ich weiß, dass es wichtig ist, nicht zu hetzen, gut auch, nicht zu viel zu besichtigen. […] Jede wahre Reise hat etwas von edlem Überfluss. Die wahre Reise hat kein Ziel. Die Reise ist eine Verschwendung von Zeit und ein Mangel an Sinn, und vor kurzem bin ich auf diese unnötige und sinnlose Weise nach Wilflingen gekommen."

Einfach so und es war toll!

Denn dort wohnte ein halbes Jahrhundert lang Ernst Jünger, „ein Autor, dessen Bücher für mich wichtig sind“, schreibt Twardoch. Er pilgert schließlich auch zum Grab, doch bleibt er am Ende ratlos, warum er dies eigentlich getan hat – um dem Geist des Schriftstellers nachzusteigen vielleicht? "Nein, einfach so", antwortet Twardoch, und: "Es war toll." Mehr Sinn oder Erfüllung findet er in der Lektüre. Er spottet über Sloterdijks hochtrabende Sprache; er nennt Cioran einen "aufgeblasenen Komödianten"; er bewundert Shakespeare, der alles gesagt habe, "was über die Conditio humana zu sagen wäre". Und wie viel er aus dem Werk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai schöpft, lässt er mehrfach erkennen.

"Márais Melancholie ist rau und elegant, sie ist die Melancholie eines zu Recht stolzen Menschen, eines Menschen der Niederlage und Verachtung für die Sieger. […] Márai lese ich […], als würde er für mich langsam zu einem guten Beispiel dessen, was am Menschsein edel sein kann. Eine kleine Insel im Meer der Misanthropie."

Ein Notizbuch für die einfachen Wahrheiten

Wir lesen Geschichten über seine beiden Söhne; Gedanken über den Tod und die existentielle Einsamkeit des Menschen; rätselhafte, befremdliche, skurrile Menschenbilder, Annäherungen an das Phänomen des Menschen; autobiographische Skizzen, Erinnerungen, Einblicke in seine Familienverhältnisse. Die Freiheit des Freischaffenden stellt sein Großvater grundsätzlich in Frage, wenn er auf die erschöpfende Tätigkeit hinweist, den unregelmäßigen Tages- und Nachtrhythmus, die Suchtgefahren.

"Du bist kein Bewohner der Wirklichkeit. Du bist ein Sklave deiner eigenen Arbeit. Ich werde mir ein Notizbuch für solche einfachen Wahrheiten anlegen, die ich erst erkenne, wenn jemand sie mir sagt."

Es ist viel Düsternis in diesen Zeilen, viel Melancholie, viel Misanthropie, viel Vergeblichkeit und trotziges Aufbegehren gegen die Ohnmacht des Schreibenden. Eine Fundgrube für Freunde des Schriftstellers ebenso wie für andere neugierige und nachdenkliche Zeitgenossen. In diesen sehr aufrichtig und wahrhaftig wirkenden Aufzeichnungen wird jeder etwas finden, in dem er sich wiedererkennt.

Szczepan Twardoch: "Wale und Nachtfalter"

WDR 3 Buchrezension 25.06.2019 05:45 Min. Verfügbar bis 24.06.2020 WDR 3

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Stand: 25.06.2019, 10:18