David Szalay - Turbulenzen

Buchcover: David Szalay: Turbulenzen

David Szalay - Turbulenzen

Von Andreas Wirthensohn

Der Kanadier David Szalay erzählt eindrucksvoll vom nomadischen Leben in unserer globalisierten Welt.

David Szalay: Turbulenzen
Aus dem Englischen von Henning Ahrens.
Hanser, München 2020.
136 Seiten, 19 Euro.

David Szalay: "Turbulenzen"

WDR 3 Buchkritik 21.09.2020 05:06 Min. Verfügbar bis 21.09.2021 WDR 3

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Mehr als kurze Störungen im Betriebsablauf

Vor zwei Jahren erschien "Was ein Mann ist", ein opulenter Roman, der uns einmal quer durch Europa führte und anhand verschiedener Geschichten demonstrierte, was es bedeutet, in der heutigen Welt Mann zu sein. Dieser Erzählreigen war freilich viel mehr als bloße Männerliteratur. Es ging eher um die Frage: "Was ist das Leben und was soll ich daraus machen?" Ein existentieller Roman, wenn man so will.

Davis Szalays neues Buch ist deutlich schmaler, und doch stellt es ähnlich grundsätzliche Fragen ans menschliche Dasein. "Turbulenzen", das klingt nach kurzen, vorübergehenden Störungen im Betriebsablauf des Lebens. Und meint doch viel mehr, wie eine Frau auf dem Flug von London nach Madrid erfahren muss:

"Sie rührte die Bloody Mary mit einem Plastikstab um. Die Motoren schnurrten in trägen, rhythmischen Wellen. Allmählich wirkte der Wodka. Das dichte Gewebe der Welt begann sich zu lockern. (…) In diesem Augenblick erbebte das Flugzeug zum ersten Mal. Eine leichte Turbulenz, doch sie fand es entsetzlich, dass die Illusion der Sicherheit auf einmal dahin war, dass sie sich nicht mehr einbilden konnte, ihr könne nichts passieren. Dank des Wodkas konnte sie die erste Erschütterung recht gut verdrängen. Die nächste ließ sich nicht mehr so leicht ignorieren, und die übernächste war so heftig, dass ihrem Nachbarn die Cola in den Schoß flog. Und dann ertönte plötzlich wieder die Stimme des Piloten, er sagte in furchtbar ernstem Ton: 'Cabin crew, take your seats!'"

Die ältere Dame hat ihren krebskranken Sohn in London besucht und ist auf dem Heimweg nach Spanien. Kurz vor der Landung verliert sie das Bewusstsein, eine Folge ihrer Diabetes, und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Ende der Geschichte.

Für die Menschen denen man am Herzen liegt

Wir Leser begegnen diesem Leben genauso sporadisch wie den anderen elf in diesem Reigen kurzer Erzählungen, und genauso punktuell berühren sich die Protagonisten dieses Bandes. Die zweite Geschichte erzählt die des Sitznachbarn, dem die Cola über den Anzug lief. Er fliegt von Madrid weiter in den Senegal, und auch er wird, wie seine vorherige Sitznachbarin, urplötzlich mit der Endlichkeit des Daseins konfrontiert. Nach der Landung in Dakar erfährt er, dass einer seiner Söhne bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Ausgerechnet der Sohn, der ihm vor über zehn Jahren das Rauchen ausgetrieben hatte:

"Der fünfjährige Amadou, dem man erzählt hatte, Rauchen sei tödlich, hatte seinen Vater eines Tages gebeten aufzuhören, und Cheikh hatte die Zigarette, die er gerade geraucht hatte, nach kurzem Überlegen ausgedrückt und seinem Sohn versprochen, nie wieder zu rauchen. Die simple Tatsache, dass sich sein Sohn Sorgen um ihn machte, dass es ihm am Herzen lag, ob sein Vater lebte oder starb, hatte ihn tief berührt – auf der Welt gab es nicht viele Menschen, denen man wirklich am Herzen lag, und wenn man das Glück hatte, solche Menschen um sich zu haben, dann war man es ihnen wohl schuldig, (…) sich etwas Mühe zu geben. Seither hatte er keine einzige Zigarette mehr geraucht."

Eine internationale Flugroute des Erzählens

"Turbulenzen" ist eine Art globaler Kettenroman. Die zwölf Kapitel sind mit den international gängigen Kürzeln von Flughäfen betitelt und führen von London Gatwick über São Paulo, Seattle, Bangkok, Doha und Budapest wieder zurück nach London. Unterwegs berühren sich die Biographien der fliegenden Männer und Frauen jeweils kurz, man könnte sagen: ein erzählerischer Staffelstab wird, ohne dass sie selbst es wissen, weitergegeben, bis die Erde am Ende einmal umrundet ist und sich auch der Personenkreis wieder schließt. Klingt konstruiert, ist es aber ganz und gar nicht.

All diese Leben sind in mehr oder weniger heftigen Turbulenzen, wirklich glücklich ist keiner der Protagonisten, und über dem Erzählten liegt eine große existentielle Unbehaustheit. Beziehungen bleiben temporär oder drohen, aus den unterschiedlichsten Gründen, zu zerbrechen. Die Endlichkeit lauert allerorten, und wir erleben sämtliche Personen in Situationen, die ihr Leben nachhaltig verändern.

Die Momente, die uns verändern

"Es war einer der Momente, dachte sie, die uns zu dem machen, was wir sind, sowohl im Hinblick auf uns selbst als auch im Hinblick auf andere Menschen. Dergleichen schien aus heiterem Himmel zu passieren, und dann wirkte es für immer nach, und man begriff allmählich, dass man es nicht abschütteln konnte, dass man nie wieder derselbe Mensch wäre."

David Szalay verhandelt erneut die großen existentiellen Fragen: Was heißt es, glücklich zu sein? Wie führt man ein wahrhaftiges Leben? Wie geht man mit Krankheit und Tod um? Und er tut das erneut in einem ganz besonderen Ton: ganz gegenwärtig, schnörkellos, vieles nur andeutend und stets ein wenig traurigkeitsumflort. Henning Ahrens hat diesen Sound, der wirklich süchtig machen kann, wieder großartig ins Deutsche übersetzt. Am Ende wünscht man sich eigentlich nur, auch dieser Roman hätte 500 Seiten. Aber wir wollen nicht unbescheiden sein. Und warten geduldig auf das nächste welthaltige Buch dieses Weltklasseautors.

Stand: 20.09.2020, 20:34