Svein Jarvoll - Australienreise

Svein Jarvoll - Australienreise

Svein Jarvoll - Australienreise

Von Thomas Fechner-Smarsly

Fürze, Vogellaute, Küchenlatein: der norwegische Autor Svein Jarvoll schickt einen aberwitzigen Roman voller anspruchsvoller Anspielungen in Richtung Australien.

Svein Jarvoll
Australienreise

Aus dem Norwegischen von Matthias Friedrich
Verlag Das Versteck/ Urs Engeler, Schupfart 2019
116 Seiten
21 Euro

Svein Jarvoll - "Australienreise"

WDR 3 Mosaik 27.08.2019 05:02 Min. Verfügbar bis 26.08.2020 WDR 3

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Sprache als eigentlicher Spielraum

Svein Jarvoll kennen selbst in seiner Heimat nur Eingeweihte. Mit Jon Fosse oder Jan Kjærstad gehört Jarvoll zu einer Generation, die in den 1980er Jahren die literarische Bühne betrat. Damals wurde das Ende der "großen Erzählungen" verkündet – auch wenn der Philosoph Jean-François Lyotard eher die großen Ideologien und Systeme gemeint hatte. Nun wurde die Sprache zum eigentlichen Spielraum. Das gilt auch für Svein Jarvolls 1988 erschienenen Roman „Eine Australienreise“. Den jungen Skandinavier Mark Stoller treibt es quer durch Europa und schließlich nach Australien, auf den Spuren eines obskuren norwegischen Ethnografen und Sprachforschers.

Unterwegs begegnet Stoller allerlei seltsamen Gestalten: einem Pferdeschmied in der spanischen Provinz namens Istmir Derandere Schmied und mit Kenntnissen im Altgriechischen beschlagen. Oder Buonamico Bufallmacco, einem italienischen Maler des ‚trecento‘, der Stoller Pisa aus der Vogelperspektive zeigt, vermittels einer Art Camera obscura. Allen Anfang aber macht ein belgischer Alchemist, Samuel Grambaro Flimpegg, der "seine abstruse Wissenschaft zu rein verbalen Zwecken destilliert" hat. Er prophezeit dem jungen Protagonisten:

"Du wirst deine Sprache vergessen, sagte er, ihre Worte werden zerfallen oder in flimmernden Träumen kristallisiert. –¿Die neue Sprache? Jaja, du wirst nachplappern, die Namen seltener Drops und stacheliger Schalenfrüchte erfahren und Bekanntschaft mit den offizinellen Obszönitäten machen und lernen, die Mehrzahl ihrer papierknittrigen Vokabeln wertzuschätzen, und dir wird ihre Infamie gefallen. Ungefähr so lautete die Weissagung des Belgiers."

Löcherforschung und Thanatologie

Seine Sprach-Suche führt Mark Stoller von der spanischen Provinz nicht ganz zufällig nach Italien. Dort trifft er eine alte Freundin und lebt mit ihr eine Zeit lang in einem Zelt in den Wäldern nördlich von Florenz, wie Weiland Theroux in Connecticut. Und in Pisa teilt er sich ein Zimmer mit einer Studentin der Kunstgeschichte. Pia forscht in Pisa, und zwar über ein Fresko auf einer Suprapforte, das den Titel trägt: Trionfo della Morte – Triumpf des Todes.

Alle große Literatur hat ja ein großes Thema, ein Doppelthema gewissermaßen, und es ist immer dasselbe: die Liebe und der Tod. So auch dieses Buch. Allerdings hat Mark Stoller, wenn schon keine Profession, so doch eine doppelte Obsession: erstens – Achtung, Kalauergefahr – er ist Löcherforscher. Und zweitens: er betreibt Thanatologie – von ihm selbst zu den weniger exakten Wissenschaften gezählt. Das Loch und den Tod zu verbinden weiß Stoller, indem er die Funktion der Löcher in Dantes "Göttlicher Komödie" untersucht.

"Gibt es jemanden, der die Geschichte des Lochs in ihrem vollen Umfang geschrieben hat und – wenn auch nur in einem Nebensatz – die besondere Art der Fruchtbarkeit des Lochs erwähnt hat, fruchtbar zu sein? Letztlich werden wir in einem Loch geboren und sterben in einem Loch, und zwischen diesen beiden Außengrenzen stolpern wir von einem Loch zum anderen."

Der Charakter der Din-A-4-Kladde

Hier ist alles drin: Buchgelehrsamkeit und abschweifende Suada, vielstimmiges Spiel mit Gattungen, Wortwitz, Küchenlatein, Volksmärchen, Vogellaute, der Dialog zweier Leichenmaden namens Jack und Jock und sogar Skatologisches: der Furz gehört offenbar zu den Lieblingsäußerungen des Autors. Doch sinnleer sind seine Wortspiele nie. So dürfte Istmir Derandere Schmied eine Anspielung sein auf Ezra Pound: ihm hatte T.S. Eliot seine Dichtung "The Waste Land" gewidmet mit den Worten: "der bessere Schmied". Und manchmal kommt es einem tatsächlich so vor, als habe Svein Jarvoll einen von Italo Calvino ausgedachten Renaissance-Roman durch den Sprach-Hechsler von Pounds Pisaner Cantos hindurchgetrieben.
Auch der Übersetzer, Matthias Friedrich, hat ganze Arbeit geleistet, selbst wenn manch norwegische Spracheigenheit sich nicht überführen lässt.

Der Charakter der Din-A-4-Kladde, in die der Verlag den obendrein sehr eng gesetzten Text kleidet, erscheint allerdings nicht angemessen. Man würde sich eine bibliophilere Ausstattung wünschen. Kürzlich hat Urs Engeler auch das literarische Debüt Jarvolls aus dem Jahr 1984 herausgebracht, einen Gedichtzyklus mit dem Titel "Thanatos", in dem vieles schon anklingt. Außerdem verrät ein in Engelers Zeitschrift "Mütze" erschienener Essay mit dem Titel "Wankelmut, Wankelmut" manches über die Jugend des Autors. Was für einen Leser er sich vorstelle, wurde Jarvoll einmal gefragt. Einen ganz gewöhnlichen, gab Jarvoll zur Antwort, aber einen langsamen, einen aufmerksamen Leser. Ist das also ein Buch für alle oder keinen? Sagen wir‘s mal so: wer die flüchtige Liebe nicht scheut und sich dem Thema Tod nicht verweigert, wer überdies, neben der klassischen Moderne, die Dichtung vor 1400 zu schätzen weiß – der ist hier richtig.

Also Leser: Lass allen Wankelmut fahren und tritt unter der Suprapforte hindurch in dieses Buch!

Stand: 26.08.2019, 14:20