Antje Rávik Strubel - Blaue Frau

Buchcover: Antje Rávik Strubel - Blaue Frau

Antje Rávik Strubel - Blaue Frau

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Eine junge Frau, verwundet an Leib und Seele, will Gerechtigkeit. In Helsinki, der Stadt der Menschenrechte, klagt sie an – und findet sich gefangen zwischen Ländern und Kulturen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau
S. Fischer, 2021
430 Seiten, 24 Euro

Antje Ravik Strubel: "Blaue Frau"

WDR 3 Buchkritik 06.09.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 06.09.2022 WDR 3


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Grenzen, die überschritten

Ein Buch über Grenzen: Zwischen Ost und West, zwischen einzelnen Ländern, zwischen Menschen. Grenzen, die überschritten werden oder solche, die schützen. So wie bei Adina, die sich im eigenen Körper wie im Gefängnis fühlt, seit man ihre ureigenen Grenzen verletzt hat. Sie lebt in einer kleinen Ferienwohnung im finnischen Helsinki, sich selbst so fremd wie alles andere um sie herum,

"in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind und die Menschen eine andere Sprache sprechen, wo das Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat."

Das Verlangen nach Gerechtigkeit

Sie ist hier, weil sie in der Stadt der Menschenrechte Anklage erheben will gegen Männer, die sie vergewaltigt und gefoltert haben. Träumt von Gerechtigkeit und Rache wie die Seeräuber-Jenny in Brechts "Dreigroschenoper".

"Und die Männer werden ahnen, wen sie vor sich haben. Ihre Hände in den Handschellen werden anfangen zu zittern. Und die Geschworenen erheben sich. Der Saal wird verstummen, wenn die Geschworenen rufen: Welche sollen wir töten? (...) Und sie wird sagen: alle."

Wieder zu sich selbst finden

MeToo in Finnland? Nicht die Kategorien, in denen Adina denkt. Die magere, sehnige etwas androgyne junge Frau will nur eins: sich selbst wiederfinden. Darum Blicke zurück, Flashbacks von dem Menschen, der sie früher war: Teenager in einem Mode gewordenen Skigebiet an der tschechisch-polnischen Grenze, voller Sehnsucht nach Freiheit. Erst nur in "Rio", dem  virtuellen Chatroom, in dem sie sein kann,  was sie gerne wäre: die tapfer Kriegerin "der letzte Mohikaner". Dann die Busreise in eine neue Welt, nach Berlin, wo sie der Fotografin Rickie in die Arme läuft.

"Rickie war in der Lage, hinter der Aufhängung ihres Gesichts, hinter Haut, Knochen und Schädel den letzten Mohikaner zum Vorschein zu bringen (...) Außerhalb Rio hatte nie jemand den Mohikaner entdeckt."

Neues Ich und neue Grenzen

Rickie besorgt ihr auch einen Job in der Uckermark, bei einem Subventionsbetrüger, umgeben von obskuren Personen, darunter ein hochrangiger schwäbischer Investor. Nina, nennen sie Adina dort, und als Nina, ausgesetzt und schutzlos, wird sie von diesem Schwaben betäubt und brutal missbraucht – unter achselzuckender Billigung der anderen.

Nach einer panischen Flucht nun Helsinki. Wie ein verwundetes Tier verkriecht sie sich in ihrer Wohnung. Bis sie Leonides kennenlernt, Este, Professor in Tartu und politischer Abgesandter seines Landes in Brüssel. Er wird ihr Liebhaber, gibt ihr einen neuen Namen, Sala, und zeigt ihr noch andere Grenzen: die zwischen Kulturen.

"Wir Esten sind schweigsame Leute Und die Sowjets haben uns noch den letzten Spaß am Smalltalk ausgetrieben. (...) Seither ringen wir doch alle darum, vor unseren westlichen Freunden nicht als Idioten dazustehen."

Realität und Imagination verschwimmen

Antja Rávik Strubel ist keine einfache Autorin. Sie vermischt die Ebenen, liebt Assoziationen und Rückblenden und weiß, dass Leben und Erleben nie linear verlaufen. Ihre Figuren verlieren sich in Selbstreflexionen, vereinen beides in sich, das Private und die politischen Zustände. Was ist real? Was imaginiert? Und: spielt das überhaupt eine Rolle? Da ist diese blaue Frau, die dem Roman seinen Titel gibt, eine Namenlose, die immer wieder aufkreuzt.

"Auf den Felsen am Ufer, jenseits der Birken, am Ende der Bucht, erscheint die blaue Frau. Sie ist so deutlich, dass ihre Gestalt alles überstrahlt. (..) Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten."

Die eigene politische Vergangenheit

Die blaue Frau fragt viel und weiß mehr, als sie eigentlich wissen dürfte – doch mit wem redet sie? Mit der Autorin selbst, die einige Zeit in Helsinki lebte und auch das Baltikum bereiste? Diese alte Kulturregion mit ihrer eigenen politischen Vergangenheit und voller Zorn auf westliche Arroganz: was weiß man denn im Westen von diesen Ländern, ihren Kämpfen und ihrem Überleben auch in Zeiten der russischen Okkupation.

"Erst wenn eine Französin, wenn ein Deutscher bereit sind, zu sagen, der Gulag ist unser ureigenes Problem, so wie Auschwitz unser ureigenes Problem ist, steuern wir nicht mehr auf ein westliches, ein östliches, ein mittleres Europa, also auf den Zerfall Europas zu."

Eigenwillige Struktur und fragende Vielschichtigkeit

Nein, kein einfaches Buch, aber unbedingt lohnend, mit seiner eigenwilligen Struktur und in seiner fragenden Vielschichtigkeit. Passagen von lyrischer Sprachintensität finden sich neben politische Statements, bittere Vergangenheiten führen in eine – vielleicht – hellere Zukunft, die Erfahrungen der Romanfiguren fließen zusammen mit denen der Autorin. Das Ende wird nur angedeutet. Doch eins ist sicher: Sala findet hinaus aus ihrem Körpergefängnis, denn

"Sie hatte gelernt, sich zu wehren."

Stand: 05.09.2021, 16:40