Hermann Stresau - Von den Nazis trennt mich eine Welt

Buchcover: Hermann Stresau - Von den Nazis trennt mich eine Welt

Hermann Stresau - Von den Nazis trennt mich eine Welt

Von Wolfgang Stenke

Hermann Stresaus Tagebücher liefern eine realistische Innenansicht des Dritten Reiches, geschildert aus der Perspektive eines unangepassten Intellektuellen.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021.
439 Seiten, 24 Euro.

"Fremd wie ein exotischer Volksstamm"

Hermann Stresau: "Von den Nazis trennt mich eine Welt"

WDR 3 Mosaik 11.06.2021 05:52 Min. Verfügbar bis 11.06.2022 WDR 3


"Es ist schon so, dass wir, die wir nicht mit dem, was vorgeht, übereinstimmen können, irgendwie in der Luft hängen, wir sind somit emigriert, auch wenn wir nicht ins Ausland gehen."

schreibt Hermann Stresau am 28. Juli 1933, ein halbes Jahr nach dem Machtantritt Adolf Hitlers, in sein Tagebuch.

"Schließlich fühle ich mich der deutschen Heimat mehr und tiefer verbunden denn je, vielleicht gerade weil sie einem ungewissen und gefährlichen Schicksal entgegengeht. (…) Von den Nazis trennt mich eine Welt. Was ich bisher davon gesehen habe, ist mir ebenso fremd wie ein exotischer Volksstamm."

Kündigung aufgrund von politischer Unzuverlässigkeit

Hermann Stresau, 1894 bis 1964, Bibliothekar, Schriftsteller und Übersetzer. Er wurde in Milwaukee geboren. Als er sechs war, gingen die Eltern mit dem Jungen zurück nach Deutschland. Stresau studierte ab 1912 Germanistik , Philosophie und Geschichte. Nach der Einbürgerung  zog er freiwillig in den Ersten Weltkrieg. In Berlin, in der Stadtbücherei Spandau, trat er 1929 eine Stelle als Bibliothekar an. Im April 1933 – die Nationalsozialisten konsolidierten ihre Macht durch Ausnahmegesetze – bekam Stresau die Kündigung. Er galt als politisch unzuverlässig. – Notiz aus dem Tagebuch:

"Die Kündigung liegt mir auf dem Halse wie ein Joch (…). Man sitzt eben in der 'Schande', und man kann sich selbst noch so reinen Gewissens fühlen – schon allein, dass wir das hier verbergen, so gut es geht, macht einen unfrei."

Die Frage nach der politischen Haltung

Stresaus Ablehnung des Nationalsozialismus, den er ironisch als "Nasolismus" bezeichnet, ist klar und eindeutig. Darüber hinaus lässt seine politische Haltung sich anhand der Tagebuchtexte nur schwer bestimmen. Wie viele seiner Zeitgenossen denkt Stresau national und sieht im Versailler Vertrag das Grundübel, an dem die Weimarer Demokratie scheiterte.

Wenn er Politiker der SPD erwähnt, ist manchmal von "Bonzen" die Rede, gewisse Sympathien zeigt er für sozialistische Vorstellungen, den Moskauer Bolschewismus lehnt er ab. Was ihn aber nicht daran hindert, einem KPD-Funktionär auf der Flucht Unterschlupf zu gewähren.

Ausbildung zum Luftschutzinstrukteur

In der Gesellschaft des Dritten Reiches ist Stresau ein bildungsbürgerlicher Außenseiter. Beruflich "endgültig ausgebootet", sucht der ehemalige Bibliothekar notgedrungen eine Nischenexistenz als freier Autor und Übersetzer. Er schreibt über Joseph Conrad und überträgt William Faulkners „Absalom“ ins Deutsche. Eine Erbschaft aus den USA erleichtert die prekäre freiberufliche Existenz ein wenig. Sie erspart Stresau Konzessionen ans NS-Regime.

Ausnahme: Er lässt sich als Luftschutzinstrukteur ausbilden. Selbst hier zeigt sich Stresau als hellsichtiger Beobachter: Der Lehrgang sei recht instruktiv, notiert er im September 1937, denn er demonstriere zweierlei:

"1., dass man mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf einen bevorstehenden Krieg rechnet  (…) und 2., dass man ebenso selbstverständlich mit einem Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung der Heimat rechnet mit allen Erfindungen dieser Technik des Teufels."

Aufzeichnungen von Gesprächen

Wie der Autor in einer 1948 erschienenen Ausgabe seiner Tagebücher anmerkt, sind vor allem Zeitungslektüre und individuelle Beobachtungen die Quelle seiner Aufzeichnungen. Zeitungsausschnitte, die der Tagebuchschreiber in seine Notizkladden geklebt hat, bilden den Ausgangspunkt kritischer Reflexionen. In der Neuedition werden sie als Faksimiles wiedergegeben. Von Gesprächen mit Freunden und Menschen aus dem Dorf, in dem er lebt, erzählt er auf anschauliche Weise.

Nicht selten werden aus der Beschreibung alltäglicher Begegnungen kleine Porträts der Gesprächspartner. Prominente Informanten hat Stresau nicht, er ist allein auf sein politisches Gespür und den inneren Wertekompass angewiesen. Und so nimmt er von Schönwalde aus, einem kleinen Ort nordwestlich von Berlin, die "Pest der Gemüts- und Charaktervergiftung" durch den Nationalsozialismus in den Blick.

Er kritisiert die Versprechungen der NS-Ideologen, die Klassenunterschiede in einer angeblich egalitären Volksgemeinschaft aufheben wollten, ebenso wie den Opportunismus von Schriftstellerkollegen, die wie Gottfried Benn die nationalsozialistische "Revolution" begrüßten:

"Das unredliche Geschwafel eines schlechten Gewissens, das seine Lücken mit einer gewissen unnahbaren Bildung bedeckt, anstatt zu schweigen,  (…) Es ist eine Art Hirn-Orgiasmus bei Leuten, deren Begabung sehr hoch ist."

Die zunehmende Entrechtung der Juden kommentiert Stresau mit Empörung. Seinem jüdischen Arzt rät er 1937 dringend zur Emigration.

Ein einzigartiges zeitgeschichtliches Fundstück

Folgt man Stresaus Notizen über die ersten sechs Jahre der NS-Herrschaft, dann sieht man den anscheinend unaufhaltsamen Aufstieg der Nationalsozialisten aus der Perspektive eines Intellektuellen, der verzweifelt versucht, trotz aller Widrigkeiten seine Integrität zu wahren.

In seinem Urteil über die politischen Exilanten, die Deutschland nach 1933 verließen, ist der Autor nicht immer gerecht. Da kündigt sich schon das Ressentiment an, mit dem ein Walter von Molo als Vertreter der „inneren Emigration“ nach 1945 den exilierten Schriftstellerkollegen Thomas Mann abkanzelte.

Peter Graf und Ulrich Faure haben Stresaus Aufzeichnungen sorgfältig ediert und erläutert.  Das Buch ist ein zeit- und mentalitätsgeschichtliches Fundstück erster Güte. Auf den Folgeband, der die Zeit des Zweiten Weltkriegs abdeckt, darf man gespannt sein.  

Stand: 09.06.2021, 18:17