Björn Stephan - Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Hörbuchcover: Björn Stephan - Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Björn Stephan - Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Von Monika Buschey

1994 ist Sascha zwölf Jahre alt. Das alte Land, wie er die DDR nennt, gibt es nicht mehr. Im neuen Land und im eigenen Leben muss er erst Orientierung suchen.

Björn Stephan - Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau
Gelesen von Oliver Wnuk
Tacheles!, 1 mp3 CD

Björn Stephan "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 09.04.2021 05:16 Min. Verfügbar bis 09.04.2022 WDR 3


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Der zwölfjährige Sascha Labude sammelt einzigartige Wörter

"Seitdem ich klar denken kann, und das war damals noch nicht lange der Fall, erst seit ein paar Monaten würde ich schätzen, sammle ich seltene Wörter."

Sascha Labude ist zwölf Jahre alt. Es ist der Sommer 1994. Er lebt in einer Plattenbausiedlung, die Innenwände der Wohnungen sind aus Presspappe. Sascha nennt die DDR, die es jetzt nicht mehr gibt, das alte Land. Er fragt sich, wo es wohl geblieben sein könnte. Seine Leidenschaft gilt den seltenen Wörtern.     

"Also, eigentlich ist selten das falsche Wort. Es sind eher einzigartige Wörter, und was ich damit meine ist, dass sie eine ganz bestimmte Sache beschreiben, für die es in anderen Sprachen keinen Ausdruck gibt, wie zum Beispiel „ling“. Eines meiner drei, nein fünf Lieblingswörter. Es kommt aus China und beschreibt das Geräusch, wenn zwei Jadesteine aneinander schlagen."

Saschas Freund Sonny begeistert sich fürs Klavier spielen und für Elton John. Da kann Sascha nicht mithalten. Aber das Schärfste überhaupt ist Juri. Das Mädchen ist neu in der Klasse und weiß alles über Astronomie und über die Entstehung des Universums. Das hat sie von ihrem Vater, der vor ein paar Jahren abgehauen ist.

Der Blick des Jungen auf die Welt

Björn Stephan, der Autor, hat Kindheit und Jugend in Schwerin verbracht. Er hat erlebt, was in seiner Geschichte nur am Rand mitläuft: Die Situation der Erwachsenen, von denen viele zusammen mit ihrer Arbeit den Lebensmut verloren haben.

Im Zentrum steht Saschas Blick auf die Welt, die Beziehung zu Sonny und Juri, die Bedeutung von Träumen, Musik und Sternen. Dazu handfeste Spannung, als Juri und Sascha zwei Jungen aus der Siedlung mit rechtsradikalen Absichten belauern und sich selbst dabei in Gefahr bringen. Björn Stephan hat die Sprache der Jugendlichen perfekt drauf. Dialoge mit Witz, einprägsame Bilder.       

"Meine Familie kam mir ermattet und langsam vor. Eine Zeitlupenfamilie. Die wirkte, als hätten der Alltag, die Schwerkraft oder eine andere unsichtbare Macht ihr die Geschwindigkeit geraubt. Ich hingegen fühlte mich wach und schnell."

Souverän und differenziert von Oliver Wnuk gelesen

Der Schauspieler Oliver Wnuk ist der ideale Interpret. Er fasst die Ich-Erzählung auf wie eine Rolle und spielt sie. Wobei er souverän und mit gutem Differenzierungsvermögen auch anderen Figuren Gestalt und Stimme gibt. Herrn Riwa zum Beispiel, der aus dem Iran kommt, und Juri und Sascha an seinen Zigaretten und seiner Weisheit teilhaben lässt.

"Wisst ihr, auch ihr werdet in eurem Leben eine Vielzahl von Erinnerungen anhäufen. Ich erzähl euch das, weil ich euch etwas lehren möchte über die Geschichten, die wir für unser Leben halten. Das was ihr erzählt und erst recht das, woran ihr euch in Zukunft erinnern werdet, ist immer etwas anderes als die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist widerspenstig und stets viel komplizierter."

Eine besondere Freundschaft zwischen Sascha und Sonny

Ein Vertrauter für alle Lebenslagen ist für Sascha sein Freund Sonny. Dass die beiden sich ganz gerne gegenseitig aufziehen, ist geradezu der Beweis für die außerordentliche Belastbarkeit der Freundschaft.

"Er hatte diese Lächeln ins Gesicht getacktert, das eine kleine Delle in seine Wange grub und das er immer aufsetzte, bevor ihm eine Gemeinheit über die Lippen kam. Und weil Sonny mich nie hängen ließ, war das auch diesmal so: Labude, biste verliebt? Fragte er. Nein, sagte ich weniger entschlossen, als ich es vorgehabt hätte. Wieso sollte ich verliebt sein? Och, nur so. … Nein, ernsthaft, warum denkst du das? Alter, denkste, ich bin blind…Wie du sie vorhin angeguckt hast. Wen? Wen, wen, wen, äffte er mich nach, Juri natürlich."

Katastrophen und Herausforderungen enden nicht in Harmonie

Ein glattes Ende in Harmonie hätte nicht zu dieser Story gepasst, die auch davon erzählt, dass Jugend, und erst recht der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenwerden vor krasse Herausforderungen stellt. Nach einer Reihe von Katastrophen und verwirrenden Erlebnissen ist Juri auf einmal spurlos verschwunden und Sascha muss mit den Eltern umziehen ans andere Ende der Stadt. Sein Abschiedsblick gilt seinem Freund Sonny.

"Sonny rief irgendetwas, das ich nicht verstand, und ich rief irgendetwas zurück, das ich vergessen habe. … Dann bogen wir ab und Sonny fuhr uns noch eine Weile hinterher, ehe er stehen blieb. Er stieg von seinem Fahrrad ab und winkte, während er allmählich im Seitenspiegel schrumpfte, genauso wie die gelbweißen Blocks der Siedlung. Er stand einfach nur da, völlig schutzlos und winkte uns hinterher."

Stand: 07.04.2021, 15:19