Adam Haslett - Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett - Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett - Stellt euch vor, ich bin fort

Von Ferdinand Quante

Selbstmord, Depression und drohender sozialer Abstieg – eine amerikanische Mittelstandsfamilie versucht trotz allem, den Zusammenhalt zu wahren. Eine Geschichte über eine lang anhaltende Krise, die der Autor selbst als familiäre Lovestory bezeichnet.

Adam Haslett
Stellt euch vor, ich bin fort

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
461 Seiten
22,95 Euro.

Wieder einmal

Verschreckt zieht sich die kleine Celia das Kopfkissen um beide Ohren. Unten im Wohnzimmer schreit die Mutter ihren Mann an. Wieder einmal. Celia hält es nicht lange aus. Sie springt aus dem Bett und läuft die Treppe hinunter.

"Mom stand vor Dad, der auf dem Sofa saß. Mit wütendem Blick fuhr sie herum. Dad wandte nur den Kopf und sah mich an. Sein Gesicht war blass und ausdruckslos."

Innerlich ist er längst fort

Von den Verheerungen seiner tiefen Depression gezeichnet. Der Vater ist krank, seinen Job hat er verloren, das Geld ist mehr als knapp, neue berufliche Anläufe wird er in den Sand setzen und seine drei Kinder ständig vernachlässigen. Innerlich ist er längst fort, als er im Morgengrauen mit einer Rasierklinge in der Tasche das Haus verlässt und sich umbringt. So wie Adam Hasletts Vater es getan hat. Haslett war damals vierzehn. Dreißig Jahre später hat er versucht, den Freitod des Vaters schreibend zu bewältigen.

"Der Antrieb war eigentlich eine innere Not; für mich war es wirklich eine Notwendigkeit, meine eigene Version der Geschichte zu entwickeln."

Eine Art Erinnerungsbuch

Adam Haslett

Adam Haslett

Haslett bezeichnet seinen Roman als eine Art Erinnerungsbuch und warnt zugleich davor, die Geschichte als authentische Nacherzählung zu begreifen. Wie viel auch immer man aus dem Leben des Autors erfährt, entscheidend ist ja letztlich nur, ob Haslett seine Erinnerungen samt den fiktionalen Zugaben gut in Form gebracht hat, und eben das ist ihm gelungen. »Stellt euch vor, ich bin fort« gehört zu den besten Familienromanen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Der Selbstmord des Vaters wird hier zum Ausgangspunkt einer schwierigen, beklemmenden, zugleich auch herzerhebenden und komischen Geschichte, die wechselweise aus der Sicht der Mutter, des Vaters und der drei Kinder erzählt wird.

Im Mittelpunkt steht Michael, der älteste Sohn der namenlosen Familie. So wie sein Vater leidet Michael unter Depressionen. Er ist die familiäre Achse, um die sich das Leben seiner Mutter und seiner beiden jüngeren Geschwister Celia und Alec über Jahre und Jahrzehnte dreht.

"Mein Bruder, der Notschalter. Absolut zuverlässig. Jedes Mal, wenn ich im Begriff war, aus mir herauszutreten, wurde der Schalter umgelegt."

Klagt Alec einmal. Auch als er und Celia längst erwachsen und nicht mehr in Michaels Nähe sind, bleiben sie doch an den Bruder gebunden, der ohne den Zuspruch seiner Familie und eine ganze Phalanx von Antidepressiva nicht überleben könnte.

Ein Frontbericht

"Dies eben ist das Wesen meines Zustands: unablässig einem Augenblick entkommen zu wollen, der nie vorübergeht."

So Michael. Er ist die interessanteste Figur des Romans. Obwohl depressiv und hilfsbedürftig, spielt er nicht nur den Part der personalisierten Ohnmacht. Haslett zeigt ihn auch als extrem eloquenten, überspannten, in seiner Verstiegenheit witzigen Charakter. Als die gebeutelte Familie eine Sitzung bei einem Psychotherapeuten namens Gus absolviert, schildert Michael das Geschehen in Form eines Frontberichts.

"Bei der ersten Vernehmung teilte Alec Gus mit, er sei schwul. Celia bemerkte, wir seien hier, um Dinge zu diskutieren, die wir noch nicht wüssten. Bei dem daraus resultierenden Schusswechsel kamen Ziergegenstände und Fenster zu Schaden. Gus fragte Alec, ob es etwas gebe, das er der Einheit zu diesem Thema mitteilen wolle. Der Obergefreite antwortete, ja, er habe einen großen Teil seiner inneren Kämpfe für sich behalten und sich stillschweigend in die Ordnung gefügt, nach der Dads Ausscheiden noch immer weit über allen anderen Kriegsverletzungen rangiere."

Michael in seiner ganz speziellen Art darzustellen war für mich auch sehr amüsant, sein Humor, seine Absurdität, seine Überdrehtheit.

Sagt Adam Haslett.

"Ich glaube nicht, dass ich das Buch hätte schreiben können, ohne diese Art von Humor, die es nun mal enthält. Ich hatte ja auch nicht vor, einen durchgängigen Klagegesang anzustimmen."

Vom Spaßhimmel bis zur Depressionshölle

Ein Vater, der sich die Pulsader öffnet und eine verstörte, vom sozialen Abstieg bedrohte Familie zurücklässt, eine überforderte Mutter und der vom Spaßhimmel in die Depressionshölle fallende Michael sowie seine um ihn bemühten und oft genervten Geschwister – doch, das wäre schon ausreichend Stoff für einen langen Elendsbericht. Nicht dass Haslett das Unglück der Familie verschweigt, aber er stellt es nicht aus und ist gegen Sentimentalitäten allein schon durch die Genauigkeit seiner Beschreibungen gewappnet, nicht zuletzt auch durch seinen Humor als eine Spielart des Glücks.

Er selbst nennt seine Geschichte eine familiäre Lovestory. Die Familie als unverbrüchliche Notgemeinschaft. So wird Adam Haslett es wohl selbst erlebt haben, und lesend erlebt man es mit.

Adam Haslett: "Stellt euch vor, ich bin fort" (Rowohlt)

WDR 3 Mosaik | 11.06.2018 | 05:10 Min.

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Stand: 14.06.2018, 10:00