Anke Stelling - Schäfchen im Trockenen

Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen

Anke Stelling - Schäfchen im Trockenen

Von Christel Wester

Für ihren Roman über die neue deutsche Bürgerlichkeit im öko-bewegten Kreativmilieu bekam Anke Stelling 2019 den Preis der Leipziger Buchmesse, nun erscheint er als Hörbuch, gelesen von der Autorin

Anke Stelling
Schäfchen im Trockenen

Gelesen von der Autorin
Speak Low
1 MP3-CD
435 Min.
ISBN 978-3-950018-68-7

Einen wütender Monolog

"Mein Name ist Resi, Sven ist mein Mann, unsere Kinder heißen Bea, Jack, Kieran und Lynn und sind inzwischen vierzehn, elf, acht und fünf Jahre alt."

Resi ist die Ich-Erzählerin in Anke Stellings Roman "Schäfchen im Trockenen". Doch vielleicht ist Erzählerin der falsche Ausdruck für diese Figur. Rednerin trifft es schon besser, denn sie hält einen Monolog – einen wütenden Monolog. Sollte man Resi deshalb besser eine Anklägerin nennen? Es war Irrsinn, vier Kinder zu kriegen, sagt sie. Aber auch:

"Es war unsere Entscheidung, also sind wir selbst daran schuld."

Resi ist Schriftstellerin, ihr Mann Sven Künstler. Sie leben mit ihren vier Kindern am Prenzlauer Berg: dem Paradeort für das Berliner Kreativmilieu und neudeutsche Mittelstandsfamilien. Trotz öko-bewegter linksliberaler Gesinnung sind sie der Motor der Gentrifizierung, für die der Prenzlauer Berg ebenfalls ein Beispiel par excellence darstellt. Anders als ihr Freundes- und Bekanntenkreis haben Resi und ihr Mann keineswegs ihre "Schäfchen im Trockenen".

"Zwei brotlose Künstler mit vier Kindern. Keine Ahnung, wie wir das schaffen, aber vor Kurzem fiel mir auf, dass „Wie schafft ihr das?“ gar keine Frage ist – auch kein Kompliment, wie ich lange Zeit geglaubt habe. Sondern eine Umschreibung dafür, dass der Fragende denkt, es sei nicht zu schaffen – und auch dumm, es überhaupt zu versuchen."

Eine Kopie der Kündigung unserer Wohnung, zur Kenntnis

Zu allem Überfluss fliegt Resis sechsköpfige Familie aus ihrer Wohnung im Szeneviertel, ihr droht die Plattenbausiedlung Marzahn. Die Gentrifizierung zieht einen Riss mitten durch den Freundeskreis.

"Ich habe diesen Brief bekommen. Er ist an mich adressiert und enthält ein sauber geknifftes Blatt Papier – die Kündigung unserer Wohnung. Nein, falsch. Eine Kopie der Kündigung unserer Wohnung, zur Kenntnis. Denn unsere Wohnung ist in Wahrheit Franks, Frank ist der Hauptmieter, und er hat die Wohnung gekündigt."

Frank ist ein Freund und obendrein verheiratet mit Vera, Resis ältester Freundin. Die beiden haben gemeinsam mit der Freundesclique, zu der auch Resi gehört, eine Baugruppe gegründet und sind vor vier Jahren in ihre Eigentumswohnung im Neubau gezogen. Resi und ihrem Mann fehlte das nötige Kleingeld, um bei der Baugruppe mitzumachen. Deshalb haben Frank und Vera ihre günstige Altbauwohnung mit dem 18 Jahre alten Mietvertrag behalten und sie an Resi und ihre Familie untervermietet. Resi hat sich aber keineswegs dankbar gezeigt, sondern in einer Zeitungsreportage das Baugruppenmilieu ziemlich gnadenlos auseinandergenommen und dann auch noch einen Roman darüber geschrieben. Das war der Sündenfall, die Freunde fühlten sich entblößt und durchschaut. Und wie so oft, wenn jemand auf die heiklen Punkte zeigt, gilt Resi als Nestbeschmutzerin. Dafür bekommt sie nun die Quittung. Frank hat ohne Absprache mit ihr seinen Mietvertrag gekündigt.

"Ich starre auf den Brief. „Sehr geehrte Damen und Herren“, steht da, unpersönlich, an die Hausverwaltung gerichtet, und für mich gibt es diesen Stempel, „Zur Kenntnis“, und überhaupt keine Anrede. Nur die grüne Stempelfarbe. Sehr amtlich."

Mit kritischem Blick auf eine neue Bürgerlichkeit

Der Brief steht am Anfang des 266 Seiten langen Romans, den die Autorin Anke Stelling nun in einer siebeneinhalb-stündigen Lesung selbst vorträgt. Mit ihrer ungeschulten Stimme spricht sie völlig ungekünstelt, das kann sie gut und das unterstreicht den Alltagsrealismus ihres Romans.

"Ich bin inzwischen selbst eine späte Mutter. Ich merke es daran, dass mir die Puste ausgeht, vor allem im Miteinander mit Miteltern."

Anke Stelling

Anke Stelling

Die Schriftstellerin Anke Stelling lebt genau wie ihre Protagonistin Resi mit Mann und Kindern am Prenzlauer Berg. Doch sollte man sich davor hüten, Anke Stelling mit ihrer Protagonistin gleichzusetzen.

Resis Rollenprosa wirft einen derart kritischen Blick auf die neue Bürgerlichkeit des akademisch geprägten Mittelstands mit ihren Kita-Elternabenden, Baugruppenquerelen und Mütterkonkurrenz, den man sonst kaum in der deutschen Gegenwartsliteratur findet. Dabei lässt Anke Stelling ihre Protagonistin jedoch keineswegs ungeschoren als armes Opfer davon kommen.

"Wie sie Grüppchen bilden, Schwächere ausschließen, darauf lauern, dass jemand anderes sich lächerlich macht. – Ich bin auch so. Da kann man gar nichts tun, das ist die Angst."

Was gibt’s zu essen?

Resis Wutrede ist extrem und schwankt ständig hin und her zwischen Selbstmitleid und Selbstkritik, messerscharfer Analyse und üblen Beschimpfungen, Aufbegehren und Unterwerfung. Sie führt Selbstgespräche, liest nie abgeschickte Briefe, blickt zurück in die eigene Kindheit, streitet mit der Freundin ihrer früh gestorbenen Mutter und skizziert Szenen aus dem eigenen Familienalltag.

"Kind: Was gibt’s zu essen.
Mutter: Was ist das denn für ein Ton?
Kind: Was denn, ich frag doch nur, was es zu essen gibt.
Mutter: Du maulst mich an, du fragst mich nicht. Sag vielleicht erst mal Guten Tag.
Kind: Guten Tag. Was gibt’s zu essen?
Wir stecken gemeinsam in der Falle, in der Wir-machen-und-gegenseitig-glücklich-Falle. Und wehe, wenn nicht."

Ich bin, wer ich bin

"Schäfchen im Trockenen" ist eine Abrechnung mit Idealen von Familienglück, Muttersein, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Chancengleichheit, Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Verantwortung. Ideale, die alle im Kopf haben und die alle überfordern.

"Es tut mir leid, dass hier alles so zerrissen scheint. Ich hätte gerne mehr Stringenz, eine erkennbare Einheit, einen Trost für alle, die auf der Suche sind. Doch ich bin, wer ich bin."

Resi sitzt in einer zwei Quadratmeter großen Abstellkammer, mit Spreizdübeln hat sie ein Brett zwischen die eng stehenden Wände geklemmt, nur ein halbes Fenster gewährt Blicke nach draußen. Eine klaustrophobische Situation, die auch die Perspektive ihrer Wutrede verengt. Das ist beim Zuhören mitunter schwer auszuhalten, aber gleichzeitig oft auch sehr komisch und so treffsicher, dass man dabeibleibt.

Anke Stelling "Schäfchen im Trockenen" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 09.01.2020 06:12 Min. Verfügbar bis 08.01.2021 WDR 3

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Stand: 08.01.2020, 16:24