Heinrich Steinfest - Der Chauffeur

Buchcover: "Der Chauffeur" von Heinrich Steinfest

Heinrich Steinfest - Der Chauffeur

Von Holger Heimann

Ein Mann laboriert an den Folgen einer fatalen Entscheidung. Doch Heinrich Steinfest verliert ihn zu oft aus den Augen.

Heinrich Steinfest: Der Chauffeur
Piper Verlag, München 2020.
360 Seiten, 22 Euro.

Heinrich Steinfest: "Der Chauffeur"

WDR 3 Buchkritik 27.01.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 27.01.2022 WDR 3


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Eine Handlung in vier Fäden aufgeteilt

In Büchern verweben Schriftsteller Handlungsfäden zu Gebilden von ganz eigener Textur. Insofern muss es gar nicht verwundern, ja es ist eigentlich sogar konsequent, dass Heinrich Steinfest seinen neuen Roman nicht in Großkapitel einteilt, sondern in Fäden; vier an der Zahl.

Vorangestellt hat er der Story um einen untröstlichen Mann, der wie der berühmte Maler Paul Klee heißt, zudem einen Eintrag aus dem etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wort "Faden" meint sprachgeschichtlich demnach "ausgebreitete, umfassende Arme". Nun ja. Lesen, so könnte man sagen, bedeutet, den ausgerollten Fäden zu folgen. Anfänglich ist das in diesem Fall noch ganz leicht.

Ein Protagonist, dessen Geschichte leider untergeht

Paul Klee ist seit zehn Jahren zuverlässiger Chauffeur eines neoliberalen Politikers und mit seinem übersichtlichen Alltag recht zufrieden. Doch ein Unfall, in den er unglücklich verwickelt wird, ändert alles. Der Chauffeur rettet seinen Dienstherren zwar aus dem brennenden Auto, überlässt jedoch gleichzeitig ein Kind in einem anderen Wagen den Flammen. Das Wissen um die Unterlassung wiegt für Klee schwerer als der Aufschrei der Öffentlichkeit ob seiner fatalen Handlungsweise.

Die prompte, aber durch eine üppige Abfindung versüßte Kündigung durch seinen Chef, der es später zum Bundeskanzler bringen wird, akzeptiert Klee als notwendige Konsequenz. Den Schatten über seinem Leben wird er nicht mehr los. Künftig geht es Klee nur noch darum, die Last der Fehlentscheidung erträglicher zu machen. Davon erzählt Steinfest oder vielmehr davon hätte er erzählen können. Aber leider verliert er seinen Protagonisten immer wieder im Durcheinander von bizarren Ereignissen, verworrenen Handlungssträngen und obskuren Nebenfiguren aus dem Blick.

Eine unerwartete Liebesgeschichte - die ins Abseits führt

Paul Klee kauft nach dem Schock zunächst eine Villa im nordwestlichen Baden Württemberg. Gemeinsam mit der hübschen Immobilienmaklerin Inoue Sander, die ihm das Haus vermittelt hat, macht er daraus ein apartes, kleines Hotel. So winkt Klee doch noch das Glück oder zumindest eine stille Zufriedenheit. Aber kaum beginnt er seine neue, zurückgezogene Existenz zu genießen, da trifft ihn ein weiterer Schlag. Inoue verliebt sich in die Putzkraft aus Rumänien, die Klara Popa heißt:

"Inoues und Klaras Liebe war ein guter Zusammenstoß, und da war niemand, der diesen Zusammenstoß verunmöglicht hätte. Auch Klee nicht, so wenig es ihm gefiel, was da zwischen seiner Partnerin – seiner Partnerin im Leben wie in der Arbeit – und seiner Angestellten geschah. Aber auch er schien begriffen zu haben, wie hier ein Plan in Erfüllung ging, gegen den man weder drohen noch anschreien, noch dessen Vernunft infrage stellen konnte."

Welchem Plan Heinrich Steinfest folgt, das wird indes zunehmend unklarer. Womöglich wollte er Jean Baudrillards "Agonie des Realen", eine der Lieblingslektüren von Klee, in literarische Prosa übersetzen und verdeutlichen, dass dort, wo viel passiert, noch längst nicht wirklich etwas geschieht. Vielleicht hat Steinfest auch an das berühmte Gemälde "Haupt und Nebenwege" des Malers Paul Klee gedacht, auf dem zahlreiche Pfade ungeordnet ins Abseits führen.

Einige seltsame Begebenheiten, die aber eigentlich nicht von Bedeutung sind

Auf einer Wiese nicht weit vom Hotel lässt der Autor die Raumkapsel landen, mit der die Russen 1957 Laika ins Weltall schossen. Wir schreiben das Jahr 2019, der Hund indes ist seit seiner langen Reise keinen Tag gealtert. Die Rückkehr des Tieres führt nicht nur zu einer Veränderung im Wesen der Menschen, obendrein wächst ihnen ein Pelz. Aber das ist bloß einer der seltsamen Einfälle, die für die weitere Romanhandlung bedeutungslos sind.

Paul Klee jedenfalls bleibt, wie er ist, dünnhäutig und duldsam. Dennoch wird er verlassen. Inoue flieht vor der hysterischen Öffentlichkeit – zusammen mit ihrer Geliebten und ihren frühreifen Zwillingen, die in ihrer Freizeit Thomas Manns "Zauberberg" durchnehmen. Später werden sie zu Land-Art-Enthusiasten – passenderweise in einem Alpensanatorium. Mit Paul Klee hat das wenig zu tun. Der ist anderweitig unterwegs. Auf der Suche nach einem spurlos verschwundenen Hotelgast findet er sich plötzlich als Gefangener im Keller seiner Nachbarin wieder.

"Klee war an einen Stuhl gefesselt. Absolut professionell fixiert, mit einem breiten, festen Klebeband. Er konnte bloß seinen Kopf bewegen. Über seinen Lippen klebte fest gestrafft ein Band. Es fühlte sich an, als stecke seine untere Gesichtshälfte in einem Felsen."

Ein Roman, der zerfasert und sich verliert

Steinfest mag das Spiel mit Klischees und Erwartungen und verquirlt gern Science-Fiction, Thriller und Satire. Lustvoll bedient er sich bei genretypischen Szenarien, nicht ohne sie sogleich ironisch zu brechen. Das ist durchaus von einigem Reiz und zuweilen amüsant zu lesen.

Aber man wird den Eindruck kaum los, dass Heinrich Steinfest nicht nur von einem traurigen Verlorenen erzählt, sondern sich selbst verirrt hat in seinem Roman, der zunehmend zerfasert und sich in immer neuen Verweisen verliert.    

Stand: 26.01.2021, 21:24