Sophie Stein - Amanecer

Buchcover: Sophie Stein - Amanecer

Sophie Stein - Amanecer

Von Insa Wilke

Junge Autorinnen haben in diesem Jahr den Debüt-Markt der Roman-Literatur bestimmt. Wie ihre männlichen Kollegen halten sich viele von ihnen an realistische Erzählweisen. Nicht so die 25jährige Sophie Stein: wegweisend oder rückwärts-gewandt?

Sophie Stein: Amanecer
Diaphanes, Berlin 2020.
192 Seiten, 18 Euro.

Sophie Stein: "Amanecer"

WDR 3 Buchkritik 18.01.2021 05:42 Min. Verfügbar bis 18.01.2022 WDR 3


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Wahrhaftiger Lebenslauf oder ein lebendiger Traum

"Amanecer" ist ein ungewöhnlicher Buchtitel. Wer nicht Spanisch spricht und nicht weiß, dass "Amanecer" Tagesanbruch bedeutet, wird aber vielleicht gerade des Rätsels wegen neugierig.

Der Debütroman der 25jährigen Autorin Sophie Stein wirkt auf den ersten Blick wie eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte des Erwachens. Sophie Stein erzählt einen Lebenslauf, der sich allerdings möglicherweise vollständig im Bewusstsein, der Phantasie oder dem Traum oder Rausch von Aziza, ihrer Protagonistin abspielt. Die junge Frau wirkt von Beginn an ziemlich verloren, belastet mit einem Unglück, das man mehr ahnt, als erkennen kann.

"Es kommt mir unwirklich vor, dass ich an der Universidad de La Coralina studieren werde, auf dem größten von acht Vulkaneilanden, wie erfunden. Weitab von jeder Festlandküste und umgeben von tosendem, schwarzem Wasser. Es klingt fast wie eine weitere Geschichte gegen das Verschwinden."

Seltsamme Verbindungen und Ideen eines Geheimbundes

Ein ungewöhnlicher Studienort: Teneriffa. Die Kanarische Insel wird bei Sophie Stein mit ihrem alten römischen Namen "Nivaria" bezeichnet: eine Andeutung, dass sie die Zeitvorstellung in ihrem Buch vom Nacheinander in ein Nebeneinander verwandelt?

Die Gruppe, in die Aziza durch ihre beiden Mitbewohner mit den vielsagenden Namen Lyra und Lazaro auf Nivaria gerät, bildet einen Geheimbund. Er verbindet naturwissenschaftliche Interessen, spirituelle Sinnstiftung und philosophischen Drang, um den Weg zur Wahrheit ins Innere der irdischen Geheimnisse zu beschreiten.

Und nicht nur den: durch Wurmlöcher will man auch in parallele Universen vordringen. Pazifistische Ideen kreuzen sich bei den merkwürdigen Insulaner*innen mit Kontrollzwängen: So muss Aziza einwilligen, sich überwachen zu lassen. Gleichzeitig wird ihr erklärt, man fange bei Nasenbluten das eigene Blut auf, um damit Moskitos zu füttern.

Ein rauschhaftes Traumspiel mit literarischen Anspielungen

Grauen und Erlösungsgefühle orchestriert Sophie Stein zu einem dschungelartigen, halluzinatorischen Text, einem Traumspiel, das ganz bewusst Anleihen bei vergleichbaren künstlerischen Versuchen nimmt, Fragen des Bewusstseins und der Philosophie in Bilder, Sprache, Töne zu übersetzen.

Die Musik Debussys wird erwähnt, auf den Film "Matrix" wird deutlich angespielt, auch auf "Alice im Wunderland" und Michael Endes Roman "Momo". Literarisch sehr ungewöhnlich in der heutigen Literaturlandschaft ist, dass Sophie Stein expressionistische Ausdrucksformen nutzt, um ihr Denkbild zu entwickeln. Und zwar sowohl, was Adjektiv-Exzesse angeht als auch exotistische Bilder und Versuche, sich an den Mythenstrom indigener Kulturen anzuschließen.

"Scheinwerferzischen steigt von der regenzerfurchten Straße auf, und die Zimmerwände beginnen sich in stillem Rhythmus zu schälen."

Eine neo-romantische Sprache für mythische Sichtweisen

Der Atlantik hat bei Sophie Stein Dehnungsstreifen, das Meer einen Augenaufschlag, Erinnerung ist ein "pulvriger Schmetterling" zwischen ihren Schläfen. Es sind nicht nur mythische Sichtweisen, die hier im Hintergrund stehen. Stein experimentiert mit einer ästhetischen Perspektive auf die Welt, durch die alles bedeutend wird. Vernunft befalle den Verstand wie ein Gift, heißt es in "Amanecer", und lasse keinen echten Gedanken und keine Ausdrucksformen für die sinnliche Wahrnehmung mehr zu.

Das ist neo-romantisch. Wie lang hat niemand mehr die Anstrengung unternommen, in Traditionen der romantischen Philosophie, die ja auch den Expressionismus prägte, eine Sprache für das zu finden, was sich hinter den Barrieren der vernünftigen Sichtweisen bewegt? Es ist dabei gekonnt, wie Sophie Stein, immer wieder Anker in die Gegenwart und eingeschliffene Erzählmuster wirft. Zum Beispiel, wenn sie Aziza eine konkrete traumatische Geschichte gibt. In Form einer labilen Mutter, die angesichts von Pandabären auf Kindersocken weint und Bücher liebt.

"Allerdings störte etwas an ihnen meine Mutter. Ich vermute, was ihr zu schaffen machte, war die zeitliche Aufeinanderfolge der Geschehnisse in den Romanen. Denn sie riss büschelweise Seiten aus ihnen heraus und schlug sie anschließend mit Nägeln an die Wände, offenbar in der Hoffnung, dadurch eine logischere Anordnung herstellen zu können."

Viel mehr als die bloße Abbildung der Realität

Sophie Stein setzt immer wieder neu an, um die Zentren ihrer Geschichte einzukreisen. Die bewegen sich wie Planeten auf unterschiedlichen Umlaufbahnen eines Gravitationszentrums, das eine Gegenkraft bildet zum "Klammergriff um das Fundament der Realität". Azizas Mutter gehört zu den Menschen, denen die Kraft ausgeht, um diesen Klammergriff zu halten, ihnen entgleitet der Sinn.

Sprachlich experimentiert Stein mit "Amanecer", um die klassische Vorgehensweise, innere Vorgänge nach außen zu kehren, umzudrehen: die äußeren Dinge werden vom Inneren, dem Bewusstsein vereinnahmt. Könnte man sagen, dieser Text ist ein einziges Metaphernfeld, dessen Metaphernwert sich aber verflüchtigt hat? Blieben dann also von Azizas Geschichte nur abstrakte Farben und Formen, die gar nicht interpretiert werden sollen, sondern eine Gültigkeit ohne realen Referenzrahmen behaupten? Wie ließe sich das denken?

Sophie Stein knüpft an Vorstellungswelten und Erzählweisen an, die indigene Kulturen hervorgebracht haben. Das ist sehr zeitgemäß, bedenkt man, dass sich beispielsweise die Gesellschaften in Chile und Kanada zunehmend auf ihr indigenes Erbe besinnen, um ihre politische und soziale Zukunft zu gestalten. Warum also nicht auch in der Literatur? "Amanecer" ist damit einer der interessantesten Versuche der vergangenen Monate, der Literatur mehr abzuverlangen als die mimetische Abbildung einer Realität, deren sinnstiftende Grundfesten längst rissig geworden sind. 

Stand: 17.01.2021, 20:02