Aleš Šteger - Über dem Himmel und unter der Erde

Aleš Šteger - Über dem Himmel und unter der Erde

Aleš Šteger - Über dem Himmel und unter der Erde

Von Dirk Hohnsträter

Mit Lust an der Sprache der Welt zugewandt: Der slowenische Schriftsteller Aleš Šteger ist einer der wichtigsten lyrischen Stimmen Europas.

Die Poesie der Welt

Keine Frage: Die seit 2006 im Hanser Verlag erscheinende Edition Lyrik Kabinett zählt zu den feinsten Orten der Dichtkunst auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. In bezaubernd gestalteten Ausgaben erschließt sie Jahr für Jahr die Poesie der Welt. Erstaunlich ist, dass der slowenische Lyriker Aleš Šteger bislang nicht in ihr vertreten war. Denn Šteger gilt nicht nur als die wichtigste lyrische Stimme Sloweniens in seiner Generation, er ist auch ein Dichter mit ganz eigener Ausdruckskraft:

"Etwas anderes machen,
Etwas anderes in etwas anderem finden,
Etwas Verborgenes, etwas nicht Offensichtliches
Etwas, das nie zuvor auf diese Weise,
Obwohl, zugleich, ohne ersichtliches Ziel,
Ohne einen im Voraus festliegenden Weg,
Etwas in etwas,
Etwas das hier und dort zugleich ist,
Ein anderes hier,
Es enthüllen, herbeirufen […]"

Etwas in etwas anderem finden

Wie ein poetologisches Motto lesen sich diese Verse, die Šteger seinem Band vorangestellt hat: "Etwas in etwas anderem finden […] Es enthüllen, herbeirufen". Genau darin besteht nämlich die poetische Praxis des Dichters Aleš Šteger.

Aleš Šteger

Aleš Šteger

"Buch der Dinge" und "Buch der Körper" hießen frühere Bände aus seiner Feder, damals wie heute geht es Šteger darum, die Wirklichkeit zum Sprechen zu bringen, ihr einen überraschenden Überschuss abzulauschen

"Machen, dass sich etwas selber macht,
Hier ist voll von anderswo,
Es quillt von anderem über,
Man muss es nur erkennen und zulassen,
So einfach alles,
Dass es fast schon unerreichbar ist für die,
Die zu sehr hier und jetzt sind,
Obwohl es nichts anderes gibt
Als hier, jetzt […]"

Aleš Šteger: "Über dem Himmel und unter der Erde"

WDR 3 Mosaik 02.07.2019 04:28 Min. WDR 3

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Unter der Erde - Hörfeld - Über dem Himmel

"Buch vom Unausweichlichen" lautete der ursprüngliche Titel dieses Bandes, der nun, nicht ganz unbescheiden, "Über dem Himmel und unter der Erde" heißt. Štegers Buch gliedert sich in drei etwa gleich große Teile: "Unter der Erde", "Hörfeld" und "Über dem Himmel". Ein Setting, das die ganze Welt aufzuspannen scheint, im Kleinen in die Tiefe geht und das Unterste mit den Mitteln der Poesie zuoberst kehrt. „WWW“, also "World Wide Web", heißt eines seiner Erdgedichte:

"Die Spinnen des Herrschers weben
Ein unsichtbares Netzwerk um uns zwei.
Jemand auf einem anderen Kontinent
Liest insgeheim unsere Gedanken.
Durch die Tür ist nichts sichtbar.
Im Dunkeln sind wir kleiner als zwei Mücken.
Meine Hände greifen nach dir,
Tauchen in einen verschleierten Spiegel.
Als ich dich schließlich erreiche,
Umarme ich zugleich die ganze Welt."

Eine weltzugewandte Haltung

Aleš Šteger ist ein weitgereister Schriftsteller. Berlin, Buenos Aires und Tokyo zählen zu den Orten, an denen er sich dichtend aufgehalten hat. "Hörfeld", der zweite Teil des Buches, zeugt von dieser weltzugewandten Haltung. Doch nicht immer erreichen Štegers Texte unterwegs das gewohnte Niveau. Zu lakonisch fallen die Verse dann aus, beispielsweise in einem "Kyoto" überschriebenen Dreizeiler, dessen bloße Kürze ihn noch nicht zum Haiku macht:

"Selbst ohne Kyoto,
ohne Sehnsucht und Gepäck,
vermisse ich Bashō."

Mit Lust an Wirklichkeit und sprachlicher Form

"Da schreibt einer, der es mit dem Zufall aufgenommen hat", sagte Durs Grünbein einmal über seinen slowenischen Dichterkollegen. In der Tat sind Štegers Texte immer dann am stärksten, wenn sie das Vorgefundene nicht kommentieren, sondern es erhellen. Wenn sie mit Lust an Wirklichkeit und sprachlicher Form der Welt unverwechselbare Momente abgewinnen:

"Soll ich fallen, verschwinden im Dazwischen
Wie eine Maus im Nachtmehl, schlaflos?
Und nie mehr wach sein außer in Lettern.
Soll ich fallen und fallen und gehen,
Weil ich das Zurückkommen liebe, weil ich bin
Über dem Himmel, unter der Erde, für immer."

Stand: 01.07.2019, 12:47