Steffen Kopetzky - Propaganda

Steffen Kopetzky - Propaganda

Steffen Kopetzky - Propaganda

Von Wieland Freud

Eine deutsch-amerikanische Literaturfreundschaft: In seinem überbordenden Weltkriegsroman „Propaganda“ zieht Steffen Kopetzky mit Hemingway in den Hürtgenwald.

Steffen Kopetzky: "Propaganda"

WDR 3 Buchrezension 20.08.2019 04:37 Min. Verfügbar bis 19.08.2020 WDR 3

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Steffen Kopetzky
Propaganda

Rowohlt Berlin, Berlin 2019
495 Seiten
25 Euro

Die Zeit: Oktober 1944. Der Ort: ein grimmer deutscher Forst namens Hürtgenwald.

Trauma für die US-Armee, die hier Tausende tapferer Soldaten verlor. Kulminationspunkt des neuen Romans von Steffen Kopetzky, der „Propaganda“ heißt. Denn John Glueck, der Ich-Erzähler des Romans, ist Propaganda-Offizier. Schriftsteller wäre er gerne auch, aber gebracht hat er es bisher nur zum Literaturexperten eines Propaganda-Blatts. Und als solcher ist er auch im Hürtgenwald: Immerhin haben sowohl Ernest Hemingway als auch Jerome D. Salinger an dieser Schlacht teilgenommen. Der eine, Hemingway, als Kriegsberichterstatter, der wenig zu berichten hatte. Der andere, Salinger, als Soldat und Untergebener eines heftigen Trinkers. In Steffen Kopetzkys Roman jedoch erreicht John Glueck den Hürtgenwald allein, als schriftstellerische Vorhut sozusagen, vor allem aber seltsam erleuchtet. Denn John Glueck, Enkel eines kölschen Großvaters, Sohn einer "deitschen" Mutter aus Pennsylvania, brennt für die deutsche Kultur.

"Deutschland! Jetzt setzte ich meine ersten Schritte auf das mythische Land meiner Vorfahren. Die offizielle Alt-Reichsgrenze hatte ich im Lastwagen von Sergeant Washington überschritten. Wir waren an großen Warnschildern für die Truppen vorbeigekommen: You are entering Germany! Doch nun stand ich nicht nur mit meinen eigenen Füßen auf deutschem Boden, sondern ging sogar durch einen deutschen Wald …"

Wie eine Fußnote an jedem historischen Großereignis

Hörbar ist dieser John Glueck ein Idealist, der sowohl an das amerikanische Freiheitsversprechen wie an die deutsche Hochkultur und skandalöserweise sogar an die preußische Kriegskunst glaubt.

Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky

Außerdem ist er eine für seinen Autor charakteristische Figur. In Romanen wie "Der letzte Dieb" oder "Risiko" hat Steffen Kopetzky lustvoll die Geschichte geplündert und dabei gerne besonders aberwitzige Anekdoten akkumuliert. Aus John Glueck hat er gleich eine Art Forrest Gump gemacht – einen Kerl, der wie eine Fußnote an jedem historischen Großereignis klebt. Denn nicht nur war Glueck im Hürtgenwald dabei, er ist anno 71 auch in die Publikation der berühmten Pentagon Papers verwickelt, Dank derer die Öffentlichkeit lauter unangenehme Wahrheiten über den Vietnamkrieg erfuhr. Tatsächlich sitzt Glueck, als er seine Geschichte erzählt, gerade im Knast, was vielleicht nicht originell, aber sehr beziehungsreich ist.

"Deutschstunde" hieß mal ein Roman mit ähnlicher Erzählsituation. "Amerikanischstunde" könnte dieser heißen. Der Knast übrigens, in dem der aufrechte Glueck einsitzt, liegt in Hannibal, Missouri, einem Ort, der zufälligerweise die wahre Heimat von Huck Finn und Tom Sawyer ist. Und von Huck Finn, das wissen wir von Hemingway, kommt ja die ganze amerikanische Literatur her, von der Steffen Kopetzy so viel wie nur möglich in seinen Roman gepackt hat. Jerry Salinger, Charles Bukowski oder Whit Burnett kommen leibhaftig vor, Papa Hemingway aber ist vor allem. Groß und fett und betrunken ragt er auch noch aus diesem Roman. – Im Auftrag der Propaganda treibt Glueck den Posterboy der US-Literatur tatsächlich zunächst in Frankreich auf, als waffenstarrenden, lebensmüden Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann.

"Hemingway schleppte sich mit beständigem Kopfweh, Sprachstörungen, Schlaflosigkeit und Dauerkater von Tag zu Tag, und dabei kochte er im Fegefeuer einer epochalen Midlife-Crisis. So schaurig es klingt: Er wollte tatsächlich lieber draufgehen und einen einwandfreien Heldennachruf ernten – oder in eine richtige, blutige Hölle kommen, über die er endlich hätte schreiben können."

Eine Geschichte, die ihre eigene Sprache spricht

Steffen Kopetzky kann hörbar gut schreiben: Er hat Tempo, er hat Vorstellungskraft, er kann beschreiben und beschwören, er hat sogar Humor, was in deutschen Romanen bekanntlich eher selten ist, und er hat auch genug Selbstbewusstsein, um Hemingway – gekonnt – zu seiner Figur zu machen oder allen Ernstes eine der schlimmsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs zu beschreiben. Da ist reiche Kenntnis von Nutzen, andernorts steht sie Kopetzky eher im Weg. So unterhaltsam der junge John Glueck ist, so enervierend können die Vorträge des Alten sein, der sich nach einem unfreiwilligen Bad in Napalm-Resten in seiner amerikanischen Haut nicht mehr wohlfühlt. Hier wäre weniger mehr gewesen, zumal die erzählte Geschichte doch ihre eigene Sprache spricht. Steffen Kopetzky ist Jahrgang 1971. Wilder als seine Generation hat dieses Amerika keine geliebt. Und wilder als hier ist es auch lange nicht mehr geliebt worden.

Stand: 18.08.2019, 17:45