Jürgen Egyptien - Stefan George. Dichter und Prophet

Jürgen Egyptien - Stefan George. Dichter und Prophet

Jürgen Egyptien - Stefan George. Dichter und Prophet

Von Wolfgang Schneider

Der "Meister" und sein "geheimes Deutschland": zum hundertfünfzigsten Geburtstag rekonstruiert Jürgen Egyptien kenntnisreich und ohne künstliche Skandalisierung das elitäre Syndikat um Stefan George.

Jürgen Egyptien
Stefan George. Dichter und Prophet

Theiss Verlag in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft
504 Seiten
29,95 Euro.

Vor genau 150 Jahren, am 12. Juli 1868 wurde der Schriftsteller Stefan George geboren. Er starb 1933, nachdem er mit seinem lyrischen Werk zur einflussreichsten Dichterpersönlichkeit in Deutschland nach der Jahrhundertwende geworden war. Seine Ideenwelt strahlte aus bis in die Reformpädagogik. Stefan George – bis heute faszinierend, aber auch umstritten. Zum Jubiläum ist nun eine neue Biographie erschienen. Geschrieben hat sie ein ausgewiesener George-Experte, der Aachener Germanist Jürgen Egyptien. "Stefan George – Dichter und Prophet" lautet der Titel.

Der legendäre Kreis

Heute steht Stefan George eher in der zweiten Reihe der Literaturgeschichte. Umso mehr kann die einzigartige Wirkungsgeschichte dieses Dichters erstaunen. Sie reicht weit über alles Literarische hinaus. Der Charismatiker wurde zum Mittelpunkt einer verzweigten Geheimgesellschaft – des legendären "Kreises", zu dem vielen Autoren, Pädagogen und Gelehrte gehörten, aber auch der spätere Hitler-Attentäter Stauffenberg.

Vor knapp zehn Jahren wurde Thomas Karlaufs große George-Biographie zur Sensation in den Feuilletons – allerdings vor allem deshalb, weil sie allzu eng fokussiert als Darstellung der homosexuellen Hintergründe im Werk Georges und im Knaben-Kult seines Kreises gelesen wurde. Dagegen wendet Jürgen Egyptien in seiner neuen Biographie nun ein:

"Dass George homosexuelle Neigungen hatte, ist seit je klar gewesen und bedurfte keiner Enthüllung."

Ideenwelten

Stefan George

Stefan George

Allerdings hat die im George-Kreis so gern bemühte Formel vom "pädagogischen Eros" heute einen unangenehmen Klang, als könnte es sich dabei nur um einen Euphemismus für Übergriffigkeiten handeln. Die mag es gegeben haben; es stimmt aber auch, dass die platonisch inspirierte und homoerotisch aufgeladene Idee einer ästhetischen Erziehung für die Mitglieder des Kreises einen erhabenen Ernst besaß. Georges Prophetenpose und seine Ideenwelt mögen uns heute in Vielem fremd, pathetisch oder auch suspekt erscheinen; die Leistung dieser Biographie besteht darin, sie sachlich und detailliert zu vermitteln.

Der hohe Ton, die extravagante Sprache – Georges Lyrik wirkt feierlich und modern zugleich. Egyptien stellt dar, wie George seinen Begriff von Dichtung in schroffer Abgrenzung vom Naturalismus und vom rationalistisch-wissenschaftlichen Zeitgeist entwickelte. Lyrik soll reine Kunst sein. Alle "Zwecke" weist sie zurück, "wie ein edler Wein den Anspruch, den Durst zu löschen" – so hat es Georg Simmel einmal formuliert. Auch der Mitbegründer der modernen Soziologie war fasziniert von Georges Charisma.

Im Bann seiner Persönlichkeit

Spuren dieses Charismas finden sich in zahlreichen Berichten der Mitglieder des Kreises, in denen sie ihre erste Begegnung mit dem "Meister" schildern, bei der sie sogleich in den Bann seiner Persönlichkeit gerieten. So notierte der spätere Historiker Ernst Kantorowicz:

"Das Ganze war etwas so Wundervolles, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Bei allem Eifer des Gesprächs doch keine Ereiferung, bei aller Tiefe doch eine derartige Leichtigkeit, ein Über-der-Sache-sein, die sich sofort auf einen überträgt…"

Jürgen Egyptien kommentiert:

"Gerade die Briefe eines so reflektierten Intellektuellen wie Kantorowicz dokumentieren, dass Georges Gesprächsführung auf eine ‚Befreiung zu sich selbst‘ zielte und nicht auf Unterwerfung unter ein Meinungsdiktat. Es wäre läppisch, dieses Erleben als Effekt einer besonderen Form von "Verführung" zu deuten."

Das Diktum des Meisters

"Läppisch" wäre es für Egyptien wohl auch, den George-Kreis psychologisierend als eine Art Sekte mit den entsprechenden Dynamiken von Bindung und Gefolgschaft, Abgrenzung und Ausschluss entlarven zu wollen.

Friedrich Gundolf

Friedrich Gundolf

Der Biograph verschweigt aber nicht, dass die Unterwerfung unter das Diktum des Meisters befremdliche Züge haben konnte. Als der Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf, einer der prominentesten Jünger, die aus Georges Sicht falsche Frau heiratete, wurde er von verstoßen und litt unsäglich darunter.

"Als Konsequenz aus dieser Ehe verlangte George von den meisten Kreis-Mitgliedern, ihre Kontakte mit Gundolf zu beenden… Den Mega-Gau erlebte Gundolf, als George ihm auf der Straße begegnete und grußlos an ihm vorbeiging."

Ein von Freundschaft und Liebe getragenes Netzwerk

Auch Karl Wolfskehl fiel in Ungnade, weil er nach dem Verlust seines Vermögens durch die Inflation gezwungen war, als Journalist zu arbeiten – für George eine unverzeihliche Kompromittierung im verachteten Kulturbetrieb. Alle verzweifelten Treueschwüre halfen nicht gegen den Liebesentzug des Meisters, der psychische Gewalt effektiv einzusetzen wusste.

Ausführlich erläutert der Biograph die mythischen und literarischen Bezüge vieler George-Gedichte. Vorzüglich arbeitet er die Ambivalenzen in dessen Dichten und Denken heraus, etwa in seiner Einstellung zum Ersten Weltkrieg oder zum Nationalsozialismus. Durch den Kreis ist Georges Leben und Werk eng mit Dutzenden anderer Leben verflochten. Dieses "von Freundschaft und Liebe getragene Netzwerk" sichtbar zu machen, versteht Egyptien als Hauptaufgabe einer George-Biographie. So ist er über weite Strecken damit beschäftigt, das elitäre Syndikat verwandter Seelen, diese künstlerisch-intellektuelle Parallelwelt, die sich als "geheimes Deutschland" verstand, darzustellen. Akribisch wird eine weitgehend verschollene Geisteslandschaft rekonstruiert. Darüber geht gelegentlich allerdings der erzählerische Zug der Biographie verloren. Wer sich jedoch für das Werk Georges und seine ideengeschichtlichen Hintergründe interessiert, der bekommt hier ein verlässliches und ungemein kenntnisreiches Buch in die Hand.

Jürgen Egyptien: "Stefan George: Dichter und Prophet"

WDR 3 Buchrezension | 13.07.2018 | 05:49 Min.

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Stand: 11.07.2018, 19:21