Leander Steinkopf - Die Stadt der Feen und Wünsche

Leander Steinkopf - Die Stadt der Feen und Wünsche

Leander Steinkopf - Die Stadt der Feen und Wünsche

Von Hannah Rau

Vor der Kulisse von Berlin zeichnet Leander Steinkopf das authentische Porträt einer narzisstischen Generation und ihrer Suche nach Individualität.

Leander Steinkopf
Die Stadt der Feen und Wünsche

Hanser Berlin, 2018
112 Seiten
16 Euro

Ein Motto vorweg

"Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum im eigenen Leben die Erfüllung wieder."

Leander Steinkopf schickt seiner Erzählung ein Motto vorweg, das keine Zweifel über Tradition und Gattung seiner Stadtgeschichte offen lässt. Er zitiert Walter Benjamin und damit jenen Kulturkritiker, der das Konzept der Flanerie auf die moderne Stadt übertragen hat. Doch anders als in Benjamins autobiographischen Miniaturen der "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" treibt Leander Steinkopfs Erzähler keine kindliche Neugier an. Er entziffert keine geheimen Botschaften, sondern entlarvt mit ironischer Distanz und in klar strukturierten Sätzen das offensichtlich Kaputte:

"In der Müllerstraße kostet ein Döner zwei fünfzig, neue Schuhe kosten das Doppelte. Kleidergeschäfte riechen wie Chemielabors. Alle hundert Meter gibt es hinter verklebten Schaufenstern ein Automatenkasino, dort verspielen junge Männer das Tageslicht."

In der Anonymität der Masse

Der Ich-Erzähler ist kein Flaneur, wie ihn das 19. Jahrhundert kannte. Die großbürgerliche Attitüde ist ihm fremd, er möchte sich nicht ausstellen. Auch taucht er nicht willentlich ab in der Anonymität der Masse. Vielmehr geht er darin zugrunde. Und damit ist er einer von vielen:

"Wir rüsteten uns mit Kühle gegen Enttäuschung, ließen niemanden heran und trugen eng am Körper, was uns wertvoll war. Wir behüteten unser Alleinsein und nannten es Freiheit (...). Doch manchmal brauchten wir Nähe, dann brach es aus uns heraus, und die Menschen, die wir dann so dringend brauchten, zitterten vor unserem Appetit."

Auf der Suche nach Individualität

Autor Leander Steinkopf

Leander Steinkopf

Leander Steinkopf hat selbst mehrere Jahre in Berlin gelebt und dort Psychologie studiert. Er ist 1985 geboren. Damit dürfte er in etwa gleich alt sein, wie sein Ich-Erzähler, von dem wir kaum etwas erfahren. Zwar wissen wir, dass er im Wedding wohnt und dass er gleich mit zwei Frauen eine Beziehung probiert, doch seine Sehnsüchte und auch sein Scheitern bleiben letztlich schemenhaft. Er beobachtet sich, seine Umgebung und seine Mitmenschen, ohne sich wirklich einzufühlen. Das erweist sich jedoch nicht als Schwäche, sondern schärft den Blick dafür, dass Leander Steinkopf hier in essayistischer Form einen Typus skizziert.

Seine Erzählung handelt von all jenen, die auf der Suche nach Individualität in Berlin stranden. Von jener jungen Mittelschicht, die es sich leisten kann, hier ein Studium zu beginnen, ohne jemals eine Universität zu besuchen. Und von ihrer Verzweiflung, deren Tragik darin liegt, dass sie "Massenware" ist – wie es einmal zynisch heißt.

"Alle kommen mit so großen Erwartungen hierher, dass der Gedanke undenkbar wird, dass hier nur Mittelmaß zu finden ist. Und alle Enttäuschten fühlen sich allein mit ihren Gefühlen, sie wagen sie nicht auszusprechen, sie wollen nicht klein sein in dieser großen Stadt."

Überall dabei, doch bitte kein Teil davon

Die "Stadt der Feen und Wünsche" ist nur aus der Ferne verheißungsvoll, nur für Touristen attraktiv, die das Abenteuer Berlin einmal ausprobieren wollen. Doch das Buch ist keine Abrechnung mit Berlin. Zwar tauchen darin leider auch klischeebehaftete Hipster-Cafés und Helikoptermuttis auf, letztlich geht es aber um Einsamkeit und Narzissmus. Es ist ein Buch über den Wunsch, überall dabei zu sein und doch bitte bloß kein Teil davon. Und für diesen Wunsch gibt es keine bessere Fee als Berlin.

"Rot steht das Licht am Himmel, dann rosa, dann lila, dann blau. Die Stadt verfärbt sich wie ein Bluterguss. Und ich fühle mich plötzlich einsam, da ich nicht weiß, wen ich anrufen würde, um mir den Weltuntergang nicht allein anschauen zu müssen (...). Es macht mich fast panisch, so verlassen fühle ich mich."

Stand: 09.06.2018, 15:29