Buchcover: "Irgendwo. Aber am Meer" von Arnold Stadler

"Irgendwo. Aber am Meer" von Arnold Stadler

Stand: 25.04.2023, 12:00 Uhr

"Irgendwo. Aber am Meer" heißt der neue Roman von Arnold Stadler, und irgendwo am Meer sucht und findet sein Erzähler Heilung von den Zumutungen der Gegenwart und Vergangenheit, von seiner Unzeitgemäßheit und seinem Heimweh. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Arnold Stadler: Irgendwo. Aber am Meer.
S. Fischer Verlag, 2023.
224 Seiten. 24 Euro.

"Irgendwo. Aber am Meer" von Arnold Stadler

Lesestoff – neue Bücher 25.04.2023 05:32 Min. Verfügbar bis 24.04.2024 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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Arnold Stadler ist einer der musikalischsten Autoren deutscher Sprache. Da ist der Rhythmus der Texte, ihr poetischer Flow, der sich an bestimmten Worten berauscht. Wie ein Jazzmusiker improvisiert Stadler über immer wiederkehrende Themen und Motive, schweift ab, spielt mit bestimmten Phrasen, greift sich eine Melodie heraus, um daraus ein Solo zu entwickeln.

Sein letzter Roman "Am siebten Tag flog ich zurück" kam ganz ohne fiktive Figuren aus und so ziemlich ohne Plot – es war eine literarische Recherche am Sehnsuchtsort Kilimandscharo, angesiedelt zwischen autofiktionalem Roman und essayistischer Reisereportage.

Wo "Am siebten Tag flog ich zurück" endet, macht "Irgendwo. Aber am Meer" weiter. Auch dieses Buch trägt die Gattungsbezeichnung Roman, und auch dieses handelt von einem Ich, das man mit dem Autor verwechseln darf. Zu Beginn macht der Erzähler das, was Schriftsteller zwischen zwei Büchern zu tun pflegen: Er fährt zu einer Lesung, um seinen Kilimandscharo-Text vorzustellen und mit einem Kollegen über den Begriff "Heimat" zu sprechen.

Die Veranstaltung auf Schloss Sayn ist ein Desaster – der Autor wird von Fragen zu Klimaschutz und Greta Thunberg überrumpelt. Und das Erzähler-Ich redet sich schließlich um Kopf und Kragen. Die Lesung löst eine Art Selbstekel aus oder ein Trauma oder beides zusammen, und die hochtourige Reflexions-, Sprach- und Schammaschine lässt sich nicht mehr stoppen.

"Irgendwo im Lauf der Zeit war mein Leben umgekippt. Und nun erfuhr ich es zum ersten Mal 'so richtig', wie man sagte. Das Schicksal hatte für mich dafür einen Abend auf Schloss Sayn ausgewählt, ausgewühlt, ausgewohlt, ausgewöhlt, ausgewallt, ausgewellt, ausgewillt, ausgewollt, ausgewullt…"

Der Erzähler ertappt sich dabei, einen Blick von außen auf sich selbst zu richten. Und erscheint sich dabei als "alter weißer Mann", der noch immer "ich" sagt. Eine Zumutung eigentlich in den ausgehenden 10er-Jahren des 21. Jahrhunderts.

"Sie hatten mich auf Sayn zur Rede gestellt, im Grunde aus Enttäuschung, weil ich es war, und nicht Greta Thunberg."

Stadler weidet sich an diesem Unglück, irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Aber hinter ironischen Gesten und komischen Situationen steckt eine tiefe Melancholie, ein stechender Schmerz – der nicht nur mit dem Älterwerden zu tun hat, sondern mit dem lebenslangen Gespür für Vergeblich- und Vergänglichkeit.

Die Rettung hat wiederum mit einer Reise an einen Sehnsuchtsort zu tun. Griechenland: Das "ortlose Heimweh", die eigentliche Triebfeder von Stadlers Schreiben, soll hier Linderung erfahren, die eigenen "Vogelscheuchensätze" ihr Schampotential verlieren, der Vorwurf, nur "weißes Altmännergeschwätz" von sich zu geben, gemildert werden. In mäandernden, abschweifenden, an Wörtern sich festbeißenden, dann assoziativ weiterschlendernden Sätzen geht es durch eine Schreibkrise, eine Ich-Krise, eine Erinnerungskrise und in ein Häuschen mit Blick auf Ithaka, in die Schreibklause.

"Ich hatte nicht vor, das traurigste Buch des Jahres zu verfassen. Aber vielleicht bliebe mir am Ende gar nichts anderes übrig, bei dieser Welt!"

Die verwechselbar gewordene Welt, die vergehende Zeit, der nie vergehende Schmerz, die gegenwärtige Aufrüstung der Sprache, der aktuelle Krieg und die früheren, die Gier nach Macht, Sex und Geld, Melina Mercouri und Aristoteles, Sokrates, Homer, Onassis – die Gedanken wirbeln im Ich nur so umher und durcheinander, sie schieben sich gegenseitig an, werden variiert und infizieren den nach Glück suchenden Verstand mit Missmut und Wut.

Und doch ist da dieser Ton Stadlers, der das Ganze auch zu einem heiteren Spiel macht, die Tragödie zu einer Komödie. Die musikalische Sprache selbst überwindet den Missklang des Grübelns. Und auf der Rückfahrt scheint das Ich in seiner existenziellen Unbehaustheit sich doch wiederzufinden.

"Bald war ich über Ithaka hinaus, an Ithaka vorbei. Ich war bestenfalls eine Romanfigur, die auf einer Fähre, die Asterion II hieß, allein in der Nacht unterwegs war, an Ithaka vorbei."

Das ist vielleicht das Geheimnis: Dass das Ich sich schließlich als Romanfigur wahrnimmt. Und über diese Figur kann geschrieben werden. Sie kann auch im Schreiben gerettet werden. Auf dem Meer, zwischen zwei Seinsweisen, zwischen Mythen- und platter Gegenwartswelt. Und der Leser darf sich von einzelnen Sätzen getröstet fühlen, von einem alten weißen Mann, der noch immer "ich" sagt.