"Dilemma" von Edward St. Aubyn

Buchcover: "Dilemma" von Edward St. Aubyn

"Dilemma" von Edward St. Aubyn

Hunter Sterling, ein Selfmade-Milliardär, fördert ausgefallene naturwissenschaftliche Projekte und stellt dazu ein Team aus Experten zusammen, deren Wissen und Neurosen einen Wirbel amüsantester Verwicklungen in Gang setzen.
Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Edward St Aubyn: Dilemma
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
Piper Verlag, 2021.
288 Seiten, 25 Euro.

"Dilemma" von Edward St. Aubyn

Lesestoff – neue Bücher 03.12.2021 05:11 Min. Verfügbar bis 03.12.2022 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


Download

Ein Jäger auf der Pirsch

Hunter Sterling, der amerikanische Selfmade-Milliardär, ist genau was sein Name sagt: ein Jäger auf der Pirsch nach Gewinn. Mit einer doppelten Agenda: einerseits seinen Schnitt zu machen und gleichzeitig die Wissenschaft zu fördern,

"von der Milliardärsgemeinde so oft zugunsten von Kunst, Tieren, der Oper, dem Mars, niedlichen Waisen oder berühmten Krankheiten vernachlässigt. Es war schwierig noch Eindruck zu machen, wenn Bill Gates sich schon die Malaria gesichert hatte und dem Metropolitan Museum mehr Spenderflügel wuchsen als einer mutierten Fruchtfliege."

Glückswellen per Helm

Hunters Phantasie, durch Drogen zu mentalen Höchstleistungen gepeitscht, sprengt alte Grenzen. Er lässt zum Beispiel einen "Nirwana"-Helm entwickeln, in den die Gehirnwellen tiefenentspannter, wunschloser Menschen eingespeist werden, um später die Gehirne anderer Helmbenutzer mit diesen Glückswellen zu fluten. Für seine ehrgeizigen Zukunftsprojekte fischt er im Tümpel der Wissenschaft nach genialen und originellen Experten.

"Ich glaube an außerordentliche Menschen, Lucy; ich glaube an Bahnbrecherinnen und Weltveränderer, und ich hoffe, Sie sind so eine, denn nur solche möchte ich in meinem Team haben."

Expert:innen aus verschiedenen Bereichen

Hunter wirbt nicht nur Lucy an, eine großartige Netzwerkerin im Wissenschaftsbetrieb. Auch ihr Adoptivvater spielt mit, ein auf die Behandlung Schizophrener spezialisierter Psychiater. Dazu die Biologin Olivia, ihre beste Freundin, die gerade eine Beziehung mit Francis begonnen hat, Naturwissenschaftler mit einem visionären Anliegen: er will ein durch industrielle Land- und Forstwirtschaft ruiniertes Waldgebiet zurückwildern.

"'Wilding' war kein Fantasieprodukt einer Rückkehr zu jenem ursprünglichen Land, von Verkehr befreit und mit ausgestorbenen Arten gefüllt, sondern vielmehr der Versuch, die Dynamik unregulierter Landschaft zu verstehen und sie wieder in die moderne Welt einzuführen."

Auch so ein Projekt, auf das Hunter Sterling sofort anspringt. Mit seiner alle Widerstände niederwalzenden Dynamik stellt er eine zum Teil ziemlich freakige Mannschaft zusammen, mitsamt ihren Psychosen und Neurosen, Krankheiten und Bindungsängsten, ihrer Verführbarkeit und ihren heimlichen Erwartungen.

Ironisch bis boshaft

Ein ziemlich verrücktes und amüsantes Werk, getragen von Edward St Aubyns trocken-sarkastischem Stil, dem Markenzeichen seiner berühmten halbautobiographischen "Patrick Melrose" - Romane. In seinem neuen Buch "Dilemma" ist dieser Sarkasmus zwar gedämpfter, doch auch das reicht aus, um seine Protagonisten mit ironischen bis boshaften Betrachtungen zu umkreisen und zu durchleuchten.

"'Ich rieche Geld!' – 'Wirklich?' fragte Lucy. 'Wie riecht das denn?' – 'Nach Freiheit', sagte Saul. –'Und wie riecht Freiheit?' fragte Olivia. – 'Nach Geld', sagte Saul. – 'Okay, totale Übereinstimmung also', sagte Lucy."

Wissenschaft als Romanthema

Und damit macht der Autor auch die zweite Schicht des Romans genießbar: die moderne Wissenschaft. Genetik, Botanik, Quantenphysik, Psychologie, Mikrobiologie, Gehirnforschung - kaum ein Bereich, den er nicht zumindest streift. Mit Hilfe von zum Teil urkomischen Dialogen klopft er die komplizierten, sperrigen Stoffe so weich, dass Leser und Leserin sich nicht resigniert und gelangweilt abwenden – und befindet sich dabei in bester Gesellschaft.

Auch andere Autorenkollegen wie Margaret Atwood, Ian McEwan, Richard Powers oder Dietmar Dath haben die moderne Wissenschaft als Romanthema entdeckt  - ihr Weg, sich mit den aktuellen Problemen einer gebeutelten und gefährdeten Erde zu befassen.

Edward St Aubyn handelt das lockerer und manchmal ziemlich flapsig ab, gewürzt mit einer Prise Gesellschaftssatire - und mit zwar verkappten, aber durchaus erkennbaren Anfällen von Moral. "Wilding" zum Beispiel, beobachtet Frances,

"hat eine ganz eigenartige Wirkung auf die Menschen. Wenn sie an einem Ort herumlaufen, der überhaupt nicht ausgebeutet wird, können sie sich mal von der Frage erholen, was sie selbst alles ausbeuten wollen."

Stand: 28.11.2021, 16:46