Vanessa Springora - Die Einwilligung

Buchcover: "Die Einwilligung" von Vanessa Springora

Vanessa Springora - Die Einwilligung

Von Holger Heimann

Ein Buch, das in Frankreich ein Beben ausgelöst hat. "Die Einwilligung" erzählt von sexuellem Missbrauch im Pariser Intellektuellenmilieu.

Vanessa Springora: "Die Einwilligung" WDR 3 Buchkritik 05.08.2020 05:36 Min. Verfügbar bis 05.08.2021 WDR 3

Ein Buch, das in Frankreich ein Beben ausgelöst hat. Vanessa Springoras "Die Einwilligung" erzählt von sexuellem Missbrauch im Pariser Intellektuellenmilieu.

Vanessa Springora: Die Einwilligung
Aus dem Französischen von Hanna van Laak.
Blessing Verlag, München 2020
176 Seiten, 20 Euro.

Die französische Zeitung "Le Monde" veröffentlichte 1977 einen offenen Brief, der nicht weniger als die Legalisierung sexueller Beziehungen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen forderte. Unterschrieben war er von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Roland Barthes, Gilles Deleuze und anderen Starintellektuellen des Landes. Initiiert und verfasst hatte das Schreiben Gabriel Matzneff, zu jener Zeit eine feste Größe der Pariser Literatenwelt. Der Autor war berühmt dafür, seine sexuellen Obsessionen in Tagebüchern und Essays offen auszustellen. In dem Buch "Die unter 16-Jährigen", mit dem er einem breiteren Publikum bekannt wurde, schrieb Matzneff 1974: "Wenn Sie einen 13-jährigen Jungen, ein 15-jähriges Mädchen in den Armen gehalten, geküsst, gestreichelt, besessen haben, wirkt alles andere fad, schwerfällig, reizlos." Gestört hat sich an den pädophilen Neigungen des Schriftstellers keiner seiner Freunde und Bewunderer. Bis jetzt. Denn nun gibt es das autobiografische Buch von Vanessa Springora. 

Als 13-jähriges Mädchen, das ohne Vater und mit einer überforderten Mutter aufwächst, gerät sie Mitte der 1980er Jahre in den Bann Matzneffs. Der Schriftsteller ist dreimal so alt und versteht es, seinen Charme zielsicher einzusetzen. Alles beginnt bei einem Abendessen, zu dem das Mädchen seine Mutter begleitet.

Bei Tisch sitzt er mir schräg gegenüber. Eine beeindruckende Erscheinung, unübersehbar ein schöner Mann von undefinierbarem Alter trotz seiner vollständigen, sorgfältig gepflegten Glatze, die ihm das Aussehen eines buddhistischen Mönches verleiht. Sein Blick folgt mir unaufhörlich, registriert jede noch so winzige Geste von mir, und als ich es endlich wage, mich ihm zuzuwenden, lächelt er mir mit diesem Lächeln zu, das ich vom ersten Moment an mit einem väterlichen Lächeln verwechsle. Der Mann, der, wie ich schnell begreife, Schriftsteller ist, versteht es, mit schlagfertigen Repliken und punktgenau platzierten Zitaten alle am Tisch in seinen Bann zu ziehen, er kennt die Codes des mondänen Diners aus dem Effeff. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, brandet überall Gelächter auf, aber sein Blick verweilt immer auf mir, amüsiert, fasziniert. Noch nie hat ein Mann mich so angesehen.

Vanessa Springora erzählt präzise und ohne die eigene frühere Faszination zu verhehlen davon, wie Matzneff, der im Buch nur G. oder G. M. heißt, sie als Heranwachsende umwirbt, manchmal schreibt er zweimal täglich leidenschaftliche Briefe. Bald schon überredet er Vanessa, ihn in seine kleine Mansardenwohnung zu begleiten. Dort gibt es nur einen Platz zum Sitzen: das Bett. Später spaziert das ungleiche Paar Hand in Hand durch Paris, besucht Museen und Theater. Wer das anstößig findet, wird als Spießer abgetan. Ab und an gibt es sogar gemeinsame Abendessen mit Vanessas Mutter, die nach anfänglichen Bedenken nichts gegen das Liebesverhältnis ihrer Tochter einzuwenden hat. Das Mantra der Zeit lautet: "Es ist verboten zu verbieten." Hinzu kommt:

In unserem unkonventionellen Umfeld aus Künstlern und Intellektuellen werden Verstöße gegen die Moral nicht nur toleriert, sondern sogar mit einer gewissen Bewunderung aufgenommen. Und für uns ist es doch letztlich eher schmeichelhaft, dass G. ein berühmter Schriftsteller ist.

Für den Künstler gelten offensichtlich andere Regeln. Er erhebt sich nicht nur über allgemeine Moralvorstellungen. Er scheint auch über dem Gesetz zu stehen. In Frankreich sind sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen unter 15 Jahren strafbar. Matzneff wird zwar aufgrund anonymer Anschuldigungen mehrfach von der Polizei vorgeladen, überdies statten ihm Mitarbeiter des Jugendamts einen Besuch ab. Aber all das bleibt ohne Folgen, möglicherweise halten einflussreiche Politikerfreunde ihre schützende Hand über den Schriftsteller. Springora schreibt süffisant:

Jeder andere, der beispielsweise in den sozialen Netzwerken die Beschreibung seiner Eskapaden mit einem philippinischen Jungen veröffentlichen oder mit der Sammlung seiner vierzehnjährigen Geliebten prahlen würde, bekäme es auf der Stelle mit der Justiz zu tun und würde als Krimineller betrachtet werden. Abgesehen von den Künstlern, gehen nur Priester in solchen Fällen straflos aus.

Dieses schonungslose Protokoll eines Missbrauchs streift nur kurz die Stationen einer schmerzlichen Loslösung und eines langen Leidensweges, der gekennzeichnet ist von wiederkehrenden Panikattacken, Alkoholmissbrauch, Psychiatrieaufenthalten und jahrelangen Therapien. Matzneff torpediert diesen Prozess einer schwierigen Selbstfindung, indem er Vanessa zur fiktiven Figur macht. In mehreren Büchern überhöht er die asymmetrische Beziehung zur idealen Liebe und brandmarkt die Trennung als Verrat. Mit ihrem erschütternden Erinnerungsbuch, das der "Mee Too"-Debatte ein weiteres Kapitel hinzufügt und in Frankreich Anfang des Jahres ein regelrechtes Beben ausgelöst hat, ist es Springora eindrucksvoll gelungen, sich von dieser Vereinnahmung zu befreien und die Hoheit über die eigene Biografie zurückzuerobern. Zugleich hält sie einer Zeit den Spiegel vor, in der eine intellektuelle Elite so sehr die Provokation liebte, dass sie sich für deren zerstörerische Folgen nicht im mindesten interessierte.

Stand: 05.08.2020, 14:53