John Banville - Spaziergänge durch Dublin

John Banville - Spaziergänge durch Dublin

John Banville - Spaziergänge durch Dublin

Von Hannelore Hippe

Ein Streifzug durch die Stadt und das eigene Leben – John Banville versammelt seine ganz eigenen Dubliner Geschichten.

John Banville
Spaziergänge durch Dublin

Aus dem Englischen von Christa Schuenke#
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
263 Seiten
22 Euro

Cicero hat immer einen Plan

Wer John Banville, vielleicht dem größten lebenden Grandseigneur irischer Fabulierkunst, auf seine "Spaziergänge durch Dublin" folgt, sollte sich gut festhalten. Nicht weil er mit seinem Freund, dem Alleswisser Cicero in dessen rotem Oldtimer Flitzer durch das heutige Dublin braust. Cicero hat, wie man erfährt, grundsätzlich immer einen Plan, sein ganzes Leben ist ein einziger Plan und so kann man dem Leser erst einmal raten: Legen Sie den Stadt-Plan von Dublin weg, falls Sie ihn überhaupt hätten konsultieren wollen. "Dubliner Spaziergänge" - Erwartet man bei dem Titel nicht eine kurzweilige Anleitung von John Banville in Dublin an die Hand genommen zu werden? Will man mit seiner Hilfe nicht gleichsam literarisch wertvoll durch eine der ausgebeutesten Städte der Welt streifen? Ausgebeutet im Sinne von in der Literatur verwertet und verwendet. An halbgeheime Orte, die die Fantasie kidnappen und die fast niemand kennt. Das macht er nicht. Oder doch?

"Die Iveagh Gardens haben natürlich ihr eigene Vergangenheit. Zum ersten Mal öffentlich erwähnt werden sie Mitte des achtzehnten Jahrhunderts unter der Bezeichnung Leeson´s Fields.... Ich sehe uns noch dort, so klar wie der Septembertag es war, wie wir mit raschem Schritt die Kieswege neben den angenehm ungepflegten Rasenflächen entlanggingen, dort unter jenen ruhelosen Bäumen, auf der Suche nach einer abgeschiedenen Stelle, wo wir uns niederlassen könnten."

Eigene Reminiszenzen aus sprudelnden Lebensabschnitten

"Wir", das sind Banville und eine Angebetete seiner Jugendtage. Diese Liebe war, wie er sich beeilt uns mitzuteilen, eine lächerliche Totgeburt, aber schnell kommt dem Leser die Erkenntnis: Ein Schriftsteller, der nun in die Jahre gekommen ist, wo man spätestens schon mal selbst an eine Biografie denkt, wenn es schon andere nicht tun, könnte doch geschickt eigene Reminiszenzen aus den sprudelnden Lebensabschnitten, Kindheit und Jugend einfließen lassen. Diesen Gedanken nimmt Banville auch gern auf. Die Wahlheimatstadt zu präsentieren und gleichzeitig autobiografische Schnappschüsse auf eleganteste Weise miteinander verweben. Tut er.

"Nach unserem späten Frühstück kam der Ausflug "in die Stadt" an die Reihe. Ich bilde mir ein, wir stiegen an der Haltestelle Baggot Street in den Bus Linie 10 und fuhren ins Zentrum. Ertappt halte ich einen Moment inne, erinnere mich an die Baggott Street Bridge und den Blick nach Norden. Nach Norden? Stimmt das?"

In Dublin regiert die "gute Story"

John Banville

John Banville

So beginnt Banville die Beschreibung eines Ausflugs in das Dublin der fünfziger Jahre, einmal im Jahr durfte er dorthin fahren, der Besuch bei Tante Nan krönte traditionell seinen Geburtstag. Mit ihr lebte später der Jüngling in einer damals gar nicht so seltenen Alters -Teenie WG zusammen. Just in derselben Straße, wie wir sogleich erfahren, in der er der spätere Erfolgsautor seinen Krimihelden den Pathologen Quirke unterbringen wird. Und an dieser Stelle sei auf den Hang Banvilles zur Selbstverliebtheit und Selbstreferenz hingewiesen. Einen Hang, den wir auch in seinen Romanen finden und den er auf seinen, teilweise sehr skrurrilen Dubliner Spaziergängen nicht wirklich kontrollieren mag.

Hier lässt er sich übrigens nicht nur von Freund Cicero, sondern auch vom Fotografen Paul Joyce begleiten. Jedes der Schwarzweiß Fotos, die akribisch und äußerst liebevoll Banvilles Streifzüge bebildern ist selbst ein kleines Juwel. Niemand vermag den Charme von simplen Backsteinen so einzufangen wie Paul Joyce. Wen die Banvillesche Selbstverliebheit und der Wasserfall an Namen, die einem außerhalb Irlands wenig sagen nicht stören, und der Meister macht es uns leicht, ihm zu vergeben, der begegnet, natürlich auch allen, die aus Dublin stammen und hier entweder Literarisches geschaffen oder das Weite gesucht haben um weit weg von Dublin literarisch etwas zu schaffen: Patrick Kavanagh, Brendan Behan, Samuel Beckett, Oscar Wilde, Flann O´Brien und , klar, einer von ihnen ist omnipräsent – schwebt über ganz Dublin und hat laut Aussage des Autors diese Stadt so ausgeschlachtet wie kein anderer. Und damit für die literarischen Nachfolger einen ausgeweideten Kadaver zurückgelassen. John Banville ist auch ein begnadeter Tratscher.

Etliche seiner witzigsten Geschichtchen hat Banville in den immens vielen und immens lesenswerten Fußnoten verborgen.

"Ein Freund von mir traf vor vielen Jahren einen Priester, der früher am Belvedere College gearbeitet hatte. Er unterhielt sich mit ihm und war so unvorsichtig,... den Namen Joyce zu erwähnen. Die Folge war ein jähes, zentnerschweres Schweigen, das der ehrwürdige Pater schließlich brach, indem er sich räusperte, zur Decke hinaufsah und murmelte: Ach ja, der Joyce. Nicht unbedingt einer unserer Erfolge."

Wir merken uns: In Irland und seiner Hauptstadt Dublin regiert immer und unter allen Umständen die "gute Story". Banville und sein Buch sind voll davon.

John Banville - Spaziergänge durch Dublin

WDR 3 Buchrezension 18.07.2019 06:01 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 WDR 3

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Stand: 15.07.2019, 17:22