Simone Meier - Kuss

Simone Meier - Kuss

Simone Meier - Kuss

Von Oliver Pfohlmann

Ein lustvoll-klug gemischtes Quartett: Simone Meier beobachtet Großstadtmenschen im mittleren Alter.

Simone Meier
Kuss

Kein & Aber, Zürich 2019
256 Seiten
22 Euro

Ein Ort des "großen Aufatmens"

Simone Meiers neuer Roman beginnt auf dem Klo. Der stille Ort mag ein ungewöhnlicher Schauplatz sein, zumal für den Einstieg, hat aber eine respektable literarische Tradition. Schließlich ist die Toilette der Platz, wo man ganz bei sich ist und Momente der Erleichterung erfährt. Schon James Joyce ließ seinen Leopold Bloom auf dem Abtritt seinen Gedanken nachhängen. Und Peter Handke rühmte das WC gar als Ort des „großen Aufatmens: Endlich allein!“

Auch in Meiers Roman dient der Lokus der Selbstbesinnung des Protagonisten. Denn Yanns Beziehung kriselt, seit der promovierte Politologe mit seiner Freundin zusammengezogen ist. Verschärft wird die Situation dadurch, dass Gerda ihren Job in einer Grafikagentur verloren hat. Doch statt sich zu bewerben oder, noch besser, endlich schwanger zu werden, schwindelt sie seinen Kollegen vor, sie gönne sich einfach einen unbezahlten Urlaub. Und scheint in dem frisch gemieteten Häuschen am Stadtrand ganz in der Rolle der Hausfrau aufzugehen. So schnell kann er gehen, der Rückfall von ökologisch und politisch korrekten Vorzeigehipstern in längst überholt geglaubte Beziehungsmodelle.

Simone Meier: "Kuss"

WDR 3 Buchrezension 23.04.2019 04:58 Min. Verfügbar bis 22.04.2020 WDR 3

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"Er erinnerte sich sehr gut: Ein uralter Onkel hatte seiner Schwester zu ihrem achten Geburtstag einen Schal mit Ponys drauf geschenkt, die Schwester hatte sich gefreut und den Schal auseinander- und wieder zusammengefaltet, immer wieder, und der Onkel hatte gesagt: Man muss den Weibern einfach was zum Aufräumen geben, damit sie zufrieden sind."

Das Biest in Ihr

Simone Meier

Simone Meier

"Kuss" ist bereits Simone Meiers dritter Roman. Schon in "Fleisch", dem Vorgänger-werk aus dem Jahr 2017, erwies sich die 49-jährige Schweizer Autorin und Journalistin als genaue Beobachterin der Beziehungsrituale heutiger Großstadtmenschen.

Mit besonderem Blick für alles Körperliche, vor allem bei Frauen mittleren Alters. Einigen bereits bekannten Figuren begegnet man nun auch in "Kuss", allen voran dem Schönling Alex, als Gesellschaftsanalytiker der Shootingstar an Yanns Politik-Institut.

Wie sich zeigt, sorgt Alexʼ Virilität bei allen Hauptfiguren des Romans für erotische Tagträume, selbst bei Yann, der als Versorger wider Willen zunehmend in eine Männlichkeitskrise gerät.
Und Gerda leistet sich mit Alex sogar, Facebook sei Dank, eine Art "imaginären Ferienflirt". Ihr Selbstvergleich mit der vielleicht berühmtesten Seitenspringerin der Literatur, Emma Bovary, hinkt freilich. Mit ihren immer wieder aufflammenden Sex- und Gewaltfantasien erinnert Yanns Freundin eher an einen weiblichen Dr. Jeckyll und Mr. Hyde.

"Es war ein Gefühl, das mit allem zu tun hatte, was an ihr nicht niedlich, friedlich und blond war. Sie bog ihren Rücken noch etwas mehr durch, etwas in ihr fletschte die Zähne und wollte rohes Fleisch schmecken. Und dann war es auch schon wieder vorbei. Und sie verwandelte sich zurück in jenes hübsche, heitere Ding, das ein wenig den Plastikfigürchen glich, die man auf Hochzeitstorten steckte. Das Biest in ihr legte sich schlafen und gab sich seinen bösen Träumen hin."

Die Bühne der erotischen Satisfaktionsfähigkeit

Komplettiert wird Meiers Protagonisten-Trio durch Valerie, die kettenrauchende Nachbarin des Paares und faszinierendste Figur des Romans: Als alleinstehende Frau Anfang fünfzig mit immer neuen "Problemzonen" hat sich die Gesellschaftsreporterin notgedrungen auf ihr – Zitat – "Verschwinden von der Bühne der erotischen Satisfaktionsfähigkeit" eingestellt. Natürlich kommt dann doch alles anders. Es ist gerade Valeries Innenleben, das Anlass für zeitdiagnostische Beobachtungen liefert, etwa über die heutige junge Generation, in all ihrer Verletzlichkeit gegenüber Helikoptereltern und "digitalen Kontrollkraken":

"Valerie war sich sicher, dass der junge Mensch von heute ein besserer war als der junge Mensch ihrer Generation. Der kleine Praktikant am Geschirrspüler zum Beispiel war viel netter, als sie es in seinem Alter je gewesen war. Mit einem strahlenden „Dankeschön!“ hatte er die schmutzigen Kaffeetassen, die sie ihm beim Nachhausegehen hingeknallt hatte, in die Maschine gefüllt, und seine Hände schienen dabei keine Tassen, sondern ängstlich pulsierende Küken zu umfassen."

Mit ihrer lustvollklugen Schreibe über urbane Menschen von heute wirkt Simone Meier wie eine Schweizer Ausgabe ihrer österreichischen Kollegin Doris Knecht. Ihr neuer Roman lebt vor allem vom kapitelweisen Wechsel der Erzählperspektive, dem changierenden Blick der Figuren auf Situationen und aufeinander. Dennoch bleibt "Kuss" bei allem Lesevergnügen unter seinen Möglichkeiten – so wie das Politik-Institut, in dem Yann und Alex über Strategien gegen rechte Populisten forschen, der "Thinktank", leider nur eine austauschbare Requisite bleibt.

Stand: 18.04.2019, 14:04