Simon Strauß - Römische Tage

Simon Strauß - Römische Tage

Simon Strauß - Römische Tage

Von Hermann Wallmann

Bildungsprogramm reloaded: Simon Strauß verschreibt sich eine italienische Reise und belebt auf nervöse Weise den klassischen Wallfahrtsort Rom.

Simon Strauß
Römische Tage

Tropen Verlag, Stuttgart 2019
142 Seiten
18 Euro

Das "Wahrnehmungsprogramm" der "Römischen Tage"

Sein erstes Buch – "Sieben Nächte" - hat er einmal informell als "Essayerzählung" bezeichnet. Auch jetzt verzichtet Simon Strauß auf eine Gattungsbezeichnung. Indes sind die lateinisch bezifferten neun Texte weder Essays noch Ezählungen. Man könnte das buchstäblich ästhetische: das "Wahrnehmungsprogramm" der "Römischen Tage" kategorisieren anhand der verschiedenen Möglichkeiten, sich in einer Stadt zu bewegen. Die deutsche Sprache stellt da feine Nuancen zur Verfügung, zum Beispiel: flanieren und streunen, schlendern und streichen. Autoren wie Peter Handke, Wilhelm Genazino oder Peter Kurzeck mögen einem da in den Sinn kommen. Jene Nuancen markieren unterschiedliche Formen und Grade von Zielgerichtetheit und Ablenkbarkeit. Sie prägen damit auch Wortschatz und Satzbau – und die Erzählgeschwindigkeit. Aber zunächst kann Simon Strauß nicht anders, als sich – exakt "zweihundertunddreißig Jahre und acht Monate nach Goethe" - in eine leidige Tradition zu stellen:

"Romfahrer denken an Romfahrer. Sonst würden sie sich gar nicht erst aufmachen. Und dann? Dann setzen sie darauf, dass sich auch ihr Geist durch den Aufenthalt reinigt und neu bestimmt, dass er von Schönheit gestreift, wiederbelebt, zumindest durchgelüftet wird. Rom als Heilanstalt – der Traum hält sich. Geht durch die Jahrhunderte."

Mehr als bildungsbürgerliche "Wiederholung“

Früh um drei Uhr habe er sich aus Karlsbad fortgeschlichen, um den Ansprüchen seiner Geburtstagsgesellschaft zu entkommen, so erklärt Goethe im September 1786 den ersten "Beweggrund" seiner italienischen Reise. Auch Simon Strauß – oder sein alter Ego – ist auf der Flucht. Aber er ist so ehrlich, dass er schon auf den ersten Seiten gesteht, er habe Goethes Buch - anderen Bekundungen zum Trotz - "erst vor ein paar Tagen zu lesen begonnen". Er leistet eine Art Abbitte, indem er sich ein Zimmer in der Via del Corso mietet, „schräg gegenüber der Casa di Goethe“. Aber letzten Endes hat er ein ganz anderes Motiv als nur die bildungsbürgerliche "Wiederholung“.

Autor Simon Strauß

Simon Strauß

"Kein Tag im vergangenen Jahr, an dem ich alleine war. Immer in Begleitung, ständig außer Haus gewesen. Abends aus fremden Fenstern geschaut, morgens beim Frühstück die falschen Menschen getroffen. Ich bin geflohen nach Rom. Um die Gegenwart abzuschütteln, das Schnipsen im Ohr loszuwerden: Mach das, zeig her, geh hin. Ich kreise und kreise und flattere dabei. Es ist noch etwas anderes: Seit ein paar Wochen schmerzt mich das Herz. Mein Rhythmus stimmt nicht mehr, durch das Stechen setzt das Herz manchmal aus, fängt dann wie aus dem Nichts wieder an zu schlagen und beschleunigt, als müsste es die versäumten Schläge nachholen."

Ein kürzeres oder längeres "Gedankenspiel"

Vielleicht ist dieses ruhefordernde Handicap ein Grund dafür, dass Simon sich auf seinen peripatetischen Erkundungen dieser Stadt der Pilger und Touristen, der Bürger und Flüchtlinge wiederholt eines erzählerischen Mittels bedient, das Arno Schmidt als kürzeres oder längeres "Gedankenspiel" bezeichnet hat: Immer wieder gibt es – musikalisch gesprochen – Fermaten, die den Strom der Wahrnehmungen unterbrechen, gleichsam Zeit geben für Innehalten und Atemschöpfen – und für das Messen des Pulses. Da kann unversehens der Kaiser Domitian aus der Loge seines Stadions treten, da hat in ihrem Haus, Via Bocca di Leone Nr. 60, die tablettensüchtige Ingeborg Bachmann nachts um vier keinen Weißwein mehr im Haus, und ein Museumswächter im Palazzo Altemps kann etwas anderes sein, als es den Anschein hat.

"Wer ist er? Ein Mann ohne Absichten, mit einer Tochter, die im Ausland studiert? Vielleicht aber auch ein Bildhauer, ein Künstler, der die Nähe der Klassiker sucht, um abends dann in seinem Atelier Gegenmodelle zu entwerfen. Welche Bedeutung hat das eigene Tun schon für die Gegenwart? Viel wichtiger ist ja, wie man von der Zukunft erinnert wird."

Simon Strauß: "Römische Tage"

WDR 3 Buchrezension 24.06.2019 05:56 Min. WDR 3

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Ein existentielles Motiv

Solche Gedankenspiele reichern nicht nur den Pointilismus eines Beobachters an, sie beleben auch die Introspektion eines jungen Mannes, der seinem Herzmuskel nicht mehr vertraut. Man kann der Inventarisierung einer Stadt, deren abgegriffene "Kenntlichkeit" Simon Strauß weder naiv bestätigt noch krampfhaft leugnet, folgen – und bisweilen sogar verfallen. Doch wie ein cantus firmus wird immer stärker ein existentielles Motiv vernehmbar: das des Todes. Zunehmend gewinnt es die Herrschaft über die Gedanken und Wahrnehmungen des "Romfahrers". Eines Nachts liegt Strauß schlaflos in seinem Zimmer, allein mit seinem „flachen Atem“, und die Erinnerung an ein metaphysisches Partygeplauder löst einen Sog panischer Assoziationen aus: Was, wenn die Eltern sterben? Er kann sich nicht daran hindern, den "Schicksalsmoment" aller Schicksalsmomente bis ins winzigste Detail schon vorwegzunehmen.

"Nein, er wird nicht kommen, sondern einfach da sein, unangekündigt und unverfroren. Wenn ich selbst irgendwo mittendrin bin, in einer Vorstandssitzung, beim Augenarzt oder in einem Hotelfahrstuhl. Das Telefon wird klingeln, und ich werde nicht abheben können, aber eine halbe Stunde später die Nachricht auf der Mailbox abhören. Was werde ich dann tun? Wohin laufen? Mit wem zuerst sprechen?"

Konfrontationstherapie, Katharsis:

Letzten Endes sind es diese durchlebten und durchlittenen Gedankenspiele, die dem Rom-Reisenden zu einer essentiellen Selbstheilung und Selbstbefreiung verhelfen.

"Zwei Monate war ich hier. Jetzt kann die Welt kommen. Das Geschehen wieder über mich hereinbrechen, Geburtstage schrecken mich nicht mehr. Mit Rom im Bewusstsein kann es gut gehen."

Stand: 23.06.2019, 21:03