Sigrid Nunez - Der Freund

Sigrid Nunez - Der Freund

Sigrid Nunez - Der Freund

Von Holger Heimann

Die berührende Geschichte einer trauernden Frau und ihrer besonderen Beziehung zu einem Hund. Ausgezeichnet mit einem der wichtigsten US-amerikanischen Literaturpreise, dem National Book Award.

Sigrid Nunez
Der Freund

Aus dem amerikanischen Englisch von Anette Grube
Aufbau Verlag, Berlin 2020
234 Seiten
20 Euro

"Es ist nicht so, dass man hoffen kann, sich schreibend über seine Trauer hinwegzutrösten."

Dieses Motto hat die bei uns bislang wenig bekannte US-amerikanische Autorin Sigrid Nunez ihrem neuen, mit dem renommierten National Book Award ausgezeichneten Roman vorangestellt. Der Satz der italienischen Schriftstellerin Natalia Ginzburg kehrt auf Seite 66 noch einmal wieder, so wie andere Zitate großer Autoren an anderer Stelle. Rilke, Kleist, Flaubert, Coetzee, Virginia Woolf, Flannery O‘ Connor und Simone Weil – sie alle werden aufgerufen. Ihre Stimmen fügen sich ein in einen Roman der Trauer. Aber Sigrid Nunez hat auch ein Buch über das Wesen der Freundschaft und über das Leben geschrieben. Eine namenlos bleibende Erzählerin, eine Schriftstellerin und Dozentin für Creative Writing, versucht mit dem überraschenden Freitod ihres besten Freundes, der einmal ihr Lehrer und für eine Nacht auch ihr Geliebter war, zurande zu kommen. So wie das Menschen in ihrer Lage häufig tun, führt sie ein kaum abreißendes Gespräch mit dem Abwesenden, einem bekannten Schriftsteller und mehrfach verheirateten Mann. Sie versucht so, die Erinnerung an den Freund lebendig zu halten.

"Unsere Beziehung war durchaus ungewöhnlich, für andere nicht immer leicht zu verstehen. Ich habe dich nie gefragt und wusste deshalb auch nie, was du deinen Frauen über uns erzählt hast."

Sigrid Nunez: Der Freund

WDR 3 Buchkritik 12.02.2020 05:18 Min. Verfügbar bis 11.02.2021 WDR 3

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Meistens ignoriert er mich

Wie die drei Ehefrauen hat kaum jemand einen Namen in dem Roman. Eine Ausnahme ist Apollo. So – wie der griechische Sonnengott – heißt der Hund, den der Verstorbene der Erzählerin hinterlässt. Die riesige, 80 Kilogramm schwere Dogge gleicht eher einem Pony und ist eigentlich viel zu groß für die kleine, gerade einmal 45 Quadratmeter messende Wohnung der Erzählerin mitten in New York. Die alleinstehende Frau nimmt Apollo eher widerwillig auf und riskiert damit die Kündigung ihres Mietvertrags. Doch schwerer wiegt, dass sie dem Hund ein Leben in einem Tierheim ersparen will. Rasch entwickelt sich eine besondere Beziehung:

"Meistens ignoriert er mich. Er könnte genauso gut allein hier leben. Manchmal nimmt er Blickkontakt auf, schaut aber sofort wieder weg. Seine großen haselnussbraunen Augen sind erstaunlich menschlich; sie erinnern mich an deine."

Der titelgebende Freund

Sigrid Nunez

Sigrid Nunez

Das außergewöhnlich friedvolle Tier wird nicht nur zum maßgeblichen Rückhalt für die Erzählerin; Apollo nimmt auch die Stelle des Verstorbenen ein. Die dringende Empfehlung, den Hund nicht in das eigene Bett zu lassen, übergeht die Erzählerin vom ersten Tag an. – "Es ist ein erstaunlicher Trost, wenn sich ein großer warmer Körper an dein Rückgrat drückt", schreibt sie.

Es gibt viele solcher Sätze in diesem unaufdringlich klugen Buch, die man sich merken möchte. Der titelgebende Freund das ist nicht allein der Verstorbene, es ist auch und immer mehr Apollo.

"Es gab eine Zeit, in der mir klarer gewesen wäre, ob es von einer geistigen Störung zeugt, wenn man einem Hund Rilkes Briefe an einen jungen Dichter laut vorliest. Ich beschließe, das Vorlesen zu einem Teil unserer täglichen Routine zu machen."

Eine große wie anrührende Offenheit

Das Buch von Sigrid Nunez hat selbst etwas von der Lebenserfahrung, der Wärme und Nachdenklichkeit der berühmten Briefe Rilkes an einen ratsuchenden jungen Dichter. In ihrer großen anrührenden Offenheit sorgen diese sehr persönlichen Notizen eines Trauerjahres, die den Leser gleichsam in die kleine New Yorker Wohnung holen, für eine Intimität ohne Enge. Das Nachdenken, das angetrieben wird von dem einen unwiederbringlichen Verlust, weitet sich behutsam zu einem Nachdenken über Verluste in einem umfassenderen Sinn. Dazu gehört die Klage über die Verarmung des literarischen und akademischen Lebens. Die Studenten der Erzählerin jedenfalls können mit Rilkes beschwörenden Worten, vor Trauer und Depression nicht wegzulaufen und die Einsamkeit zu suchen, rein gar nichts anfangen. Sie sind erschütternd pragmatisch.

"Sprechstunde. Student A ist frustriert, dass das Studium so viele Lektürekurse erfordert: Ich will nicht lesen, was andere schreiben, ich will, dass die Leute lesen, was ich schreibe. Studentin B ist besorgt, dass unter der Pflichtlektüre so viele Bücher sind, die kein Geld eingebracht haben oder nicht mehr lieferbar sind. Sollten wir nicht erfolgreichere Autoren studieren?"

Eine schwebende Meditation in Moll

Der Freund hatte sich vor seinem Freitod dazu entschieden, nicht mehr zu lehren, obwohl ihm der Unterricht einmal viel bedeutet hat. War es vielleicht vor allem die Ignoranz einer neuen Studentengeneration, die ihm das Leben vergällte? Die Suche nach Gründen, die dem mäandernden Erzählen beigemischt ist, führt immer wieder zurück zum Nachdenken über die schwindende Bedeutung der Literatur und den Beruf des Schriftstellers. Eine depressive Traurigkeit grundiert diese Meditationen in Moll, die trotzdem etwas Schwebendes haben. Der Verlust des Freundes taucht das ganze Leben der Hinterbliebenen in ein dunkleres Licht, womöglich aber sorgt diese Trauer auch für eine einzigartige Klarheit. Die Erzählerin jedenfalls bleibt – in Anlehnung an den Rat des von ihr verehrten Rilke – fest entschlossen, nicht verbissen nach Antworten auf die Fragen zu suchen, die ihr das Leben aufgibt, sondern vielmehr genau diese Fragen zu schätzen.

Stand: 10.02.2020, 13:56