Buchcover: "Landpartie" von Gary Shteyngart

"Landpartie" von Gary Shteyngart

Stand: 23.05.2022, 07:00 Uhr

Acht Menschen versuchen, die Corona-Zeit in einem Landhaus außerhalb New Yorks zu überstehen – in Gary Shteyngarts neuem Roman "Landpartie" wird aus dieser Ausgangskonstellation eine große menschliche Komödie und ein russischer Roman über die zerrissenen USA des Jahres 2020. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Gary Shteyngart: Landpartie
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl.
Penguin Verlag, 2022.
474 Seiten, 25 Euro.

"Landpartie" von Gary Shteyngart

Lesestoff – neue Bücher 23.05.2022 05:52 Min. Verfügbar bis 23.05.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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Umfangreiche Erzählung zur globalen Pandemie

Seit die Ukraine von Putins Russland überfallen wurde, ist die Pandemie in weite Ferne gerückt. Fast könnte man auf die Idee kommen, mit nostalgischen Gefühlen auf die letzten zwei Jahre zurückzublicken. Immerhin herrschte Frieden. Inzwischen sind Meldungen zur ja noch nicht beendeten Pandemie auf den Nachrichtenseiten an den Rand gedrängt.

Gary Shteyngarts neuer Roman, der von den Corona-Jahren erzählt, kommt einem merkwürdigerweise fast schon ein wenig aus der Zeit gefallen vor. Shteyngart ist nicht der erste, der die globale Seuche ins Zentrum eines Buches rückt. Aber gewiss hat er eine der umfangreichsten Erzählungen dieser uns allen in den Knochen steckenden Zeit verfasst.

Zeitgenössische Gesellschaftsbilder

"Landpartie" heißt das knapp 500 Seiten starke Buch, das nun von Nikolaus Stingl übertragen auf Deutsch vorliegt. Der große Satiriker der amerikanischen Literatur arbeitet auch hier mit den Mitteln des Humors und der Zuspitzung; er entlarvt zeitgenössische Gesellschaftsbilder und spart nicht an Selbstironie. Aber hinzu kommt nun durchaus eine bittere Note.

"[Senderovsky] war eine sehr lange Zeit seines Lebens der Schönheit nachgejagt, bis er sie eingeholt und festgestellt hatte, dass sie, wie alles andere, nicht mehr als ein, zwei Kapitel gehobener Prosa wert war."

Jetzt geht es für Senderovsky um mehr als die Schönheit, nämlich um die Existenz. Sasha Senderovsky ist wie sein Schöpfer Gary Shteyngart ein aus Russland in die USA emigrierter Schriftsteller, der mit einigen komödiantischen Romanen eine beachtliche Karriere hingelegt hat. Anders als Shteyngart aber ist Senderovsky inzwischen von der Erfolgsstraße abgekommen. Die Bungalowkolonie in Upstate New York, die er im Glanze seines Ruhms erworben hat, droht ihm wegen mangelnder Einnahmen verlustig zu gehen.

Eine bunte Gruppe privilegierter Menschen

Es ist das Jahr 2020, die Pandemie bricht aus – und wer es sich leisten kann, flieht aus New York aufs Land. Senderovsky, seine Frau Masha, eine Psychoanalytikerin, und ihre adoptierte, verhaltensauffällige Tochter Nat laden sich Gäste in die Kolonie ein: Sashas Studienfreunde Karen, millionenschwere Entwicklerin einer Dating-App mit koreanischen Vorfahren; Vinod, Kind indischer Emigranten, der sich von einer Lungenkrebs-Operation erholt und trotz seiner Genialität aus allen Karriererastern gefallen ist.

Dazu kommt Ed, ein vom Erbe seiner Eltern lebender Weltreisender; Dee, Senderovskys ehemalige Studentin, eine Mischung aus der jungen Joan Didion und Susan Sontag. Und zu guter Letzt "der Schauspieler", auf den sich alle Sehnsüchte der Gäste richten und der vor allem eingeladen wurde, weil Senderovsky hofft, mit ihm ein Drehbuch zum Abschluss zu bringen, das ihn aus seiner finanziellen Bredouille führen könnte.

Es ist eine Gruppe Privilegierter, die in den kommenden Monaten aus sicherer Entfernung und bei vorzüglichem Wein und Essen die weltweite Katastrophe beobachten will.

"(…)vielleicht haben wir Schuldgefühle, weil wir Menschen zurücklassen, die vielleicht sehr krank werden. (…) Aber nicht allzu viele Schuldgefühle, und nicht allzu krank, denn wir sind alle anständige Menschen, und wir sind hier, um dafür zu sorgen, dass uns nichts zustößt."

Kulturelles Erbe und Identitätsdebatten

Natürlich stößt ihnen eine ganze Menge zu: Erotische Verwicklungen und Liebeleien, Eifersucht und Kränkungen; es geht um Versagen und Erfolg; um Kunst und ums Scheitern an der Kunst, nicht zuletzt um das richtige Leben im falschen.

Kulturelles Erbe und Identitätsdebatten spielen auch in der Idylle eine gewichtige Rolle, und die Welt da draußen kommt manchmal bedrohlich nah: Für die Trump-Wähler der Umgebung ist die multikulturelle Gesellschaft auf ihrer Landpartie ein Fremdkörper; immer wieder scheint etwas Unheimliches und Unberechenbares auf in diesem Buch.

Kammerspiel mit abstrusen Verwicklungen

Shteyngart erzählt dieses Kammerspiel in der Façon eines russischen Romans: mit einer großen Lust am Fabulieren und Übertreiben; er springt zwischen allen Figuren hin und her, gewährt uns Einblicke in ihre jeweiligen Gefühle und Gedanken. Der Autor spielt mit der Zeit, lässt Tage wie in Zeitlupe vergehen, Monate wie im Flug. Es mangelt nicht an Anspielungen auf den großen Dramatiker Anton Tschechow, am Ende führt die zusammengewürfelte und gebeutelte Truppe auch noch "Onkel Wanja" in einer Privatvorstellung auf.

Irgendwann geht es mit Shteyngart aber auch ein wenig durch: Die Handlung gewinnt so viel Dynamik, dass sie sich fast überschlägt; die Verwicklungen werden schier zu abstrus, und ein melodramatisches Element, fehlt ebenfalls nicht. Eines nämlich ist unvermeidlich: Auch in die entlegenste Gegend kann Covid-19 sich vorarbeiten, und wer es am Ende nährt und am Leben hält, ist dem Virus ziemlich gleich. Und da ähnelt es durchaus dem Krieg.