Sherko Fatah - Schwarzer September

Sherko Fatah - Schwarzer September

Sherko Fatah - Schwarzer September

Von Holger Heimann

Sherko Fatahs Beirut der 1970er Jahre ist eine undurchsichtige Stadt voller Flüchtlinge, Agenten, Terroristen und konkurrierender Clans. Schritt für Schritt bewegt sich die libanesische Metropole in diesem packenden Thriller auf eine Katastrophe zu.

Sherko Fatah
Schwarzer September

Luchterhand, München 2019
384 Seiten
22 Euro

Der Nahe Osten

Sherko Fatah ist mit allen seinen bisherigen Romanen dorthin zurückgekehrt, woher sein Vater, ein irakischer Kurde, stammt: in den Nahen Osten. Er hat Schmuggler und Versehrte, Gotteskrieger und Reisende vornehmlich auf ihren Wegen durch den Irak und seine kurdischen Grenzregionen im Norden begleitet Es gehört zum Kern seiner Poetologie – im Rückgriff auf die eigene Biografie – Menschen immer wieder mit Fremdheit zu konfrontieren:

"Homogene Landschaften haben mich noch nie interessiert – nicht als Mensch und nicht als Autor. ... Und wenn man heterogene Landschaften sucht, also ethnisch, kulturell, religiös, dann ist man im Nahen Osten natürlich perfekt aufgehoben, weil genau darum geht es ja dort. Alle diese Länder, wirklich alle, sind multiethnisch und multireligiös, obwohl wir sie immer nur als islamisch wahrnehmen."

Sherko Fatah - Schwarzer September

WDR 3 Mosaik 30.09.2019 05:16 Min. Verfügbar bis 29.09.2020 WDR 3

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Schauplatz Beirut

In seinem neuen Roman lässt er einmal mehr Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und mit sehr unterschiedlichen Interessen aufeinandertreffen. Schauplatz ist Beirut. Die libanesische Hauptstadt, einstmals als Paris des Nahen Ostens gerühmt, hat sich Anfang der 1970er Jahre zu einem Tummelplatz für Flüchtlinge, Milizen, Revolutionäre, Agenten und Gangs entwickelt. Das Markanteste an der Stadt ist ihre Unübersichtlichkeit.

"Beirut könnte ein Paradies sein, dachte er, wenn es nicht so viele fremde Mächte gäbe, die ausgerechnet den Libanon zu ihrem Operationsgebiet gemacht hatten. Es muss daran liegen, dachte er weiter, dass dieser Ort von so verschiedenen Religionen, politischen Parteien und Clans beansprucht wurde."

Ein großes Verwirrspiel

Der libanesische Polizist, der hier über die Stadt sinniert, wird von einem Killerkommando erschossen, vermutlich weil er als Zuträger für die US-Amerikaner gearbeitet hat. Aufgeklärt wird der Fall nicht, wie überhaupt manches undurchsichtig und rätselhaft bleibt in dem Roman – ganz so wie die Realität selbst, die umkreist wird. Die Gewalt wandert allmählich in den Alltag, bis der Bürgerkrieg unausweichlich ist, der die Stadt bis zur Unkenntlichkeit verwüsten wird.

Sherko Fatah

Sherko Fatah

Sherko Fatah erzählt von dieser Zuspitzung nicht aus der Perspektive des alles überblickenden Analysten, er ist vielmehr nah bei den Akteuren, die jeweils nur ein begrenztes Blickfeld haben und deren Einflussmöglichkeiten gering sind. Sein Thriller ist ein großes Verwirrspiel um wechselnde Allianzen und Loyalitäten, in dem jeder sich Vorteile zu verschaffen sucht, aber zugleich das Risiko eingeht, enttarnt zu werden. Fatah schreibt dabei dicht an der Wirklichkeit der von Gewalt und Bürgerkrieg gezeichneten Jahre in Beirut entlang, manche seiner Figuren haben historisch verbürgte Vorbilder.

"Es gibt ungeheuer viel Material zu dieser Zeit. Das muss ich umschmelzen. Es ist keine Dokumentation, wenn auch an historischen Gegebenheiten entlang erzählt. Mir gibt das Sicherheit, ich kenne die Timeline. Aber es stellt mich vor die Herausforderung, das alles so korrekt wie möglich darzustellen, ohne dabei trocken und staubig zu werden. Es ist so eine Art Balanceakt."

Ziad

Fatah zentrales Figurenensemble bildet ein spannungsreiches Dreieck. Zu den Hauptakteuren zählen US-amerikanische Agenten zwischen zynischer Abgeklärtheit und Überforderung, palästinensische Terroristen und eine Schar wirrer deutscher Berufsrevolutionäre, die Fremdkörper im Land bleiben.

Im Zentrum des Romans aber steht Ziad, eine Figur wie sie typisch ist für die Romane von Sherko Fatah. Ohne Heimat, Orientierung und Halt ist der junge, einfache Mann leicht manipulierbar. Er hat seine Eltern und deren Haus irgendwo im libanesischen Niemandsland verlassen, um der Armut und einem vorgezeichneten Leben zu entkommen. In Europa schließt er sich palästinensischen Kämpfern an und kehrt mit ihnen zurück nach Beirut.

"Er ist eine traurige Figur, und er lädt nicht zur Identifikation ein. Aber er ist die Figur, die so häufig ist in diesen Weltläuften, wenn die Politik ins Spiel kommt, der Mitläufer, der, der meint, zu handeln, aber eigentlich die ganze Zeit als Werkzeug benutzt wird."

Heilsbotschaften und ein neuer Terrorismus

Der entwurzelte Palästinenser durchschaut seine Lebenssituation nicht und ist daher umso empfänglicher für jegliche Heilsbotschaften. Als der politisch motivierte Terror an ein Ende gelangt, seine Anführer sterben oder untertauchen, wendet sich Ziad einer neuen Gruppierung zu: der Partei Gottes. Der ängstliche und gewissenlose Mann, der leichthin zum mehrfachen Mörder geworden ist, will vor allem eines: dazugehören. Er lauscht deshalb nur allzu gern der Erzählung eines seiner neuen Kumpane.

"Deine palästinensischen Freunde wollen den Umsturz, weil sie aus ihrem Land vertrieben wurden, sagte Bulbul. Aber sie lassen sich von Diktatoren bezahlen. Die Armen hier wie dort interessieren sie nicht, weil sie ihr Wissen von reichen Leuten im Westen haben. Sie nennen es Wissenschaft. Aber der Osten braucht keine Wissenschaft. Was wir brauchen, ist der Glaube."

Fatahs komplexer Thriller weist über die Zeit, von der er handelt, hinaus. Er erzählt nicht nur davon, wie eine Region im Chaos versinkt, sondern schildert auch die Geburtsstunde eines neuen Terrorismus, der sich nicht mehr auf die Revolution, sondern auf Gott beruft. In Menschen wie Ziad findet er willfährige Diener.

Stand: 30.09.2019, 10:00