She She Pop - Sich fremd werden. Beiträge zu einer Poetik der Performance.

She She Pop - Sich fremd werden. Beiträge zu einer Poetik der Performance.

She She Pop - Sich fremd werden. Beiträge zu einer Poetik der Performance.

Von Philine Velhagen

Erklärbären und Fastnackfotos: ein gar nicht theoretisches Theatertheoriebuch gibt Einblicke in die Arbeitsweisen des stilprägenden Performance Kollektivs She She Pop.

Johannes Birgfeld (Hg)
She She Pop. Sich fremd werden
Beiträge zu einer Poetik der Performance

Alexander Verlag, Berlin 2018
152 Seiten
16 Euro

Drei Handlungsempfehlungen

Lasst die Zuschauerinnen mit machen! Seid ersetzbar! Schaut euch an wie Ihr lebt und arbeitet! So könnten drei Handlungsempfehlungen an junge Theaterkollektive lauten, die ihnen die alten Performancehäsinnen She She Pop mit auf den Weg geben können.

Für ihre Vorlesungen zur zeitgenössischen Dramatik in Saarbrücken haben drei der Performerinnen unter dem Titel "Sich fremd werden" Beiträge zu einer Poetik der Performance verfasst. She She Pop - Mitte der 90er am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen gegründet - sind Vorreiterinnen in Sachen hierarchiefreien kollektiven Arbeitens im Theater. Auch wenn She She Pops Theaterprojekte mittlerweile im Stadttheater angekommen sind. Ihre Methoden sind es noch nicht. Noch immer wird an den meisten Theatern mit großen Machtgefällen gearbeitet. Umso wichtiger, dass She She Pop jetzt ihre Strategien aufgeschrieben haben. Damit werden sie wiederhol- und anwendbar.

Hauptmerkmal der Arbeitsweisen

In drei Vorlesungen stellen die Autor*innen jeweils ein Hauptmerkmal ihrer Arbeitsweisen vor. Lisa Lucassen beginnt mit der Beziehung zwischen den Performerinnen und dem Publikum. Das sitzt bei She She Pop selten im abgedunkelten Zuschauerraum und schaut zu und wohin es will.

Hier wird es auf sehr unterschiedliche Weisen am Geschehen beteiligt und somit selbst zum Akteur.

"Die Zuschauer*innen haben uns unter den Rock geschaut. Sie haben die Hand gegen uns erhoben, haben Schicksal gespielt und über unsere Qualitäten offen abgestimmt. Sie haben sich „intime“ Momente erkauft. Sie haben unsere Kostüme getragen. Sie haben mit uns getanzt, sie haben uns angefasst, ausgezogen und geküsst. Sie haben mit uns neue Gesellschaftsordnungen skizziert. Sie haben uns das Thema diktiert. Sie haben immer eine Rolle erfüllt."

Ein ambivalentes Verhältnis

Solche partizipativen Spielformate sind mittlerweile Standard im Performancetheater. Aber auch hier war She She Pop eine der ersten Gruppen, die gleich die gesamte Rezeptionssituation im Theater in Frage stellten.

Das Theaterkollektiv "She She Pop" in einer Szene der aktuellen Produktion "Oratorium"

Das Theaterkollektiv "She She Pop"

"Dass nämlich dieses ambivalente Verhältnis zwischen Performer*innen und Zuschauer*innen selbst schon modellhaft war- also so prägnant und komplex und aufregend, dass es als Modell für andere erklärungsbedürftige, assymetrische Beziehungen und Machtverhältnisse in der Gesellschaft dienen kann."

Ein Theater der Beteiligung, ein Möglichkeitsraum

Bertolt Brecht gilt den Performer*innen als Gewährsmann. Schon er sprach in den späten 20ern des letzten Jahrhunderts vom Theater ohne Zuschauer. Womit er kein leeres Theater meinte, sondern ein Theater der Beteiligung, einen gemeinsamen Möglichkeitsraum, in dem die Zuschauer und Zuschauerinnen eben nicht nur zuschauen, sondern mit über den Verlauf des Abends bestimmen und Verantwortung übernehmen.

She She Pop variieren in ihren Projekten den Grad an Publikumspartizipation. In ihrem bisher erfolgreichsten Projekt "Testament" – einer sehr freien Adaption von King Lear - wird das Publikum zu teilnehmenden Beobachtern. Allein ihre Anwesenheit schafft überhaupt erst den öffentlichen und eben nicht privaten Raum, in dem Performer*innen mit ihren eigenen Vätern über so schwierige Themen wie Tod und Erbe sprechen können.

"Lieber Vater, auch du bist jetzt alt, du bist schwach, du bist kein Mann mehr, gegen den man kämpft. Ich gebe zu, ich habe den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst. Damit aber nicht im Unklaren bleibt was uns beide betrifft, habe ich mir Folgendes überlegt: Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir, dass du immer lieber verreist gewesen bist, als zu Hause bei deinen Kindern. Ich verzeihe dir, dass du geglaubt hast, sonntagsnachmittags Schweinerollbraten zu kochen wäre dasselbe wie sich um eine Familie zu kümmern."

Das eigene Leben als Material für die Bühne.

Wie das geht, mit welchem Risiko, welchen Regeln und Rahmen, damit die Texte schließlich über das Private hinausweisen, davon berichten die Vorlesungen auch. Jeweils zwischen den Vorlesungstexten stehen ganz besondere Kapitel

"Der Erklärbär ist ein Textformat, das häufig am Anfang einer Show steht: Im Namen der Gruppe tritt jemand vor (in manchen Fällen auch die ganze Gruppe), erklärt die Regeln des Abends und weist den Zuschauer*innen ihre Rolle in dem Szenario zu."

Wäre der Führungsstil im Theater ein langer großer Tisch, an dem im deutschen Stadttheater in der Regel die erste - sogenannte Konzeptionsprobe stattfindet, dann säßen She She Pop an dem einen Ende dieses Tisches. Ihnen gegenüber an anderen Ende säße Frank Castorf. Dessen komplette Konzeptionsprobe ist aktuell auf der Website des Schauspiel Köln zu sehen. Ein alter deutscher Erklärbär erzählt eine Stunde was er so gemacht hat und noch vor hat. 30 Menschen – Schauspielerinnen, Vertreterinnen der Gewerke, diverse Assistentinnen, auch um den Tisch versammelt – schweigen durchgehend. Da ist kein Platz für ihr Reden vorgesehen. Das waren noch Zeiten. Wir dürfen uns freuen, wenn in Zukunft Kollektive wie She She Pop Theater leiten, die von sich selbst absehen können, die mit dem Bewusstsein arbeiten, dass das Private politisch ist und die das Publikum immer wieder neu denken.

She She Pop - Sich fremd werden.

WDR 3 Buchrezension 25.01.2019 05:50 Min. WDR 3

Download

Stand: 22.01.2019, 13:24