Zeruya Shalev - Schicksal

Buchcover: Zeruya Shalev - Schicksal

Zeruya Shalev - Schicksal

Von Andrea Gerk

Radikal und intensiv: "Schicksal", der neue Roman der israelischen Bestsellerautorin Zeruya Shalev erzählt von zwei unterschiedlichen Frauen, fatalen Fehlentscheidungen und der Frage, ob das Leben nicht auch ganz anders hätte verlaufen können.

Zeruya Shalev: Schicksal
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer.
Berlin Verlag, Berlin 2021.
416 Seiten, 24 Euro.

Zeruya Shalev - Schicksal

WDR 3 Buchkritik 07.06.2021 05:48 Min. Verfügbar bis 07.06.2022 WDR 3


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Die erste Frau des Vaters

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt von Zeruya Shalevs neuem Roman: Die über neunzigjährige Rachel, die in ihrer Jugend, noch vor der Staatsgründung Israels, in der Untergrundbewegung Lechi gegen die britischen Besatzer kämpfte. Und die etwa fünfzigjährige Atara, eine auf Denkmalschutz spezialisierte Architektin, die am Beginn des Romans der Frage nachgeht, warum ihr Vater Meno auf dem Sterbebett immer wieder Rachel, den Namen seiner ersten Frau, flüsterte:

"Er hatte ihr am Ende seines Lebens einige wenige Dinge gesagt, die ihr seitdem keine Ruhe lassen und darauf drängen, geklärt zu werden, und es gibt auf der Welt nur eine Frau, die das für sie tun kann. Seit Monaten versucht sie, an sie heranzukommen, und jetzt, wo sie es endlich geschafft hat, findet sie ihre Tür verschlossen."

Die Last der Schuld

Aber Rachels Tür öffnet sich doch noch und die alte Frau erzählt Menos‘ Tochter Atara ihre Geschichte. Gemeinsam mit Ataras Vater gehörte Rachel in den 1940er Jahren der Lechi an - einer paramilitärischen, radikal zionistischen Untergrundorganisation, die Terroranschläge auf die britische Mandatsmacht verübte und deren Existenz in Israel lange Zeit verdrängt wurde.

Als Meno und Rachel im Untergrund aktiv waren, überbrachten sie einer jungen Frau einen Brief, der irrtümlich bei ihnen gelandet war und der dazu führte, dass diese Frau – die ebenfalls Atara hieß – in einen Bus stieg, der von arabischen Terroristen in die Luft gesprengt wurde. Weil Meno diese gemeinsame Schuld nicht ertragen konnte, verließ er Rachel, die beiden sahen sich nie wieder und konnten einander doch nicht vergessen:

"Sie muss ihr davon erzählen, bevor es zu spät ist. Ein Mensch muss wissen, nach wem er benannt ist und aufgrund welcher Verkettung von Umständen er zur Welt gekommen ist, genauso wie alle Juden, die in Erez Israel leben, wissen müssen, wie es dazu kam, dass ihnen dieses Recht zuteil wurde. Denn in seinen Geburtswehen des Staates hatten sich die Mutigsten seiner jungen Menschen bewiesen (…)"

Was wäre gewesen, wenn

Rachel leidet ihr Leben lang darunter, dass keiner um ihre toten Kameraden trauert. Atara wiederum will endlich wissen, warum über die erste Ehe ihres Vaters nicht gesprochen werden durfte und weshalb dieser so unnahbar und brutal ihr gegenüber war. Doch die beiden Frauen sind nicht nur über Meno miteinander verbunden. Sie teilen auch das Schicksal zweimal geheiratet zu haben und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie sich anders entschieden hätten.

Tod von Ataras zweitem Mann

Atara ist in zweiter Ehe mit Alex verheiratet, jeder hat ein Kind mit in die Beziehung gebracht und es gibt einen gemeinsamen Sohn, Eden, der gerade seinen Militärdienst absolviert. Als Alex krank wird, reagiert Atara - ermattet vom alltäglichen Ehegezänk – zu zögerlich, ihr Mann stirbt vor ihren Augen und sie martert sich mit Schuld- und Wutgefühlen:

"Wo ist diese wahnsinnige Wut bloß bisher gewesen, wundert sie sich, wohnte sie schon immer in ihr? Hat sie sich, wie er so oft behauptet, gegen ihn gewendet und verteilt sich nun, nach seinem Tod, in einem weiteren Radius? Aber auf ihn war sie ja meistens zu Recht wütend gewesen, während ihre Besucher ihr doch nichts getan haben. Muss ein Mensch erst seinen Lebenspartner verlieren, um sich selbst kennenzulernen? Könnte sie diesen Gedanken doch nur mit Alex besprechen."

Die wirkliche Bedeutung von Schicksal

Wie es ist, mit großen Verlusten und latenten Schuldgefühlen zu leben, davon erzählen Zeruya Shalevs Frauenfiguren abwechselnd, in einem hohen, manchmal pathetischen Ton. Wie in einer Litanei werden Motive wiederholt, variiert und zu einem Klagegesang verwoben, der um die Frage kreist, was Schicksal eigentlich bedeutet: Das Unabwendbare hinzunehmen oder die entscheidenden Momente zu erspüren, in denen man sich falsch entschieden hat, in dem es also noch eine Alternative gegeben hätte.

Obwohl das eine oft bedrückende Schwere erzeugt, gelingt es Zeruya Shalev erneut, zu zeigen, wie absurd, albern und ermüdend das zeitgenössische Beziehungsleben zuweilen sein kann. Das verleiht diesem oft auch bedrückenden Text immer wieder auch so etwas Leichtigkeit und Witz:

"Manchmal hat sie den Eindruck, dass die meisten Dinge, die Partner zueinander sagen, gar nicht beantwortet werden, allein die Tatsache, dass sie in den gemeinsamen Raum gesprochen werden, reicht in der Regel schon aus. Er ist sowieso auf der Toilette, hat sie vermutlich gar nicht gehört, obwohl sie jetzt sehr gut die Geräusche seiner Gedärme hört, und wieder wundert sie sich über die modernen Architekten, die diese „Elternzone“ mit integrierter Toilette erfunden und damit eine völlig überflüssige und unangenehme Vermischung geschaffen haben, als seien die Eltern tatsächlich nur ein Wesen, ein Leben, bei dem keiner auch etwas Privatheit braucht."

Ein intensiver und politischer Roman

Radikal, intensiv und vielschichtig ist dieser Roman. Zeruya Shalev geht darin nicht nur den Verwerfungen nach, die unsere Beziehungen so kompliziert machen; vielmehr erforscht sie die Abgründe, die sich in Menschen einschreiben, wenn sie schuldig werden – gegenüber ihren Eltern, ihren Partner und Kindern, die sie verlassen und verraten mussten, nur, weil sie wie Menschen fühlen und handeln.

Zeruya Shalev, die 2004 selbst einen Terroranschlag auf einen vollbesetzten Bus in Jerusalem überlebt hat, ist mit "Schicksal" auch ein aktueller, politischer Roman gelungen, der ein Kapitel aus der Geschichte Israels in den Blick nimmt, mit dem sich auch die schwierige Gegenwart des Landes anders lesen lässt.

Vor allem aber zeigt "Schicksal" auf komplexe Weise, wie sehr Schuld und Verantwortung auf allen Ebenen – privat, politisch und historisch und gegenwärtig – miteinander verwoben sind.

Stand: 06.06.2021, 14:27