Elif Shafak - Schau mich an

Buchcover: Elif Shafak - Schau mich an

Elif Shafak - Schau mich an

Von Stefan Berkholz

Ein früher Roman der türkischen Autorin Elif Shafak erscheint jetzt auf Deutsch - Ein poetisches Buch über die Zeit, das Wesen der Liebe und das menschliche Dasein.

Elif Shafak: Schau mich an
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.
Kein & Aber, Zürich 2020.
398 Seiten, 24 Euro.

Elif Shafak: "Schau mich an"

WDR 3 Mosaik 23.02.2021 05:09 Min. Verfügbar bis 23.02.2022 WDR 3


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Traum, Vision, Märchen, Fantasie oder einfach nur Erfindung?

Mit einem Traum beginnt es, mit einem Traum endet es. Denn das Leben ist nichts weiter als ein Traum, meint der Leser zu vernehmen. Und am Ende ist er sich nicht sicher, ob das Ganze als Traum zu lesen ist, als Vision und Märchen, die Erfindung einer Schriftstellerin natürlich, aber eben auch als Fantasie der namenlosen Hauptfigur.

"Ich bin ja nicht eine dieser mütterlichen Molligen mit roten Bäckchen, die überall gute Laune versprühen. Solche Frauen sind meistens eher klein und wirken daher trotz ihrer Pfunde noch immer irgendwie liebenswert rundlich-kompakt. Ich dagegen bin nicht nur überdurchschnittlich schwer, sondern zudem überdurchschnittlich groß, und somit nicht etwa 'mollig', sondern 'ein Brocken'. Und gute Laune habe ich auch nicht, denn durch mein Dicksein bin ich ständig gereizt."

Die ständigen Blicke in der Öffentlichkeit

Warum? Weil ständig geglotzt wird, weil ständig hinter dem Rücken getuschelt und gekichert wird, weil Dicke sich in der Öffentlichkeit einfach nicht unbeobachtet fühlen und ständig getrieben sind durch die Blicke von Fremden, die nicht erkennen möchten, sondern allein die Gestalt wahrnehmen. "Schau mich an", lautet der deutsche Titel, im Original von 1999 heißt das Buch "Mahrem", was so viel heißt wie "Privat".

"Da ich draußen nicht zurechtkam, hatte ich mich immer mehr zurückgezogen, und je mehr ich mich zurückzog, umso weniger kam ich draußen zurecht. Meine Isolierung war durchaus selbst gewählt, doch wie viel davon ich mir wirklich ausgesucht hatte, wusste ich nicht zu sagen."

Ein ungleiches Paar

Durch Zufall lernt die Erzählerin auf einem Dampfer einen kleinwüchsigen Mann kennen, einen Liliputaner; er reicht ihr bis zum Knie, achtzig Zentimeter hoch, aber sie finden zusammen. Was für ein ungleiches Paar! Unmöglich in den Augen der Öffentlichkeit. Und so fürchtet sie, von den Blicken Fremder noch mehr verfolgt und ausgegrenzt und verhöhnt zu werden.

"Verstimmt dachte ich an die Perspektive, mit ihm gemeinsam das Haus zu verlassen. Wie sehr wir uns auch verkleiden mochten, wie sollten wir uns denn vor den Augen anderer verbergen können? Wir waren nun mal zusammen kein ansprechender Anblick. Auch inkognito, und selbst im Abenddunkel, passten wir einfach nicht zusammen. Ich hatte Angst davor hinauszugehen. Mir gefiel es draußen nicht."

Ein "Lexikon der Blicke" entsteht

Die meiste Zeit sitzt BC, der Liliputaner mit dem seltsamen Kürzelnamen, ohnehin zu Hause, arbeitet fortan wie besessen an einem Lexikon. Die ganze Nacht hindurch kauert er vor dem Computer. Sie arbeitet tagsüber als Kindergärtnerin in einer Krippe. Wenn sie am Morgen die Wohnung verlässt, um zur Arbeit zu gehen, legt er sich schlafen. So leben sie allmählich aneinander vorbei. Als sie ihn schließlich fragt, wann denn diese Manie mit seinem "Lexikon der Blicke" begonnen habe, wie er darauf überhaupt gekommen sei, antwortet er ihr:

"Schau, unser ganzes Leben beruht doch auf dem Sehen und Gesehenwerden. Bei unseren sämtlichen Sorgen und Nöten, unseren fixen Ideen, bei unserem Glück und unseren Erinnerungen ja bei unserer ganzen Existenz hier auf Erden geht es immer und immer wieder um das Sehen und Gesehenwerden. Das will ich im Lexikon der Blicke aufzeigen."

Ein Eintrag lautet:

"Wenn die Schauspieler auf der Bühne stehen, setzen sich die Zuschauer auf ihren Sitzen zurecht und sehen sich an, was es bedeutet, angesehen zu werden."

Ein anderer Eintrag lautet:

"Der Gedanke, dass der Fernseher, in den wir ständig hineinschauen, dabei auch uns einmal sehen könnte, hat etwas Beunruhigendes."

Ein dritter, kurz vor Ende des Romans:

"Um das Leben zu sehen, halten wir uns einen Spiegel vor den Mund. Und sollten wir das Leben nicht sehen, so wissen wir doch, dass wir leben, wenn der Spiegel sich beschlägt."

Die gute und die schlechte Macht von Blicken

Sehen und Gesehenwerden - Eitelkeit und Narzissmus. Neid und Vorurteile und Ressentiments. Hass und Abscheu. Der Reiz des Fotografierens. Schaustellung. Augenschein. Blendung. Sensationsgier. Schauspieler. Masken. Der fremde Blick: beängstigend, verstörend und beglückend. Alles hängt mit den Blicken zusammen. Auch, wie die Liebe ungekannte Blüten erzeugt. Wie Blicke von Fremden schöner machen können.

"Wenn BC mich liebevoll ansah, lernte ich allmählich, mich selbst und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Meist war ich ganz begierig darauf, mit seinen Augen zu sehen und zu begreifen, was er wie sah. In diesen Augen war weder Mitleid noch Befremden. Die Welt war lebenswert und ich liebenswert."

Es kostet Mut sich erkennen zu lassen

Über sein Lexikon der Blicke nähert sich der kleine Philosoph schließlich ihrem Geheimnis, ihrer Verdrängung, ihrem Trauma. Sie will das nicht zulassen, glaubt aber zugleich, das Geheimnis seiner Liebe entlarvt zu haben, gibt auf, verzweifelt und verhindert damit, sich erkennen zu lassen.

Eine tolle Geschichte, von Gerhard Meier traumschön in wunderbar klares und anschauliches Deutsch gebracht. Ein poetischer Roman über die Zeit, das Wesen der Liebe, das menschliche Dasein. Ein Feuerwerk voller Fantasie und Sprachspielerei. 

Stand: 22.02.2021, 15:57