Amartya Sen - Ökonomie für den Menschen

Buchcover: Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen

Amartya Sen - Ökonomie für den Menschen

Von Raul Zelik

Alle Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen im Blick: neue Bücher von Amartya Sen, dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.

Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen.
Aus dem Englischen von Christiana Goldmann.
Hanser, München 2020.
424 Seiten, 26 Euro.

Amartya Sen: Die Welt teilen. Sechs Lektionen über Gerechtigkeit.
C.H.Beck, München 2020.
128 Seiten, 12 Euro.

Entwicklungsstrategien in Indien

Zu den am häufigsten zu hörenden Einwänden gegen die Wirtschaftswissenschaften gehört die Bemerkung, sie sei zu einer Hokus-Pokus-Wissenschaft verkommen, die mit mathematischen Formeln zu kaschieren versuche, dass es sich auch beim Wirtschaften um einen gesellschaftlichen Prozess und eben nicht um ein Naturphänomen handelt.

Einer der Ökonomen, die sich der Abkoppelung der Wirtschaftswissenschaften von den gesellschaftlichen Verhältnissen immer entschieden widersetzt haben, ist der Inder Amartya Sen. 1933 in Westbengalen geboren beschäftigte sich Sen als junger Forscher vor allem mit der Frage, wie eine Entwicklungsstrategie aussehen könnte, die in einem Land wie Indien einerseits stabile Löhne, andererseits aber auch Überschüsse für Investitionen in neue Anlagen garantiert – also für ein Gleichgewicht zwischen Wohlstand und technischem Fortschritt sorgt.

Amartya Sen: "Identität und Gewalt"

WDR 3 Buchkritik 16.10.2020 06:18 Min. Verfügbar bis 16.10.2021 WDR 3

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Der Human Development Index und der Befähigungsansatz

In den frühen 1980er Jahren publizierte Sen eine viel beachtete Studie, in der er zeigte, dass der Hunger in Indien weniger durch Nahrungsmittelknappheit als durch die Ungleichheit bei der Verteilung und durch zu hohe Lebensmittelpreise verursacht wird. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Vereinten Nationen seit 1990 einen alternativen Wohlstands- und Entwicklungsindikator ausweisen, nämlich den sogenannten Human Development Index, der den Erfolg von Ökonomien nicht mehr nur am Bruttosozialprodukt, sondern auch an Lebenserwartung und Bildungszugängen misst.

Und schließlich entwickelte er, in engem Austausch mit der feministischen Moralphilosophin Martha Nussbaum, auch den sogenannten "Befähigungsansatz": Sen und Nussbaum zufolge dürfe sich eine Theorie der Freiheit nicht nur mit formalen Rechten, dem Fehlen staatlicher Verbote oder der Möglichkeit des unternehmerischen Handelns beschäftigen, sondern müsse auch über die Befähigung nachdenken, Freiheit ausüben zu können. Damit holten Sen und Nussbaum Bildung, Gesundheit, soziale Sicherheit, aber auch die individuelle Verletzlichkeit zum Beispiel von Kranken und Behinderten in den Blick der liberalen Freiheitstheorie.

Sechs Lektionen über Gerechtigkeit

Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sind nun einige Schriften Sens neu veröffentlicht worden. Explizit angelegt als eine Einführung in sein Werk ist das schmale Bändchen "Die Welt teilen. Sechs Lektionen über Gerechtigkeit", das Aufsätze und Vorträge Amartya Sens aus den 2000er Jahren versammelt.

Thematisch vermittelt das im C.H.Beck verlegte Buch einen ganz guten Überblick: Es geht unter anderem über den Hunger in Indien, die sozioökonomische Bedeutung der Presse- und Meinungsfreiheit und über die Notwendigkeit eine gerechteren Globalisierung. Doch leider sind die Texte so allgemein gehalten und so wenig kontextualisiert, dass sich der durchschnittliche Leser wohl eher in oberflächlichen Pauschalurteilen bekräftigt sehen dürfte.

Die Frage nach der realen Freiheit

Deutlich erhellender ist der bei Hanser neu aufgelegte Titel "Ökonomie für den Menschen". Obwohl bereits 1999 auf Englisch erstveröffentlicht, ermöglicht das Buch einen soliden und nach wie vor aktuellen Einstieg in Sens Schaffen. Schon in den ersten Zeilen der Einleitung skizziert der indische Ökonom, worin sein zentrales Anliegen besteht: Er will den Entwicklungsbegriff neu definieren.

"Entwicklung lässt sich, so meine These, als Prozess der Erweiterung realer Freiheiten verstehen, die den Menschen zukommen. Die Konzentration auf menschliche Freiheit kontrastiert mit engeren Auffassungen von Entwicklung, in denen Entwicklung mit dem Wachstum des Bruttosozialprodukts oder mit dem Anstieg des persönlichen Einkommens gleichgesetzt wird."

Die Erweiterung der realen Freiheiten, im Unterschied zu den formalen, ist für Sen gleichermaßen Ziel und Maßstab der Entwicklung. Damit setzt er sich deutlich von Strategien ab, wie sie in den 1960er und 1970er Jahren vielerorts propagiert wurden.

Die Militärdiktaturen Südkoreas, Brasiliens oder Indonesiens beispielsweise verstanden sich als kapitalistische Modernisierungsregime, die ihre Länder geplant und mit Gewalt für den Fortschritt "fit machen" wollten. Zugleich richtete sich Sen aber auch gegen den sozialistischen Entwicklungsbegriff, der eine nicht minder gewalttätige nachholende Industrialisierung unter Führung der Staatspartei vorsah.

Weiterentwickelter Sozialliberalismus

Das Bemerkenswerte an Sens Perspektive war also, dass er für eine humanistische Entwicklung plädierte, die die sozialen Ungleichheiten, die Klassenverhältnisse, das koloniale Erbe und die Geschlechterunterdrückung dezidiert in den Blick nahm. Sen kritisierte die Allmacht der Märkte und blieb doch dem Liberalismus zutiefst verbunden. Zumindest im historischen Rückblick lässt sich sein Ansatz als Versuch beschreiben, einen Sozialliberalismus à la John Rawls so weiter zu entwickeln, dass auch internationale Beziehungen, Klassen- und Geschlechterverhältnisse transformiert werden.

Keine Berücksichtigung des Entwicklungsparadigmas

Man sollte sich bewusst sein, dass die entwicklungstheoretische Debatte in mancher Hinsicht heute sehr viel weiter geht. Die postkolonialen Debatten beschäftigen sich bald 50 Jahren mit der Frage, ob nicht das Entwicklungsparadigma selbst – also die Vorstellung, es gebe Gesellschaften, die sich entwickeln müssten – das internationale Ungleichheitsverhältnis mit hervorbringt. Die Unterentwicklung des globalen Südens wäre dementsprechend die notwendige Kehrseite des Reichtums im Norden.

Solche grundlegenden Einwände finden bei Sen keine Berücksichtigung. Sein Anliegen ist es, die bestehenden Gesellschaften und den kapitalistischen Weltmarkt menschlicher zu gestalten. In Anbetracht der realen Entwicklungen und nicht zuletzt des sich beschleunigenden Klimawandels muss man fragen, ob Sens Ansatz nicht zu immanent gedacht ist.

Doch dabei darf sein grundlegender Verdienst nicht aus dem Blick geraten: Amartya Sen gehört zu jenen, eher rar gesäten, Ökonomen, die sich immer der gesellschaftlichen Verantwortung gestellt und moralische und soziale Fragen mit verhandelt haben.

Stand: 12.10.2020, 16:18