Seiko Ito -Das Romanverbot ist nur zu begrüßen

Buchcover: Seiko Ito -Das Romanverbot ist nur zu begrüßen

Seiko Ito -Das Romanverbot ist nur zu begrüßen

Von Geschwinde, Barbara

Der Titel des Buchs "Das Romanverbot ist nur zu begrüßen" klingt programmatisch. Seiko Itos Dystopie ist eine stellenweise sperrige Reflexion über das Wesen des Romans.

Ito Seiko: Das Romanverbot ist nur zu begrüßen
Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph
Cass Verlag 2021, 160 Seiten, 22 Euro

Seiko Ito: "Das Romanverbot ist nur zu begrüßen"

WDR 3 Buchkritik 14.07.2021 04:08 Min. Verfügbar bis 14.07.2022 WDR 3


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Der Schauplatz der Handlung ist Japan

Auf dem pergamentartigen, semi-transparenten Schutzumschlag des Romans steht in roten Druckbuchstaben:

"So einen seltsamen Roman haben Sie noch nie gelesen, glauben sie mir."

Eine Ankündigung, der nach der Lektüre des Romans nichts entgegen zu setzen ist.

"Ich, Nummer 86, Einzelzellenhäftling in Sammeltrakt 3, Zone xxx, habe in meinen frühen Vierzigern von einem damals auf diesem Archipel existent gewesenen Verlag als 'Essayist' einen Preis bekommen und dafür steuerfrei eine Million Yen eingestrichen."

Der Protagonist ist ein namenloser Herr, Schriftsteller, 75 Jahre alt, von dem die Häftlingsnummer 86 überliefert ist. Die Haftanstalt befindet sich auf einem sogenannten "ostperipheren Archipel", was der ostasiatischen Inselkette Japan entspricht. Außerdem wird explizit die japanische Sprache erwähnt, die sich aus zwei Silbenschriftsystemen und den chinesischen Schriftzeichen zusammensetzt. Weitere Indizien, die dafür sprechen, dass der Schauplatz der Handlung Japan ist, sind, dass die Gefängniswärter weiße Strahlen-Schutzanzüge tragen und von AKW-Havarien die Rede ist.

"Ich höre, dass die Region xxx so verseucht ist, daß sie nicht mehr betreten werden kann. Nach den während des Konflikts aufgetretenen Erdbeben und sintflutartigen Regenfällen und den dadurch hervorgerufenen Störfällen in den Atommeilern ist zweifellos auch die alte Hauptstadt nicht mehr xxx."

Zensur wird sichtbar

Im Roman sind immer wieder einzelne Worte geschwärzt, da der Protagonist inhaftiert ist und seine Berichte und Reflexionen aus der Haftzeit von der Gefängnisaufsicht zensiert werden. Darin berichtet er von seinem Leben als Schriftsteller. Er reflektiert über ein Romanverbot, das erlassen wurde und das der Autor ausdrücklich begrüßt. Er ist ein in der Weltliteratur bewanderter Schriftsteller und kommentiert – anhand vieler Beispiele – das Wesen des Romans. Die Sprache, die er verwendet, ist eigentümlich, sperrig und altmodisch. Die Handlung spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Der Erzähler berichtet aus dem Jahr 2036 und blickt zurück in unsere Gegenwart, die von Umweltzerstörung, Kriegen und diktatorischen Regimen gekennzeichnet ist.

"Ob es die Hochhäuser unter dem Sommerhimmel noch gibt? Schon zu der Zeit, als ich noch nicht einsaß, gab es nur wenige, die darin gewohnt und gearbeitet haben. Die meisten Blöcke werden zu Ruinen verkommen sein. Daß Regen- und Schlammassen die Städte heimsuchen, liegt an der unbarmherzigen Abholzung der Wälder, die man zur Papiergewinnung betrieben hat. Vor langer Zeit, als man uns noch in den Innenhof des Traktes zu führen pflegte, habe ich von Mitgefangenen gehört, daß die Straßen überall von Bombentrichtern gekennzeichnet seien, aber auch, wenn sich hier und da die Erde aufwarf und Unkraut zu sprießen begann, bewirkten die Selbstheilungskräfte der Natur in den zerstückelten Oasen nur wenig, und nach der extrem kalten Luft in meinem Zimmer zu urteilen und in Anbetracht der Sturzregen, die aus heiterem Himmel ans Fenster schlagen, nehme ich an, dass die Sommer auf dem Archipel noch immer so sind wie vor dem Konflikt."

Eine intellektuelle Dystopie

"Das Romanverbot ist nur zu begrüßen" ist eine sehr intellektuelle Dystopie. Die Grenzen zum literaturwissenschaftlichen Essay verschwimmen stellenweise. Extrem lange Schachtelsätze, wie beispielsweise im vorangegangenen Zitat, Fremdwörter und literarische Spitzfindigkeiten machen die Lektüre mühsam und es ist teilweise schwer den Ausführungen des Autors zu folgen. Zumal die Anspielungen, Referenzen und Bücher im Buch nicht alle als bekannt vorausgesetzt werden können. Auch der Erzähler ist kein Sympathieträger oder gar eine Identifikationsfigur. Wer jedoch Spaß an Gedankenspielen und literarischen Theorien hat, dem sein dieser Roman empfohlen. Denn so einen seltsamen Roman hat man – wie auf dem Cover angekündigt - wirklich noch nie gelesen.

Stand: 11.07.2021, 10:51