Katrin Seddig - Sicherheitszone

Buchcover: Katrin Seddig: Sicherheitszone

Katrin Seddig - Sicherheitszone

Von Oliver Pfohlmann

Auf beiden Seiten der Absperrgitter: Katrin Seddig legt am Beispiel einer gewöhnlichen Familie einen Querschnitt der gesellschaftlichen Gegenwart frei.

Katrin Seddig: Sicherheitszone
Rowohlt Berlin, Berlin 2020.
416 Seiten, 24 Euro.

Katrin Seddig: "Sicherheitszone"

WDR 3 Buchkritik 22.09.2020 04:55 Min. Verfügbar bis 22.09.2021 WDR 3

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Hamburg wird zur Sicherheitszone

In Katrin Seddigs neuem Roman sorgt ein Großereignis für den Zerfall einer ganz gewöhnlichen Familie – weil es wie ein Katalysator auf bislang unterdrückte innerfamiliäre Gegensätze wirkt.

Nein, nicht die Corona-Pandemie ist dieses Ereignis; ganz so aktuell ist Katrin Seddigs eindrucksvoller Gegenwartsroman natürlich nicht. Es ist der G20-Gipfel im Juli 2017, der Hamburg tagelang in eine gigantische "Sicherheitszone" verwandelt – so auch der Romantitel. Die bedrohlich anmutende urbane Kulisse wird am Ende, nach all den Eskalationen, Ausschreitungen und Polizeiübergriffen, einem Kriegsgebiet gleichen. Und während in der Elbphilharmonie die Regierungschefs Beethovens Neunter lauschen, mutiert selbst der Familienvater Thomas, bis dahin primär mit sich selbst beschäftigt, zum Wutbürger:

"Er stolpert die Treppe hinunter, schwingt sich auf sein Fahrrad, Hubschrauber, Sirenen, er fährt nach Hause, durch eine verdrehte, verbohrte, aufgeheizte Stadt. Eine Stadt wie im Fieber, voller Bosheit und klitzekleiner Feuer. Wegen ihm kann es ruhig knallen, richtig knallen, er hat jetzt langsam die Schnauze voll von den ungewohnten Ereignissen, den alltäglichen Einschränkungen, den emotionalen Zumutungen, dem Leben, das ihm staatlich aufgezwungen wird, als wäre er ein Kind, unmündig, dumm."

Eine Familie zwischen den Fronten

Die Rolle als unbeteiligter Beobachter, in die sich Thomas flüchtet, endet, als ihm ein Polizist eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht sprüht. Der Riss, der die erschütterte Gesellschaft durchzieht, geht mitten durch die Familie Koschmieder. Imke, die 17-jährige Tochter, leistet mit ihren aktivistischen Freunden "Widerstand"; ihre Oma, aufgewachsen in der NS-Zeit, würde das "Packzeug" auf den Straßen am liebsten beim Arbeitsdienst sehen. Und auf der anderen Seite muss Alexander, Imkes Adoptivbruder, als Polizist für Recht und Ordnung sorgen. Dass er seine Schwester liebt, obwohl sie eine "linke Zecke" ist, will diese ihm nicht glauben.

Katrin Seddig, Jahrgang 1969, erzählt ihren klug konstruierten Familienroman in der Gegenwartsform, in einer geschmeidigen, vielseitigen Sprache. Dialoge beherrscht die gebürtige Brandenburgerin ebenso souverän wie die berührende Reflexion oder den Panoramablick auf das Chaos auf den Straßen.

"'Sanitäter', kreischt Maja. Aber um sie herum tobt ein Sturm. Viele bräuchten Sanitäter. Polizisten sind jetzt auch oben, prügeln von unten auf welche ein, die auf der elbseitigen Mauer stehen, Imke sieht, wie Menschen herunterfallen, zwei, drei Meter tief.
'Seid ihr bescheuert?', schreit sie. 'Seid ihr bescheuert? Seid ihr bescheuert?' Sie kann gar nicht mehr damit aufhören. Sie schreit immer weiter, es ist wie ein Krampf."

Man müsste jede Geschichte erzählen

Kapitelweise wechselt die Autorin die Perspektive, lässt unsere soziale Realität als Amalgam sich gegenseitig relativierender Blickwinkel erscheinen. Man könnte in den Koschmieders sogar eine deutsche Version der "Lamberts" sehen. Denn wie Jonathan Franzens "Die Korrekturen" legt auch Katrin Seddigs Roman am Beispiel einer gewöhnlichen Familie einen Querschnitt der gesellschaftlichen Gegenwart frei. Und behandelt zugleich ein ganzes Bündel aktueller Themen: den Stand der Geschlechterverhältnisse etwa oder die Krise der Männlichkeit. Die Verhältnismäßigkeit von Polizeieinsätzen oder das richtige Engagement für eine bessere Welt. Und nicht zuletzt die Frage nach einem gelungenen Leben.

So hat Natascha, die Mutter, direkt gegenüber dem Familienhaus eine kleine Gästewohnung ausbauen lassen – als Möglichkeit für ein anderes, eigenständiges Leben.

Zu Beginn von Katrin Seddigs neuem Roman wohnt jedoch nicht Natascha in der Gästewohnung, sondern ihr Ehemann Thomas. Der Antiquitätenhändler kann hier ungestört seine Midlife-Crisis, sprich Affäre, pflegen. Eine zumindest für ihn bequeme Lösung, zumal Natascha in einer Mischung aus Wut und Ratlosigkeit vorerst weiterhin seine Hemden bügelt.

Am Ende ist es aber auch Natascha, die Kunstwissenschaftlerin, die sich bei ihrer Befreiung aus dem familiären Sumpf dem Geschehen ästhetisch zu nähern versucht – und es damit dem Roman ermöglicht, seine eigene Darstellungsweise zu kommentieren:

"Wie sollte man das jemandem erzählen, was hier passiert? Man müsste jede einzelne Geschichte jedes einzelnen Menschen erzählen. Es wäre besser, wenn es ein Bild wäre, aber das müsste ein sehr, sehr guter Maler malen.
Alles zusammen ergibt die schreckliche Schönheit des Lebens. Siehst du das?"

Stand: 21.09.2020, 16:57